Herr von Hirschhausen, in Ihrem neuen Buch „Die bessere Hälfte“ behaupten Sie: Viele Menschen sind mit Mitte 50 zufriedener als mit 17 Jahren. Sie sind jetzt 51 Jahre alt. Wenn Sie jetzt an ihr 17-jähriges Ich denken – sind Sie jetzt zufriedener?

Ja, das bin ich und ich vermisse meine Jugend auch nicht. Ich kann ja noch immer alles wie früher, nur halt nicht mehr am selben Tag (lacht). Ich war gerne 17. Und jetzt bin ich gerne 51. Ich persönlich finde es albern, wenn 70-Jährige mit tiefhängenden Jeans und Baseballkappe rumlaufen und sich für jugendlicher halten als sie sind. Ich bin froh, dass ich inzwischen weiß, dass ich nichts verpasse, wenn ich mir nicht bei lauter Musik und gebrüllten Gesprächsfetzen die Nächte um die Ohren schlage, sondern mit einem guten Buch mich entspannt ins Bett lege. Man kann nicht immer 17 sein – muss man auch gar nicht!

Was ist mit den Menschen, die gerade „voll im Saft“ stehen? Also den 25- bis 45-Jährigen? Sind die im Gegenzug dann eher unglücklich?

Genau deswegen spricht man in dieser Zeit auch vom „Tal der Tränen“. Oder wie wir es lieber nennen die „Rushhour des Lebens“. In der Mitte des Lebens kann einem schon mal die Puste ausgehen. Alles stresst gleichzeitig: Beruf, Kinder, Eltern und die ersten körperlichen Macken, die nicht mehr weggehen. Aber Tobias Esch, mein Medizinerkollege und bester Freund, mit dem ich gemeinsam das Buch geschrieben habe, und ich haben gute Nachrichten: Die zweite Lebenshälfte ist besser als ihr Ruf. Es ist nur eine Phase und die geht vorbei. Da kommt noch viel, auf das wir uns freuen können.

Worauf freuen Sie sich am meisten, wenn Sie 80 Jahre alt sind?

Ich freue mich herauszufinden, ob wir mit den Thesen in unserem Buch auch wirklich recht hatten (lacht). Wahrscheinlich stelle ich mir mein Leben so vor wie die meisten Menschen – und hoffe es selbstbestimmt in meiner Wohnung führen zu können. Oder um es mit dem Gebet der Achtzigjährigen etwas salopper zu sagen: Oben klar und unten dicht, lieber Gott, mehr will ich nicht!

Tobias Esch (links) bezeichnet Hirschhausen als seinen „besten Freund“. Mit ihm hat er das Buch geschrieben.
Tobias Esch (links) bezeichnet Hirschhausen als seinen „besten Freund“. Mit ihm hat er das Buch geschrieben. | Bild: Camillo Wiz

Im Schnitt leben die Menschen alle zehn Jahre etwa zwei bis drei Jahre länger. Ein neugeborener Junge hat heute eine Lebenserwartung von 78 Jahren und vier Monaten, Mädchen werden im Schnitt 83 Jahre und zwei Monate alt. Aber was bringt das immer-noch-Älterwerden, wenn der Körper ab dem 40. Lebensjahr abbaut?

Natürlich kommen die Zipperlein verstärkt in der zweiten Lebenshälfte: Mal zwackt das Knie, mal der Rücken oder es wird wie bei mir jetzt plötzlich eine Brille nötig. Eine Entspannungsbrille wie der Verkäufer so freundlich betont hat, da er das Wort Gleitsichtbrille unbedingt vermeiden wollte (lacht). Erwiesenermaßen ist es aber so, dass trotz körperlicher Einschränkungen die Zufriedenheit bei neun von zehn Leuten in der zweiten Lebenshälfte zunimmt. Die Forschung zeigt auch, dass es Älteren oft gelingt, ihre Zufriedenheit von körperlichen Gebrechen loszukoppeln. Das nennt man Wohlfühlparadoxon. Man setzt die Erwartungen nicht mehr so hoch, kann loslassen, wird gelassener und eben auch glücklicher.

Aber mein Eindruck ist, dass viele Menschen im Alter eher meckern.

