„Euch ist heute der Heiland geboren!“ Diese Freudenbotschaft verkündeten die Engel den Hirten nachts „auf freiem Felde“. Die Männer in ihren zotteligen Fellen waren die ersten, die von der Geburt des Christuskindes erfuhren. Heute, mehr als 2000 Jahre später, hätten die Engel Schwierigkeiten, Gehör zu finden. Die Stars der Weihnacht sind in Not. Weltweit.

Von Weide zu Weide

Jahrzehntelang ist Ruth Häckh, 57, als Wanderschäferin im Sommer über die raue Schwäbische Alb und im Winter zurück ins milde Klima des Bodensees gezogen. So hat es schon der Vater gemacht, der Großvater auch- und weitere Vorfahren. Hunderte Kilometer zog die Hirtin durch Wacholder-Haine und von Weide zu Weide.

Ruth Häck (57) mit einem Lamm als Schäferin. Jahrzehntelang hat sie im Südwesten ihre Herde gehütet.
Ruth Häck (57) mit einem Lamm als Schäferin. Jahrzehntelang hat sie im Südwesten ihre Herde gehütet. | Bild: Thomas Olivier

Nie fühlte sie sich einsam. Hier war sie zuhause, im Duft von wildem Majoran und Thymian. „Ein schöner Tag in der Natur entschädigte für alle Entbehrungen.“ Nicht selten war zur Heiligen Nacht Lammzeit. Kein Problem: „Schafe sind ja gut isoliert!“

Inzwischen beendete Häckh ihre jahrhundertealte Familien-Tradition: Die Mutter zweier erwachsener Söhne legte ihren Wanderstab beiseite und reduzierte ihre Herde auf die Hälfte von 200 Tieren. „Irgendwann war alles ausgereizt.“

Lammfleisch ist zu billig

Günther Czerkus, oberster Hirte der deutschen Berufsschäfer, malt ein düsteres Bild seines Berufsstandes: „Wir kämpfen überall mit den gleichen Problemen.“ Das Lammfleisch ist zu billig, Schafswolle out. „Das ist praktisch Sondermüll!“ Die letzten Wollkämmereien in Leipzig und Bremen sind verschwunden. Die Zukunft des Schäfers zeichnet sich schon in der Gegenwart ab: Jeder zweite deutsche Hirte – Durchschnittsalter 58 – geht in den nächsten zehn Jahren in Rente. Wenn nicht bald etwas geschieht, müssen bis zu 90 Prozent der Schäfereien aufgeben.

Der Genuss der Freiheit

Ein Novembermorgen vor den Toren Berlins im Märkisch-Oderland. Kaum ist die Mondsichel verschwunden, kratzen die ersten Schafe unter der Raureifschicht nach Gräsern. Ein Bild wie aus biblischer Erzählung: Gestützt auf seinen Hirtenstock und umtänzelt von einem Schäferhund, begrüßt Knut Kucznik, 53, die ersten Sonnenstrahlen.

Wanderschäfer Knut Kucznik mit Hirtenhund und seiner Herde.
Wanderschäfer Knut Kucznik mit Hirtenhund und seiner Herde. | Bild: Thomas Olivier

Ein Mann von mächtiger Gestalt in robuster Lederhose und derber Jacke. Kucznik beobachtet seine „Mädels“ beim Fressen. Leise rupfend und mampfend schiebt sich die weiße Front vorwärts. Kucznik genießt diese vertrauten Geräusche, die Zuneigung und Dankbarkeit seiner Tiere. „Nichts ist schöner, als die Freiheit, über frisch verschneite Wiesen zu ziehen.“

Sieben Tage in der Woche

Die Idylle trügt. Knut Kucznik ist einer von nur noch 989 hauptberuflichen Schäfern in Deutschland. Er liebt seinen Beruf und seine Tiere. Kuczniks 600 Mutterschafe sind stets draußen an der frischen Luft.

Auch bei winterlicher Kälte sind die Schafe von Knut Kucznik in der freien Natur.
Auch bei winterlicher Kälte sind die Schafe von Knut Kucznik in der freien Natur. | Bild: Thomas Olivier

Jeden Tag, von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang, Sommer wie Winter, bei Wind und Wetter, sieben Tage die Woche – auch an Weihnachten.

„Bald sind alle tot!“

Um 70 Prozent ist die Zahl der Betriebe in den letzten 20 Jahren zurückgegangen. Das mache ihn „verrückt im Kopf“, sagt Kucznik. Weniger als 600 000 Schafe blöken noch auf deutschen Wiesen. Vielleicht noch ein paar Dutzend Wanderschäfer – wenn überhaupt – ziehen mit ihren Herden über deutsche Weiden. Genaue Zahlen existieren nicht. Die Nomaden der Neuzeit sind eine aussterbende Spezies. Zu ihnen gehört auch Knut Kucznik: Von September bis März ist er „einer der letzten Wanderschäfer Deutschlands“. Aber: „Bald sind alle tot! Und alles ist ein Mythos!“

Zu viele Hindernisse

Die wenigen Kollegen, die noch zwischen Nord- und Bodensee umherziehen, sind Idealisten, Schäfer aus Leidenschaft, die bei allen Klagen mit Herzblut bei der Sache sind. Das Geschäft lohne sich kaum noch, sagen sie. Weil der Beruf unrentabel geworden, das Land zersiedelt ist. Weil es zu viele Hindernisse für die Herden gibt, Industrieanlagen, Straßen- und Siedlungsbau die Grünflächen fressen.

