Die Pest? Wie kann das sein? Diese Frage stellten sich vermutlich viele Leute, als sie im vergangenen Herbst hörten, dass auf der Insel Madagaskar die Pest ausgebrochen war. Die gilt in Europa als ausgerottet. Nicht so auf der Insel vor der ostafrikanischen Küste. Während der jüngsten Beulenpest-Epidemie wurden 1800 Fälle von Lungen- und Beulenpest registriert. 127 Menschen erlagen den Folgen der Krankheit. Seit dem 19. Jahrhundert kommt es immer wieder zu Pest-Wellen auf Madagaskar.

Warum überkommt viele in Europa beim Wort „Pest“ ein Schrecken? Vermutlich, weil dieser Begriff schlechthin für das Phänomen der tödlichen Seuche steht. Und das seit Hunderten von Jahren. So lange ist die Pest als der „Schwarze Tod“ bekannt – schwarz, weil man damit das Grauenhafte und Unerbittliche dieser im Spätmittelalter für Hunderttausende tödlichen Seuche hervorheben wollte.

Die Pest hat unzählige Male unter den Völkern Europas und Asiens gewütet, den Lauf der Geschichte massiv verändert. Am bekanntesten ist die Pest-Epidemie, die zwischen 1347 und 1353 über Europa hinwegzog und von Italien bis in den hohen Norden ein Drittel der Menschen dahinraffte. Noch lange, bis ums Jahr 1770, traten quer durch Europa Pest-Epidemien auf.

Ein Mann legt in der madegassischen Hauptstadt Antananarivo einem Kind einen Mundschutz an. Im Herbst 2017 kam es auf der Insel vor Afrika erneut zu Pestfällen.
Ein Mann legt in der madegassischen Hauptstadt Antananarivo einem Kind einen Mundschutz an. Im Herbst 2017 kam es auf der Insel vor Afrika erneut zu Pestfällen. | Bild: Alexander Joe

Aber das Pest-Bakterium mit dem wissenschaftlichen Namen Yersinia pestis trat nicht erst im Mittelalter auf. Es ist viel älter und wurde offenbar vor 4800 Jahren nach Europa eingeschleppt – wahrscheinlich mit einer Einwanderungswelle von Nomaden aus dem europäisch-asiatischen Steppengürtel: Das belegen spektakuläre Forschungsergebnisse eines Teams um den Bioinformatiker Alexander Herbig vom Max-Planck-Institut (MPI) für Menschheitsgeschichte in Jena. Die Einwanderer waren Angehörige der Jamnaja-Kultur. Die breitete sich zunächst in den Ebenen nördlich des Kaspischen und des Schwarzen Meeres aus. Die Menschen brachten vermutlich auch die indoeuropäischen Sprachen mit, die den Kontinent seither prägen.

Die Forscher haben Erbgutproben aus Zähnen und Knochen von 500 Toten analysiert. Sie stießen bei sechs Menschen, die zwischen 2800 und 1700 v. Chr. gelebt haben – also in der späten Jungsteinzeit und der frühen Bronzezeit – auf das vollständige Erbgut (Genom) von Yersinia-pestis-Bakterien. Darunter waren zwei Skelette von Toten aus der Zeit um 2200 und um 1900 v. Chr. Sie wurden in Augsburg geborgen und von einer Gruppe von Archäologen um Professor Philipp Stockhammer von der Ludwig-Maximilians-Universität München untersucht.

Der Ursprung des Pest-Bakteriums liegt, da ist sich die Fachwelt einig, in den Steppen Eurasiens. So nah wie die Wissenschaftler aus Jena ist aber noch niemand den Geheimnissen des Ursprungs und der großflächigen Ausbreitung der Seuche gekommen: „Die Analyse von rekonstruierten Yersinia- pestis-Genomen, die in Bayern, Russland, Estland, Litauen und Kroatien gefunden worden sind, hat ergeben, dass alle eng miteinander verwandt sind“, erläutert Aida Andrades Valtueña, Doktorandin und Erstautorin der neuen Studie des Jenaer MPI.

Gut geschützt im Zahnschmelz der Toten ist die DNA der Pest-Bakterien über Jahrtausende erhalten geblieben. „Bei einer fortgeschrittenen Infektion mit der Pest kommt es zu einer hohen Konzentration von Pest-Bakterien im Blut des Opfers“, erklärt Alexander Herbig: „In kräftig durchbluteten Stellen des Körpers lagern sich Bakterien ab, von denen ein Mensch befallen war.“ Die Archäogenetiker des MPI haben zunächst die Zahnkronen von den Wurzeln getrennt und sind auf diese Weise mithilfe von Zahnarztbohrern an organisches Material aus dem Inneren der Zähne gelangt. Aus diesem Material konnten sie die DNA der Pest-Bakterien extrahieren.

