In der Heiligen Nacht, so heißt es, können die Tiere sprechen. Zumindest für ein paar Stunden soll es dann klappen mit der Verständigung über die Artgrenzen hinweg. Doch ist eine solche Kommunikation auch außerhalb von alten Legenden möglich? Zumindest für einige Arten können Wissenschaftler diese Frage inzwischen mit „Ja“ beantworten. Mit viel Geduld und Erfahrung kann es demnach durchaus gelingen, sich zum Beispiel mit Hunden oder Papageien, Menschenaffen oder Delfinen auszutauschen. Mitunter sogar auf einem recht hohen Niveau.

Hunde zum Beispiel haben sich in den rund 30 000 Jahren seit ihrer Domestikation zu Experten für menschliche Kommunikation entwickelt. Schon als Welpen begreifen sie mühelos, dass sie in ihren Korb gehen oder ein Spielzeug holen sollen, wenn man mit dem Finger darauf deutet. Wölfe dagegen können mit solchen Zeigegesten weniger anfangen, und sogar Schimpansen haben damit ihre Schwierigkeiten. Zudem können Hunde auch die Mimik ihres zweibeinigen Gegenübers interpretieren und haben ein gutes Ohr für menschliche Stimmen.

Die Verständigung klappt nicht nur auf emotionaler Ebene. Hunde können durchaus auch die Bedeutung einzelner Worte begreifen. So haben Forscher der Eötvös Loránd Universität in Budapest beobachtet, dass ein Lob bei Hunden das Belohnungszentrum im Gehirn aktiviert. Allerdings nur dann, wenn Tonfall und Inhalt des Gesagten zusammen passen. Beschimpfungen gehen demnach nicht als Lob durch – selbst wenn sie mit säuselnder Freundlichkeit vorgetragen werden.

Hunde verstehen Tonlage und Inhalt

Ähnlich wie bei kleinen Kindern ist es also auch bei Hunden gar nicht so einfach, sie verbal aufs Glatteis zu führen. Und es gibt noch mehr Parallelen. Viele Hundebesitzer neigen dazu, mit ihren Tieren in einer speziellen Art zu reden. Ähnlich wie die Baby-Sprache, die man gegenüber kleinen Kindern verwendet, besteht auch diese Hunde-Sprache aus einfachen, kurzen Sätzen, die oft mit hoher und übertrieben emotionaler Stimme vorgetragen werden. „Bei der Babysprache wissen wir, dass sie beim Spracherwerb helfen und die Bindung zwischen Kleinkind und Erwachsenen festigen soll“, erklärt Katie Slocombe von der University of York. „Wir wollten deshalb herausfinden, ob Art und Inhalt der Kommunikation auch das soziale Band zwischen Tieren und Menschen beeinflussen.“

Also haben sie und ihr Kollege Alex Benjamin getestet, wie Hunde auf verschiedene Formen der Ansprache reagieren. Tatsächlich wollten die meisten Tiere am liebsten Kontakt mit Menschen aufnehmen, die in „Hundesprache“ für die Vierbeiner relevante Sätze wie „Du bist ein guter Hund“ oder „Wollen wir einen Spaziergang machen?“ sagten. Die gleichen Aussagen in normaler Erwachsenensprache stießen dagegen auf weniger Interesse. Und das Gleiche galt auch, wenn zwar der Tonfall, nicht aber der Inhalt stimmte: Eine Aussage wie „Gestern Abend war ich im Kino“ riss unabhängig von der Betonung keinen der untersuchten Kandidaten vom Hocker. Das spricht nach Ansicht der Forscher dafür, dass die „Hundesprache“ dabei hilft, die Aufmerksamkeit des Vierbeiners zu wecken und eine soziale Bindung zu ihm aufzubauen.

Affen lernen sich zu verständigen

Hunde sind allerdings nicht die einzigen Tiere, mit denen Wissenschaftler schon erfolgreich kommuniziert haben. So versuchen sie seit Jahrzehnten, Menschenaffen in Gespräche zu verwickeln. Skeptiker bezweifeln zwar nach wie vor, dass die Tiere dabei wirklich verstehen, was sie sagen. Ein so ausgefeiltes und flexibles Kommunikationssystem wie die menschliche Sprache übersteige die Fähigkeiten anderer Arten. Trotzdem ist es aber in etlichen Fällen gelungen, zwischen Menschen und ihrer nächsten Verwandtschaft erstaunlich komplexe Inhalte zu vermitteln.

So haben Wissenschaftler mehreren Schimpansen und Gorillas die Grundzüge der amerikanischen Gebärdensprache ASL beigebracht, in der sich manche Tiere auch durchaus geschickt ausdrücken können.

Eine andere Kommunikationsform beherrscht ein Bonobo namens Kanzi. An der Georgia State University haben Wissenschaftler um Sue Savage-Rumbaugh ihm beigebracht, auf einer Computertastatur Symbole zu drücken. Diese stehen jeweils für ein bestimmtes englisches Wort, das dann von einer Computerstimme ausgesprochen wird.

