Erwähnt man dieser Tage Brasilien, denken die meisten an Olympia in Rio de Janeiro. Doch wer sich mit dem fünftgrößten Land der Welt beschäftigt oder es gar bereist, entdeckt faszinierende Schätze der Natur und erkundet die Abgründe der Menschheit.

Nationalbaum und Namensgeber: Angesichts der Tatsache, dass zwei Drittel des Amazonas-Beckens zu Brasilien gehören, sollte das Land eher Amazonien heißen. Doch der Landesname leitet sich von einem mittelhohen, langsam wachsenden Baum ab, der von Natur aus nur in einem Küstenstreifen zwischen den Millionenstädten Salvador und Rio de Janeiro an der östlichen Atlantikküste Brasiliens vorkommt. Dabei war er bis vor fünfhundert Jahren im Osten des riesigen Landes sehr viel häufiger. Die Weltnaturschutzunion IUCN stuft ihn derzeit als stark gefährdet ein. Das auf Latein „Caesalpinia echinata“ genannte Gewächs aus der Familie der Hülsenfrüchtler hat hübsche gelbe Blüten und wird meist 10 bis 15 Meter hoch. Es hat nicht einmal einen deutschen Namen. Sein Holz ist als Pernambuk- oder Brasilholz bekannt. Letzeres wiederum heißt auf Portugiesisch „Pau Brasil“, so viel wie glühendes Holz – dies deshalb, weil die Rinde und das Harz des Baumes rötlich sind.
Der <b>Pau Brazil </b> heißt unter anderem so, weil das Harz rötlich ist.
Der Pau Brazil heißt unter anderem so, weil das Harz rötlich ist. | Bild: ANTONIO SCORZA (AFP)

Dumm für ihn, dass dieser Umstand den Portugiesen früh auffiel, nachdem sie Brasilien im Jahr 1500 für sich entdeckt und ab 1530 offiziell zur Kolonie genommen hatten. Sofort begannen sie, das rötliche Holz zu exportieren, weil seine Farbe es als geeignetes Färbemittel für Stoffe auswies. Die Besatzer nannten ihre neue Kolonie nach dem Holz „Terra do Brasil“ (so viel wie Gluterde, von „brasa“ für Glut). Unter dem Namen Brasilholz hatten sie rötliches Holz aber auch schon im 13. Jahrhundert aus Indien, Ceylon (Sri Lanka) und Sumatra importiert. Auch die Franzosen in der Normandie bezogen das begehrte Holz schon früh im 16. Jahrhundert aus dem heutigen Brasilien. Der natürliche Farbstoff aus Brasilholz heißt bis heute Brasilin; er lässt sich mit Hilfe von Methanol aus dem zerkleinerten Holz lösen, verfärbt sich unter Licht- und Sauerstoffeinfluss jedoch mit der Zeit ins Bräunliche. In Nürnberg gab es nachweislich schon im 16. Jahrhundert den Beruf des Brasilholzstoßers.

Die Nachfrage nach dem Holz war so stark, dass die Bestände des Baumes bis etwa 1875 drastisch dezimiert wurden; dann ließ der Druck durch das Aufkommen künstlicher Farbstoffe nach. Inzwischen ist der Baum in Brasilien, wo man ihn auch Pernambuco nennt, streng geschützt. Unbehelligt wächst der inzwischen unter Naturschutz stehende Baum in kleinen Naturrefugien der brasilianischen Bundesstaaten Bahia und Pernambuco.

Zuckerhut: Zwar ist der Zuckerhut bei Rio de Janeiro nur 395 Meter hoch, doch wer einen Berg in Brasilien nennen müsste, würde höchstwahrscheinlich ihn nennen. Auf Portugiesisch heißt er Pão de Açúcar (zu Deutsch Zuckerbrot). Bevor die englische Bergsteigerin Henrietta Carstairs 1817 auf dem Gipfel des Felsens den Union Jack anbrachte, die Fahne des Vereinigten Königreichs, galt der markante Berg als nicht zu besteigen. Der Zuckerhut verdankt seine typische Form sowohl seinem Baumaterial, einem Gneis-Granit, als auch seiner Entstehungsgeschichte, die vor 560 Millionen Jahren einsetzte, als Südamerika noch mit Afrika zusammenhing – als Teil des früheren Großkontinents Gondwana. Ähnliche, tief aus der Erde stammende und näher an der Erdoberfläche erkaltete Gesteine gibt es deshalb auch in Afrika, etwa im Westen der Republik Kongo.

<p>Die Entstehung des <strong>Zuckerhuts</strong> beginnt vor etwa 560 Millionen Jahren. <em>Bild: dpa</em></p>

Die Entstehung des Zuckerhuts beginnt vor etwa 560 Millionen Jahren. Bild: dpa

Nachdem vor über einer halben Milliarde Jahren Magma aus der tieferen Erdkruste aufgestiegen war, erstarrte es noch immer mehrere Kilometer tief unter der damaligen Erdoberfläche zu teilweise grobkörnigem Granit. Durch die immense Auflast der darüber liegenden Gesteine wandelte sich dieser Granit mit der Zeit zum Teil in den typisch gebänderten Gneis um. Bereits damals hatte das obere Ende des Magma-Förderschachts eine domkuppelähnliche Form – ähnlich dem berühmten Felsen nahe der Copacabana heute. Im Laufe der weiteren Erdgeschichte legten die Zähne der Erosion diese Gesteinskuppel frei. Zunehmend befreit vom Druck der gewaltigen Auflast, platzte in der Folge das Äußere der Felsenkuppel nach und nach zwiebelschalenartig ab.