Die Darstellung aus dem Spätmittelalter zeigt, wie ein Arzt einem Patienten die vereiterten Pestbeulen aufschneidet. <em>Bild: dpa</em>
Die Darstellung aus dem Spätmittelalter zeigt, wie ein Arzt einem Patienten die vereiterten Pestbeulen aufschneidet. Bild: dpa

Dabei stellte sich heraus, dass die Pest-Bakterien aus der Jungsteinzeit offenbar weniger krankheitserregend und ansteckend waren als die nach etlichen Mutationen hoch gefährlichen Yersinia-pestis-Formen späterer Epochen. „Den ältesten Pest-Bakterien fehlen zum Beispiel die Gen-Sequenzen, die es Yersinia pestis ermöglichen, im Magen von Flöhen zu überleben und sich dort zu vermehren“, erklärt der Forscher. Die Pest hat sich bekanntlich bei den verheerendsten Pest-Epidemien über die Flöhe im Fell von Ratten den Weg zum Menschen gebahnt.

Wie alle bahnbrechenden Entdeckungen wirft auch die Analyse der prähistorischen Pest-Bakterien neue Fragen auf. Wie hat das Bakterium den Menschen erreicht? Im Verdacht stehen laut Herbig in erster Linie wieder Ratten und andere Nager. Haben sie als Kulturfolger Siedlungen oder Menschen aufgesucht oder infizierten sich die Steppennomaden über Tiere, die sie bei der Jagd erlegt hatten?

Fest steht aus Sicht der Jenaer Archäogenetiker, dass Mensch und Bakterium aus dem eurasischen Steppengürtel stammen: Nach einer aktuellen Studie sind die sogenannten Schnurkeramiker, die im 3. Jahrtausend v. Chr. in Europa auftreten, genetisch zu 75 Prozent mit den Trägern der Jamnaja-Kultur aus der Steppe verwandt.

Eine Ratte (Symbolbild).
Eine Ratte (Symbolbild). | Bild: Arno Burgi

Für Johannes Krause, Direktor der Abteilung Archäogenetik am MPI, stellt sich daher sogar die Frage, ob die Pestgefahr der Auslöser für eine frühe Völkerwanderung war. Denn die Steppennomaden strömten schließlich gen Westen, nach Europa. Haben sie versucht, der Bedrohung zu entkommen? Und welches Resistenz-Niveau hatten die alteingesessenen Völker gegen die Krankheit aus der Steppe? Um solche und weitere Fragen beantworten zu können, wollen die Jenaer Forscher Genome aus verschiedenen Epochen und noch größeren geographischen Einzugsbereichen analysieren. Die Pest wirft also weiter Fragen auf.

 

Die Ankunft der Pest und ihre Folgen

  • Lungenpest

    Sie entsteht durch eine Tröpfcheninfektion (Aerosole), typischerweise durch Bakterien, die von einem Patienten mit Lungenpest ausgehustet werden. Je dichter und je länger man mit einem solchen Patienten Kontakt hat, desto größer ist das Infektionsrisiko. Die Lungenpest grassierte im vergangenen Herbst erneut auf Madagaskar. Vor allem in der trockenen Jahreszeit zwischen Juli und Dezember gibt es dort immer wieder Ausbrüche mit einigen Toten – allerdings meist auf dem Land, nicht in den größeren Städten. Grund: Auf dem Land fehlt es an medizinischen Einrichtungen. Die Lungenpest kann mit Antibiotika behandelt werden.

  • Beulenpest

    Bei den großen Pandemien im Europa des 14. Jahrhunderts handelte es sich um diese Form der Pest. Sie kommt am häufigsten vor und nimmt einen eher langsamen Verlauf. Dabei schwellen die Lymphdrüsen zu tennisballgroßen Knoten an. Dort ist der Erreger vorübergehend vom Rest des Körpers isoliert. Ansteckend wird der Patient erst, wenn sich die Beulen öffnen und das Sekret Haut und Kleidung verunreinigt.

  • Pandemie

    So wie die Pest vermutlich durch Ratten nach Madagaskar getragen wird, die im Rumpf von Schiffen leben, die aus Indien kommen, so gelangte die Pest im 14. Jahrhundert ebenfalls durch Schiffsverkehr aus Indien nach Kleinasien (heute Türkei). Von dort brachten Ratten und die infizierte Besatzung die Seuche nach Sizilien, Sardinien und nach Marseille in Südfrankreich. Von dort breitete sich die Epidemie schnell über ganz Europa aus.

  • Todesopfer

    Für das Gebiet des heutigen Deutschlands wird geschätzt, dass zwischen 1346 und 1353 jeder zehnte Einwohner infolge der Pest sein Leben verlor. Hamburg, Köln und Bremen zählten zu den Städten, in denen ein sehr hoher Bevölkerungsanteil starb. Sehr viel geringer war die Anzahl der Todesopfer im östlichen Gebiet des heutigen Deutschlands. Dort gab es weniger große Städte, wo die Menschen auf engstem Raum lebten.

  • Sündenböcke

    Da man damals von dem Bakterium, das die Pest überträgt, nichts wusste, aber Verantwortliche für die vielen Toten suchte, gerieten in den Städten die Juden in Verdacht. Es hieß, sie hätten Brunnen vergiftet. Die Pogrome mit Dutzenden Toten begannen in Südfrankreich und setzten sich nach Norden mit größerer Brutalität fort. In Straßburg wurden 900 von fast 1900 Juden ermordet. Für viele Christen war die tödliche Judenhetze ein willkommener Anlass, sich der Schulden zu entledigen, die sie bei jüdischen Geldverleihern hatten. (mic)