Zurückgefragt hat noch kein Affe

Auf diese Weise kann man Kanzi komplexe Fragen und Aufgaben stellen, die er in den meisten Fällen korrekt beantwortet oder löst. Als er zum Beispiel „den Hund die Schlange beißen lassen“ sollte, suchte er die beiden geforderten Spielzeugtiere heraus, steckte dem Hund das Reptil ins Maul und drückte ihm mit der Hand die Kiefer zusammen. Möglicherweise kann der Bonobo manche Symbole sogar im übertragenen Sinn benutzen. Einen sauberen Artgenossen, der ihm aber unsympathisch war, bezeichnete er mit den Symbolen für „Affe“ und „dreckig“.

Allerdings ist bisher kein Menschenaffe auf die Idee gekommen, dass er auch selbst Fragen stellen könnte. In dieser Hinsicht hatte ein Graupapagei namens Alex den Schnabel vorn. Er konnte nicht nur alle möglichen Farben, Formen und Gegenstände benennen. Eines Tages musterte er sein Spiegelbild und erkundigte sich: „Welche Farbe?“ Auch die richtige Antwort lernte er, nachdem er ein paar Mal „grau“ zu hören bekommen hatte.

Papagein gelten völlig zurecht als große Sprachtalente.
Papagein gelten völlig zurecht als große Sprachtalente. | Bild: Santiago Nunez

Ein Gespräch mit Papageien hat den unbestreitbaren Vorteil, dass es in menschlicher Sprache geführt werden kann.

Da macht es einem ein Delfin schon schwerer. Diese Meeressäuger haben zwar ein riesiges Repertoire an Pfiffen und anderen Lauten auf Lager, mit denen sie untereinander kommunizieren. Was genau die einzelnen Töne bedeuten, ist allerdings schwer herauszufinden. Denise Herzing von der Florida Atlantic University versucht seit Jahrzehnten, diesen Code zu knacken. Das Kommunikationstalent der Meeressäuger hat sie auf die Idee gebracht, auch mit dieser Art eine Verständigung zu versuchen. Zusammen mit Computerspezialisten haben sie dazu einen Unterwassercomputer entwickelt.

Mit Delfinen ist es schwer

In dieses Gerät haben sie ein paar künstliche Pfiffe eingespeist, die für verschiedene Spielzeuge wie ein Seil, ein Tuch oder ein Stück Tang stehen. Wenn zwei Taucher mit den Delfinen im Wasser sind, gibt der eine per Computer zum Beispiel das Signal für „Tuch“, der andere überreicht ihm daraufhin vor den Augen der Meeressäuger den Gegenstand. Wenn ein Delfin den Pfiff imitiert, was viele gern tun, übersetzt der Computer das Signal in menschliche Sprache und das Tier bekommt das Tuch überreicht.

Auf diese Weise lernen die Meeressäuger, dass sie mit einem bestimmten Signal ein Spielzeug anfordern können. Langfristig hoffen die Forscher, auch einige weitere echte Delfinlaute in den Computer einspeisen zu können. Dazu müssten sie allerdings erst ganz sicher sein, was diese Signale genau bedeuten. „Wir wollen ja nicht aus Versehen etwas total Unpassendes oder Beleidigendes sagen“, erklärt Denise Herzing.

Besondere tierische Sprachgenies

  • Washoe: Das 2007 gestorbene Schimpansen-Weibchen hatten Wissenschaftle mehrere hundert Zeichen der amerikanischen Gebärdensprache ASL beigebracht. Dabei war Washoe in der Lage, das Gelernte zu übertragen. So hatte sie zum Beispiel begriffen, dass sich die Gebärde für „Hut“ auf alle Hüte bezog und nicht nur auf einen bestimmten. Zudem konnte sie mehrere Zeichen sinnvoll kombinieren, um etwas Neues auszudrücken. „Öffnen, essen, trinken“ hieß zum Beispiel „Öffne den Kühlschrank.“
  • Kanzi: Der 1980 geborene Bonobo hat von der Psychologin und Primatologin Susan Savage-Rumbaugh hat gelernt, über eine mit Symbolen versehene Computertastatur mit Menschen zu kommunizieren. Er versteht 3000 englische Wörter und kann 500 selbst verwenden. Zudem hat er sich Signale der amerikanischen Gebärdensprache abgeschaut. Kanzi gilt unter den bisher getesteten Tieren als größter Experte für menschliche Sprache.
  • Alex: Dieser 2007 verstorbene Graupapagei hat das Bild von der Intelligenz der Vögel verändert. Lange dachte man, dass sie menschliche Laute nicht sinnvoll verwenden können. Alex aber hatte 200 Wörter gelernt, mit denen er souverän umging. Er konnte dutzende Objekte, sieben Farben, fünf Formen und Mengen bis sechs erkennen. Wenn er statt der verlangten Banane eine Nuss bekam, fragte er mehrmals nach – und warf die Nuss dann den Forschern an den Kopf. (kvi)