Warum sie gebraucht werden

Dabei leisten die wetterfesten Hüterinnen und Hüter einen von der Gesellschaft gewünschten wertvollen Beitrag für die Artenvielfalt in der Natur. Ihre Tiere beweiden mit mehr als 400 000 Hektar fast zehn Prozent der deutschen Dauergrünflächen. Ganze Kulturlandschaften haben Schafe erschaffen. Als einzige Weidetiere transportieren Schafe in ihrem Fell und mit ihrem Kot Samen und Insekten von Biotop zu Biotop.

Der Wolf gehört dazu

Die Hirten wollen sich nicht aufhalten lassen. Auch nicht durch den Wolf, der immer wieder in Herden wütet. Verbandschef Günther Czerkus hat den Räuber nicht gerade gerufen. „Aber der Wolf gehört zur Natur und nicht abgeschossen!“

Wölfe – hier ein Tier in einem Gehege – werden immer öfter für Überfälle auf Schafherden verantwortlich gemacht.
Wölfe – hier ein Tier in einem Gehege – werden immer öfter für Überfälle auf Schafherden verantwortlich gemacht. | Bild: dpa

Schäfer hätten viel wichtigere Probleme zu lösen. Im Kampf für eine gerechte Weidetierprämie zogen sie 2018 zu Hunderten mit Glocken und Böcken vor die Landtage von zwölf Bundesländern und vor das Landwirtschaftsministerium in Berlin. Immerhin: Seit Juli unterstützt das Bundesagrarministerium jetzt wenigstens jene Schäfer, die mit ihren Herden durch Wolf- und Wolfspräventionsgebiete ziehen.

150 Wasserbüffel

Kaum mehr als ein Trostpflaster für Knut Kucznik. „Wir Hirten setzen uns ein bis zur Selbstaufgabe.“ 150 Wasserbüffel grasen mittlerweile auf seiner Weide. „Ich muss mich an diese Welt anpassen.“ Glaubt er an Gott? Kucznik klopft die Reste von Erdklumpen und Schnee von seinen Stiefeln. „Nicht doll, aber ein bisschen!“

Evangelist Lukas und die Hirten

  1. Wie kommen die Hirten in das Weihnachtsevangelium? Beim Evangelisten Lukas heißt es: „Und es waren Hirten in derselben Gegend auf dem Felde bei den Hürden, die hüteten des Nachts ihre Herde.“ In Bethlehem wurde laut biblischer Überlieferung der spätere König David geboren. Das war 1000 Jahre vor Christi Geburt. Vor seiner Berufung durch den Propheten Samuel hütete David als Hirte die Schafe. Hier liegt eine Verbindung zu den Hirten Bethlehems in der Weihnachtsgeschichte. Der Hirte David wird zum König von Judäa gesalbt. Ein Jahrtausend später bezeichnet sich der in Bethlehem geborene König als „der gute Hirte“ (Johannes, Kapitel 10, Vers 11).
  2. Wurde Jesus denn wirklich am 24. Dezember geboren? Vermutlich nicht. Zunächst einmal sind selbst in Palästina im Winter auf den Bergen Judäas die Nächte so kalt, dass man Herden nicht über Nacht auf den Feldern lassen würde. Der 25. Dezember wurde erst im 4. Jahrhundert als Geburtstag Christi festgelegt, nachdem das Christentum mit der Konstantinischen Wende Staatsreligion geworden war. Religionswissenschaftler meinen, dass der 25. Dezember deshalb ausgesucht wurde, weil auch das Geburtstagsfest des römischen „Sol invictus“ (“Unbesiegter Sonnengott“) auf diesen Tag fiel. Dafür spricht, dass Christus auch mit der Sonne verglichen und als Lichtbringer verehrt wird. Diese These ist neuerdings aber umstritten.
  3. Wann wurde denn nun Jesus geboren? Nimmt man den Hinweis auf die Hirten und ihre Lämmer als Indiz, dann könnte die Geburt Jesu ins Frühjahr gefallen sein. Denn dann bekommen die Schafe Nachwuchs. Viele Wissenschaftler gehen davon aus, dass Jesus auch nicht in Bethlehem auf die Welt kam, sondern in Nazareth, wo er als Sohn des Zimmermanns Josef aufgewachsen ist. Bei Lukas heißt es zwar, Josef sei mit Maria auf Weisung der Römer nach Bethlehem aufgebrochen, um sich an seinem Geburtsort in die Steuerliste einzutragen. Es war zwar so, dass die Judäer den römischen Besatzern steuerpflichtig waren. Doch der Eintrag in die Liste musste keinesfalls am Geburtsort erfolgen, denn das wäre viel zu umständlich gewesen. Die Geburt im Stall von Bethlehem ist vielmehr ein Bild für die Vorstellung, dass Jesus als Nachfahre (“Sohn“) des dort geborenen König David verehrt werden müsse.
Alexander Michel