Frau Holsten, um Kinder und Jugendliche zu schützen, vergibt die USK eine Alterskennzeichnung. Aber wer oder was ist die USK eigentlich?

Die Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle (USK) ist eine Einrichtung der freiwilligen Selbstkontrolle und als solche von der KJM offiziell anerkannt. Die USK vergibt Alterskennzeichnungen für Games, sei es PC oder Konsole, aber auch online. Würden hierbei gravierende Mängel auftreten, würde die USK ihre Anerkennung durch uns riskieren. So haben wir einen doppelten Schutz durch KJM und USK.

Werden die Spiele gespielt, um sie einzustufen?

Ja, das werden sie. Denn will man ein Spiel beurteilen, muss man sich tatsächlich bis zu einem bestimmten Level hochspielen. Nur so bekommt man die fraglichen Inhalte zu sehen.

Computerspiele sind in Deutschland vor allem wegen der Darstellung von Gewalt umstritten. Wie steht es damit?

Gewaltdarstellungen in Games sind nach wie vor ein großes Problem. Aber es gibt auch viele neue Herausforderungen, beispielsweise sogenannte In-App-Käufe. Sie können vor allem für Kinder gefährlich werden, da sie so unwissentlich viel Geld ausgeben können. Hier wird die Unerfahrenheit von Kindern missbraucht und ausgenutzt.

 

Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM)

  • Die Organisation
    Die KJM sorgt für die Umsetzung des sogenannten Jugendmedienschutz-Staatsvertrags (JMStV). Sie prüft im Schwerpunkt, ob Verstöße gegen den JMStV vorliegen und entscheidet über die Maßnahmen gegen den Medienanbieter.
  • Die Aufgabe
    Die Aufgabe des Jugendmedienschutzes ist es, Medieninhalte aufgrund ihres Gefährdungspotenzials zu beurteilen und deren öffentliche Verbreitung zu regeln. Dies gilt sowohl für Inhalte im Fernsehen, im Internet sowie im Bereich der digitalen Spiele.
  • Das Ziel
    Das erklärte Ziel des Jugendmedienschutzes ist es, Einflüsse der Erwachsenenwelt, die dem Entwicklungsstand von Kindern und Jugendlichen nicht entsprechen, gering zu halten. Außerdem sollen Kinder und Jugendliche bei ihrer Persönlichkeitsentwicklung unterstützt werden. (sue)
 

Früher konnte der Verkäufer im Laden prüfen, ob der Kunde alt genug ist, um ein Spiel zu kaufen. Dies gehört der Vergangenheit an. Wie gehen Sie damit um?

Es stimmt, dass viele Games nicht mehr im klassischen Laden, sondern online oder in App-Stores gekauft werden. Auf diese hat prinzipiell jeder Zugriff, der ein Smartphone hat. Gerade Eltern müssen sich deshalb im Klaren darüber sein, dass sie dem Kind mit dem Handy eine potentielle Waffe in die Hand geben, mit der viel Unsinn angestellt werden kann.

Heißt das, dass Eltern nun die alleinige Verantwortung tragen?

Nein, das möchte ich damit nicht sagen. Jugendmedienschutz ist aber eben Aufgabe von allen. Mein Appell an alle Eltern lautet daher: Seien Sie neugierig, interessiert und aufmerksam. Der Jugendmedienschutz ist keine Pille, die man einwerfen kann und danach ist alles gut.

 
 

Wenn es so schwierig wird, Alterskennzeichnung zu kontrollieren, ergeben sie dann überhaupt noch Sinn?

Die Alterskennzeichnung durch die USK funktioniert sehr gut in Deutschland. Schwieriger wird es, ausländische Anbieter vom Wert einer freiwilligen Selbstkontrolle zu überzeugen. In diesen Fällen kann der KJM-Vorsitz bei Verstößen einen Antrag auf Indizierung stellen. Eine Indizierung bedeutet: Problematische Inhalte erscheinen nicht mehr in der Ergebnisliste von Suchmaschinen wie Google.

Sie haben bislang vor allem über App-Spiele gesprochen. Welche Herausforderungen sehen Sie im Bereich VR beziehungsweise Virtual Reality?

Hier sehe ich in der Tat auch viele neue Aufgaben auf uns zukommen.

Weshalb?

Durch VR wirkt alles immer echter, intensiver und damit auch bedrohlicher. Wir müssen uns ernsthaft mit dieser neuen Technik auseinandersetzen. Neue Trends wollen ausprobiert werden.

