Seit einigen Jahrzehnten entdecken Bergwanderer in den höheren Lagen der Alpen immer wieder Schilder, auf denen oft nur eine Jahreszahl steht. An dieser Stelle endete damals die Gletscherzunge, bedeuten diese Markierungen. Seither hat sich das Eis meist weit zurückgezogen. Schicken dann die Ausläufer einer Hitzewelle im Flachland Wärme bis in die Gipfellagen, fragen sich viele Wanderer, wie lange es wohl noch dauert, bis das letzte Eis der Alpen geschmolzen ist.

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Eine Antwort liefern Harry Zekollari von der Eidgenössischen Technischen Hochschule (ETH) in Zürich und der Technischen Universität im niederländischen Delft und seine Kollegen in der Zeitschrift „The Cryosphere“: Ändert die Menschheit ihr Verhalten nicht und verfeuert Kohle, Erdöl und Gas mit weiter steigender Tendenz, steigen die Temperaturen kräftig und bis zum Jahr 2100 dürften die Gletscher der Alpen bis auf einen kümmerlichen Rest von allenfalls fünf Prozent der heutigen Eismassen in den Hochlagen verschwunden sein.

Ein Wissenschaftler steht auf Herschel Island, Kanada, vor einer Wand im Permafrostboden. In den bislang gefrorenen Böden ist sehr viel klimaschädliches Kohlendioxid gebunden. Das UN-Umweltprogramm Unep und US-Forscher warnen eindringlich davor, das Auftauen der riesigen Dauerfrostböden zu unterschätzen. Die daraus entstehende Gefahr werde zu wenig beachtet. Viele Länder, namentlich Russland, Kanada, China und die USA sollten die Böden mit besseren Methoden überwachen, forderten die Experten bei der Präsentation eines Unep-Reports bereits 2012 auf der Klimakonferenz in Doha. Bild: dpa
Ein Wissenschaftler steht auf Herschel Island, Kanada, vor einer Wand im Permafrostboden. In den bislang gefrorenen Böden ist sehr viel klimaschädliches Kohlendioxid gebunden. Das UN-Umweltprogramm Unep und US-Forscher warnen eindringlich davor, das Auftauen der riesigen Dauerfrostböden zu unterschätzen. Die daraus entstehende Gefahr werde zu wenig beachtet. Viele Länder, namentlich Russland, Kanada, China und die USA sollten die Böden mit besseren Methoden überwachen, forderten die Experten bei der Präsentation eines Unep-Reports bereits 2012 auf der Klimakonferenz in Doha. Bild: dpa | Bild: Michael Fritz

Schaffen es die Nationen der Welt dagegen, in wenigen Jahren den Trend umzukehren und den Ausstoß des Treibhausgases Kohlendioxid rasch und stark zu senken, dürften die Temperaturen weltweit um nicht mehr als zwei Grad Celsius steigen. In diesem Fall sollte bis zum Jahr 2100 noch ein gutes Drittel des heute in den Alpen vorhandenen Eises übrig sein. Der größte Teil dieses Gletscherschwundes dürfte dabei in den nächsten drei Jahrzehnten bis zum Jahr 2050 passieren: Die heute noch 4000 Gletscher der Alpen dürften bis dahin etwa die Hälfte ihres Eises verlieren. Und das weitgehend unabhängig davon, wie erfolgreich der Kampf gegen den Klimawandel bis dahin verlaufen wird.

Gletscher reagieren langsam

Der große Aletschgletscher in der Schweiz, der größte Gletscher in den Schweizer Alpen, schmilzt langsam aber beständig. Bilder: dpa
Der große Aletschgletscher in der Schweiz, der größte Gletscher in den Schweizer Alpen, schmilzt langsam aber beständig. Bilder: dpa | Bild: DPA

Ursache dieser überraschenden Entwicklung sind die Temperaturen, die seit der Jahrtausendwende rasant steigen. Gletscher wie der große Aletschgletscher in der Schweiz, der noch Mitte des 19. Jahrhunderts der größte Alpengletscher war, reagieren aber nur verzögert und sehr langsam auf die zunehmende Hitze. Um den steigenden Temperaturen zu folgen, konnte das Eis in den vergangenen Jahren daher gar nicht schnell genug schmelzen. Vor allem in den tieferen Lagen gibt es heute daher viel mehr Eis, als es dem Klima entspricht. Das große Schmelzen kommt also noch. Dabei sind die Gletscher bereits in dieser Zeit kräftig geschrumpft. Allein zwischen 2003 und 2017 verloren sie 11,3 Prozent ihrer Fläche. Mit 223 Quadratkilometern büßten die Alpengletscher in dieser Zeit daher die vierfache Fläche des Stadtgebiets von Konstanz ein.

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So dramatisch die Eisverluste in den Alpen auch sind, zum Ansteigen des Meeresspiegels tragen sie ähnlich wie die ebenfalls stark schmelzenden Gletscher im Kaukasus und in Neuseeland aus einem einfachen Grund nur wenig bei. Die Gletscher in Alaska und anderen Regionen des hohen Nordens sowie in den südamerikanischen Anden lagern erheblich größere Eismengen. Die Gletscher dieser Welt haben von 1961 bis 2016 die unvorstellbare Menge von mehr als 9000 Milliarden Tonnen Eis verloren, berichten Michael Zemp von der Universität Zürich und seine Kollegen im April 2019 in der Zeitschrift Nature. Allein dadurch ist der Meeresspiegel um 27 Millimeter gestiegen. Dabei haben die Forscher nur die 19 000 Gletscher auf der Welt berücksichtigt, nicht aber die gigantischen Eisschilde über Grönland und der Antarktis.

Die Satellitenaufnahme von 2018 zeigt den teilweisen gelösten Eisberg B-46. An einem Gletscher in der Westantarktis ist einem Forscher zufolge ein über 200 Quadratkilometer großer Eisberg abgebrochen. Bild: dpa
Die Satellitenaufnahme von 2018 zeigt den teilweisen gelösten Eisberg B-46. An einem Gletscher in der Westantarktis ist einem Forscher zufolge ein über 200 Quadratkilometer großer Eisberg abgebrochen. Bild: dpa | Bild: Stef Lhermitte

Mit gut 3000 Milliarden Tonnen ging ein Drittel dieser Gletschermassen allein in Alaska verloren. Weitere 1200 Milliarden Tonnen verschwanden aus den Eisfeldern Patagoniens, während das Eis der Alpen nur einen kleinen Bruchteil dieser Verluste stellt. „In den letzten 30 Jahren hat sich das Schmelzen der Gletscher deutlich beschleunigt“, erklärt Michael Zemp einen eindeutigen Trend, der sich auch in den Alpen zeigt: Jährlich verschwinden weitere 335 Milliarden Tonnen Eis aus den Gletschern der Erde – die dreifache Menge der in den Alpen vorhandenen Eismengen. Allein dadurch steigt der Meeresspiegel jährlich um einen Millimeter. Auf dem Eisschild Grönlands schmilzt noch einmal ungefähr die gleiche Menge, während die Verluste auf der Antarktis viel geringer sind.