Sind unsere Autos eigentlich bei der Stasi? Das habe ich mich gefragt, als mich mein Wagen nach einigen Urlaubskilometern per Display aufforderte, eine Tasse Kaffee zu trinken. Kein Witz: Mir wurde eine dampfende Tasse vor Augen gestellt! Kann diese neue überall präsente, aufdringlich piepende und vehement warnende Sicherheitstechnik in den neuen Zeigefinger-Autos meine Gedanken lesen? Oder war irgendwo eine stasimäßige Mini-Kamera versteckt, die die Schrumpfung meines Pupillen-Durchmessers feststellte?

Nur mit sanfter Gewalt

Solche Gedanken gehen Leuten mittlerweile durch den Kopf, wenn sie in einem Wagen des Digitalzeitalters sitzen. Überall hört man von den allwissenden Fahrassistenzsystemen, die Fahrer und Insassen mehr Sicherheit bieten. Ihn aber auch nerven, erziehen und bevormunden. So ging es mir, als ich auf der Autobahn überholte und ohne Blinker wieder nach rechts rüberzog. Der Wagen wollte das nicht akzeptieren und ließ sich nur mit sanfter Gewalt in die gewünschte Richtung drücken. Bis mir klar wurde: setz brav den Blinker, und die Kiste gehorcht.

Machtwort von Lenkrad

Verpasst mir mein Lenkrad eine Handmassage? Nein, der Spurhalteassistent warnt, weil das linke Vorderrad kurz einen Begrenzungsstreifen berührt hat. Zu entspannt darf man einfach nicht unterwegs sein. Früher hat der Streifen nur gesungen, jetzt spricht auch das Lenkrad ein Machtwort.

Bin ich aus Versehen mit meinen Quadratlatschen aufs Bremspedal gekommen? Nein! Der Bremsassistent meint auf der Autobahn, der Abstand zum Vordermann sei zu gering. Schon spüre ich den Druck des Gurts sanft auf der Brust.

Geister geben Gas

Hoppla, wer steht hier plötzlich geisterhaft auf dem Gas? Ganz einfach: Der Sensor hat gemerkt, dass der Vordermann eben rechts rausgefahren ist. Bahn frei! Wir beschleunigen wieder auf meine 150-Tempomat-km/h (mehr hatte meine Frau nicht erlaubt). Ich muss mit den Füßen eigentlich gar nichts mehr tun, bedaure ihre Arbeitslosigkeit und denke mich weg in die Straßenbahn.

Es verstärkt sich der Eindruck, dass in immer mehr Autos – und nicht nur denen mit Stern, Niere oder vier Ringen – Geister am Werk sind, die ich nicht unbedingt gerufen habe. Loswerden kann ich sie nicht, denn das würde bedeuten, ein faustdickes Betriebshandbuch durchzublättern. Aber ich will ja nicht lesen, ich will fahren.

Stromstoß droht

Aber ich werde gefahren und freue mich, dass wenigstens die Wahl des Gangs beim Schaltgetriebe noch mir überlassen bleibt. Vermutlich ist damit auch bald Schluss. Wer dann zu früh oder zu spät den Schaltknüppel berührt, bekommt einen leichten Stromstoß verpasst. Oder irgendeine Düse stößt einen üblen Geruch aus.

Letztes Jahr auf Urlaubsfahrt im Gotthard-Tunnel erstarre ich vor Schreck. Rote Warnung: Reifendruck nicht korrekt! Ich sehe mich bereits als Tunnelstau- und Katastrophenverursacher in einem Schweizer Gefängnisbunker sitzen. Mit angehaltenem Atem fahre ich weiter und später zu einer Tankstelle. Reifendruck überall ok. Dann sagt mir das Handbuch: Fülle ich wegen Gepäck mehr bar in die Pneus, muss der Bordcomputer das wissen. Ich bin meinem Auto also Rechenschaft schuldig.

Kann ich noch einparken?

Totale Entmündigung erfahre ich auch beim rückwärts Einparken. Obwohl ein Monitor ein breites Panoramabild der Szene hinter dem Wagen liefert, funkt ein Piepmatz ständig dazwischen. Dabei will ich nur ein wenig näher an einen Leitpfosten heran. Eine plötzliche Vollbremsung befürchtend, lasse ich ab vom Sport des exakten Einparkens und ergebe mich resigniert der Technik. Längsabstand zum Pfosten: fast ein Meter. Früher hätte man gesagt: Der kann nicht einparken, haha! Ich schaue mich um und hoffe, dass mich niemand beobachtet hat.

Youngtimer gesucht

Mein Auto gehorcht mir nicht mehr. Warum? Früher konnte man lässig mit offener Tür mal schnell rückwärts über den Hof kurven. Da fühlt man sich wieder jung! Heute: Tür offen, der Schalthebel blockiert. Also gut, Du hast gewonnen, Du Besserwisserkarre . . . Ich beneide den Nachbarn. Sein Auto ist locker Baujahr 1998. Vielleicht frage ich mal, ob ich es fahren darf?