 

Tipps zum Umgang mit In-App-Käufen

  • Wie kann man Kinder und Jugendliche für die Gefahren von In-App-Käufen sensibilisieren?
    Die Experten der KJM raten dazu, mit den Kindern über Kostenfallen und mögliche Konsequenzen zu sprechen. Das Wissen über Lockangebote und den Umgang mit persönlichen Daten schütze vor Abzocke, betonen sie.
  • Hilft es, die Apps gemeinsam mit den Kindern anzuschauen?
    Ja, die KJM betont, dass dies sehr hilfreich sein kann. Sie rät: „Testen Sie gemeinsam typische Internetseiten oder Apps und besprechen Sie die einzelnen Angebote. Das ist für Kinder besonders anschaulich und einprägsam.“
  • Gibt es Möglichkeiten, sich technisch gegen In-App-Käufe zu schützen?
    Ja, die gibt es. In-App-Käufe können beim iPhone gesperrt und bei Android-Geräten mit einem Passwort gesichert werden.
  • Wie genau funktioniert das?
    Auf Ihrem iPhone rufen Sie zunächst die „Einstellungen“ auf. Dort wählen Sie „Allgemein“ und dann „Einschränkungen“. Dort tippen Sie auf „Einschränkungen aktivieren“. Legen Sie Ihren Einschränkungscode fest und schieben Sie daraufhin den Regler bei „In-App-Käufe“ nach links.
  • Und bei einem Android-Gerät?
    Falls Sie ein Android-Smartphone besitzen, gehen Sie in den Play Store und tippen dort auf das Menü. In den „Einstellungen“ wählen Sie „Authentifizierung für Käufe erforderlich“. Hier können Sie ein Passwort festlegen und einstellen, ob für jeden Kauf das Passwort abgefragt werden soll. (sue)
 

Wie können es Institutionen wie die KJM überhaupt schaffen, bei den vielen neuen Trends auf dem Laufenden zu bleiben.

Das funktioniert, weil die Unternehmen im Idealfall ja selbst ein Interesse daran haben, ein USK-Siegel zu erhalten. Und für viele gilt das bereits. Es gibt jedoch nach wie vor einige, die sich nicht beteiligen – wie zum Beispiel Apple. Es muss uns gelingen diese Unternehmen zu erreichen.

Wie könnte dies gelingen?

Google Play Store hat Alterskennzeichnungen für Spiele und andere Apps eingeführt. Das ist ein gutes Beispiel dafür, dass auch große Player sich bei dem Thema bewegen.

Teil des Problems ist sicherlich, dass es für die Hersteller aufwendig ist, Spiele in unterschiedlichen Ländern zertifizieren zu lassen. Gibt es hierzu Ideen?

Ja, man hat schon lange darüber nachgedacht, wie man es schafft, dass Siegel nicht nur für einen nationalen Markt gelten. Deshalb hat man das sogenannte IARC –System eingeführt. IARC steht für „International Age Rating Coalition“, ein internationales Klassifizierungssystem.

Bild 1: Augen auf, wenn Kinder spielen: Auf was Eltern achten sollten

Was genau ist das?

Das System basiert auf einem Fragebogen, den der Spielehersteller selbst ausfüllt. Dort werden dann verschiedene Filter-Fragen zum Inhalt des Spieles gestellt. Zum Beispiel: Kommen Waffen zum Einsatz? Gibt es Schuss-Szenen? Gibt es Tote? Ist nackte Haut zu sehen? Als Ergebnis gibt eine Software eine Altersfreigabe vor. Als Beispiel: Dein Spiel, lieber Entwickler, wäre in Deutschland für die USK eine 6, in den USA, auf Grund nackter Brüste, eine 12. Die Beurteilung wird also dem jeweiligen Schutzniveau eines Landes angepasst.

Woher weiß man, dass die Hersteller wahrheitsgemäße Aussagen machen?

Die Vorgaben werden von den jeweiligen Institutionen vor Ort teils gezielt, teils stichprobenartig geprüft. In Deutschland durch die USK und teilweise auch die KJM. Unsere Erfahrungen zeigen jedoch: In den allermeisten Fällen sind die Angaben der Unternehmen tatsächlich korrekt.

Das überrascht Sie?

Ja, ich muss zugeben, dass ich zu Beginn skeptisch war, ob dieses System gut funktioniert. Dass es funktioniert zeigt, wie wichtig es ist, die Gaming-Branche mit ins Boot zu holen. Denn seriöse Anbieter haben kein Interesse daran, jugendschutzgefährdende Inhalte zu verkaufen. Kinder und Jugendliche sicher ins nächste Level bringen – das ist das Ziel.

Fragen: Susanne Ebner

 

Zur Person

Cornelia Holsten
Cornelia Holsten | Bild: Susanne Ebner

Cornelia Holsten, Jahrgang 1970, ist seit 2009 Direktorin der Bremischen Landesmedienanstalt und seit April Vorsitzende der Kommission für Jugendmedienschutz (KJM). Zuvor war sie als Richterin am Amts- und ab 2004 am Landgericht Bremen tätig. Dort war sie seit 2007 stellvertretende Vorsitzende einer Zivilkammer für Urheber-, Presse- und IT-Recht. Von 1999 bis 2002 beriet und vertrat sie als Rechtsanwältin für Wirtschafts-, Medien- sowie IT-Recht Unternehmen. (sue)