Natürlich gibt es die, aber sie sind nicht in der Mehrzahl. Die Chance im Alter glücklich und zufrieden zu sein, liegt bei 80 bis 90 Prozent. Leider sind die anderen zehn bis 20 Prozent aber viel lauter und verfälschen unser Bild vom Altwerden. An den Leisen, den Zufriedenen sollten wir uns orientieren. Mein Tipp: Suchen Sie sich Vorbilder. Ich habe schon immer gerne von der Erfahrung älterer Menschen gehört. Und es gibt so viele, die wir bewundern können für ihre Leistungen im hohen Alter. In unserem Buch sprechen wir mit unseren Müttern, Nobelpreisträgern bis zu Querschnittsgelähmten, was deren Überlebenstipps sind. Es sind Dinge wie Neugier, Dankbarkeit und Sinn – nichts, was sich kaufen lässt, und dennoch mit das Wichtigste im Leben.

Wird man heute anders alt als noch vor 20 Jahren?

Wir werden tatsächlich gesünder älter, auch wenn sich das erst mal nicht so anfühlt. Jeder hat doch in seinem Umfeld jemanden mit Demenz. Dabei ist die Chance für einen 70-Jährigen an Demenz zu erkranken heute geringer als noch vor 20 Jahren. Das liegt an vielen Dingen, von besserer Bildung bis Gesundheitsversorgung. Dement zu werden heißt salopp: man ist vorher nicht an etwas anderem gestorben.

Bild: Camillo Wiz

Um gesund alt zu werden, was müssen wir dafür tun? Haben Sie ein paar Tipps?

Lassen Sie alles weg, was es verkürzt. In meinem Liveprogramm „Endlich!“ bringe ich es ganz einfach auf den Punkt: 15 Jahre unseres Lebens hängen am Lebensstil. Es gibt keine Tablette, keine Operation und erst recht keine Creme, die uns besser schützen als fünf ganz einfache Dinge des Alltags: nicht rauchen, bewegen, Gemüse – erwachsen werden und Kind bleiben.

Wie bleibt man denn gleichzeitig Kind und wird erwachsen? Wie erhalten Sie sich ihr inneres Kind?

Ich bewahre das Kind in mir, indem ich mir meine Neugier nicht nehmen lasse und nie aufhöre, Fragen zu stellen. Kinder sind viel neugieriger als Erwachsene. Das offenbart übrigens auch das zentrale Dilemma unseres Bildungssystems. Kindern wird gesagt: Sei doch nicht so neugierig! Besser wäre es ihnen zu sagen: Sei doch nicht so erwachsen!

Glauben Sie, wir haben noch genug Respekt vor dem Alter?

Es gibt afrikanische Kulturen oder auch asiatische, die sehr viel mehr Respekt vor dem Alter haben als wir. Dort haben die Stammesältesten mehr zu sagen, werden um Rat gefragt. Heute fragt man Google. Aber was da als relevant gilt, hat mit Anzeigen, Schlagworten und Marketing zu tun. Wenn ich wissen will, was im Leben relevant ist, frage ich besser nicht das Internet, sondern Menschen, die noch analog gelebt und etwas daraus gelernt haben.

Wer ist zufriedener im Alter: Männer oder Frauen?

Das ist so pauschal nicht zu beantworten. Es gibt durch die Lebenserwartung sehr viel mehr Frauen, die ihre Männer pflegen als umgekehrt. Pflegende Angehörige sind die größte Gruppe im Gesundheitswesen und ihnen gilt auch mein großer Respekt. Und um auf einer humorvollen Note zu enden: Wenn Männer immer das Gefühl haben, dass Frauen mehr reden als Männer, könnte das auch damit zusammenhängen, dass sie wissen, dass sie ihn im Schnitt um fünf Jahre überleben. Und deshalb versuchen sie alles, was sie in dieser Zeit noch zu sagen haben, bereits unterzubringen, solange er zuhören kann. Also eigentlich ein Zeichen der Liebe!

Eckart von Hirschausen, Tobias Esch: „Die bessere Hälfte. Worauf wir uns mitten im Leben freuen können.“ Rowohlt Verlag, 2018, Preis 18 Euro. | Bild: Camillo Wiz