Diesen Prozess nennen Geologen Desquamation oder Abschuppung; er ist typisch für Tiefengesteine wie Granit und Gneis, die sich unter unvorstellbarem Druck gebildet haben. Da freiliegende Gesteine in den warmfeuchten Tropen obendrein intensiv chemisch zerrüttet werden, setzt auch diese Art der Verwitterung dem Zuckerhut nach wie vor zu. Übrigens: Die berühmte, mit Sockel 38 Meter hohe Christus-Statue allerdings breitet nicht auf dem Zuckerhut ihre Arme über Rio aus, sondern auf dem 710 Meter hohen Corcovado, „dem Buckligen“.

Amazonas: Mindestens so berühmt wie der legendäre Berg bei Rio ist der Amazonas, der größte Fluss der Welt. Sein von Ebbe und Flut beeinflusster Mündungstrichter (Ästuar) in den Atlantik ist etwa 200 Kilometer breit – jener der Elbe, kein Winzling, misst etwa 16 Kilometer. Der Amazonas entwässert ein sechs Millionen Quadratkilometer großes Gebiet, was der zusammengelegten Fläche Indiens und Argentiniens entspräche. Auch andere Zahlen sind imposant: Der Amazonas ist durch seine oberen Zuläufe mit 6448 Kilometern zwar nur der zweitlängste Strom der Welt nach dem noch vierhundert Kilometer längeren Nil. Doch erstens hat er ein doppelt so großes Einzugsgebiet, und zweitens führt er im Jahresmittel pro Sekunde 206 000 Kubikmeter (also über 200 Millionen Liter) Wasser und damit 77-mal so viel wie der längere Nil – und immerhin 70-mal so viel wie der Rhein. Wie gewaltig dieser Strom ist, lässt sich daran ermessen, dass er mehr Wasser ins Meer strömen lässt als die sieben nächstgrößten Flüsse der Welt zusammen, darunter Giganten wie der Kongo, der Jenissei und der Orinoco.

Der Amazonas ist der zweitlängste Fluss der Welt und führt im Jahresmittel pro Stunde 70-mal so viel Wasser wie der Rhein.
Der Amazonas ist der zweitlängste Fluss der Welt und führt im Jahresmittel pro Stunde 70-mal so viel Wasser wie der Rhein.

Mit Letzterem hat der Amazonas nicht nur die Lage im nördlichen Südamerika gemein; er teilt sich mit dem Orinoco auch das Wasser des Rio Casiquiare in Venezuala. Dieser ist ein Quellfluss des Rio Negros, der seinerseits bei der Millionenstadt Manaus in den Amazonas mündet.

Pantanal: Abgelegen im Südwesten Brasiliens und angrenzend an Bolivien und Paraguay liegt der Naturschatz Pantanal. Im Jahr 2000 von der Kultur- und Wissenschaftsorganisation UNESCO teilweise zum Weltkulturerbe erklärt, gilt das brasilianische Biosphärenreservat als eines der größten Binnenlandfeuchtgebiete der Erde und erreicht mit etwa 230 000 Quadratkilometern fast die Größe der alten Bundesrepublik Deutschland vor 1990. Da der Rio Paraguay, der das Pantanal nach Süden in Richtung Argentinien entwässert, auf seinem etwa 600 Kilometer langen Weg durch das fast tischebene Feuchtgebiet nur 30 Meter Höhenunterschied aufweist, kann das Wasser seines Einzugsgebiets während der Regenzeit von November bis März nicht rasch genug abfließen und staut sich zurück – mit der Folge, dass zwei Drittel des Pantanals mehr oder minder tief überschwemmt werden.

<p><strong>Wasserschweine </strong>fühlen sich im Feuchtlandgebiet Pantanal wohl. <em>Bild: fotolia</em></p>

Wasserschweine fühlen sich im Feuchtlandgebiet Pantanal wohl. Bild: fotolia



Die Folge ist ein einzigartiges Mosaik aus verschiedensten Lebensräumen. Der Pantanal ist ein ganz besonderer Brennpunkt der Naturvielfalt. Hier leben mindestens 1900 Baum- und Straucharten, über 650 Vogelarten (mehr als in ganz Europa) sowie Symboltiere Brasiliens wie Jaguar, Puma und Ozelot sowie Sumpfhirsche, Wasserschweine, Pekaris, Kaimane und der vom Aussterben bedrohte Riesenotter. Leider ist das Pantanal zum Beispiel durch die Abwässer von Ethanol-Fabriken sowie durch Soja- und Zuckerrohrplantagen bedroht. Öko-Tourismus hingegen ist eine Chance für den Erhalt der riesigen Naturperle.

Riesig und voller Wildnis

  • Land: Brasilien ist mit über 8,5 Millionen Quadratkilometern der fünfgrößte Staat der Erde. Die Grenze ist rund zweitausend Kilometer länger als der Erddurchmesser; wer sie abwandern wollte, hätte einen Weg von 14 700 Kilometern vor sich, davon etwa 7500 entlang der Atlantik-Küste. Der höchste Berg des Landes, der Pico da Neblina, ist mit 2995 Metern 33 Meter höher als die Zugspitze; er liegt im Norden, an der Grenze zu Venezuela, wo im Jahr rund 4000 Liter Niederschlag je Quadratmeter fallen.
  • Leute: Dass in Brasilien aus statistischer Sicht nur 24 Einwohner pro Quadratkilometer leben (Deutschland: 229), täuscht gewaltig über die wahren Verhältnisse hinweg. Etwa 90 Prozent der etwa 205 Millionen Brasilianer wohnen vorwiegend küstennah und zum Teil stark konzentriert in den Bundesstaaten der östlichen und südlichen Atlantikküste. Hingegen ist das fast 6 Millionen Quadratkilometer messende Amazonas-Gebiet im Nordwesten des Landes fast menschenleer.