Herr Burger, die Börsen in Europa und den USA waren in den letzten Wochen auf Talfahrt und auch der Ifo-Index, der die Stimmung in den Unternehmen misst, ist zuletzt gesunken. Sind die fetten Jahre für die Wirtschaft vorbei?

Wir hatten 10 Jahre lang in Deutschland eine Hochkonjunktur. Irgendwann wird auch diese Phase zu Ende gehen. Wann die Konjunktur sich wieder abschwächt, lässt sich seriös kaum vorhersagen. In der Weltwirtschaft gibt es derzeit viele politische und wirtschaftliche Unsicherheitsfaktoren wie den Brexit, die Wirtschaftskrise in der Türkei, die Schuldenkrise in Italien und den amerikanischen Protektionismus. Als Unternehmer bleibt einem in Zeiten wie diesen nichts anderes übrig, als auf Sicht zu fahren und die Entwicklung der Konjunktur genau zu beobachten, um gegebenenfalls bei einem Einbruch schnell reagieren zu können.

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Ist die Nervosität nur an den Finanzmärkten spürbar, oder ist sie auch schon in den Chefetagen der Unternehmen aus Südbaden angekommen?

Das erste Halbjahr war für unsere Verbandsunternehmen mit einem Umsatzwachstum von durchschnittlich 10,2 Prozent sehr positiv. Das Wachstum hat sich in der zweiten Jahreshälfte etwas abgeschwächt, ist aber immer noch solide. Die vielen Negativnachrichten aus der Weltwirtschaft gehen natürlich nicht spurlos an den Firmen vorbei. Viele Unternehmen sind sensibilisiert.

Wieviel Sorgen bereitet ihnen der protektionistische Kurs von US-Präsident Donald Trump?

Vieles was Trump ankündigt, wird zum Glück nicht so heiß gegessen wie es gekocht wird. Wir gehen davon aus, dass Trump möglicherweise wiedergewählt werden könnte. Nach den Zwischenwahlen zu Senat und Repräsentantenhaus am 6. November wissen wir mehr über die Stimmung der Amerikaner.

Der Brexit richtet dagegen bei uns tendenziell weniger Schaden an, oder?

Der größte Verlierer des Brexits sind die Briten selbst. Aber auch uns wird der EU-Austritt Großbritanniens treffen. Bis jetzt lassen sich die Risiken noch nicht abschätzen, weil London und Brüssel ja noch verhandeln. Wir hoffen auf einen vernünftigen Kompromiss.

Wie sehr belastet die fehlende Konstanz der großen Koalition in Berlin die Wirtschaft?

Die Politik ist leider zu sehr im Klein-Klein-Modus und derzeit kaum in der Lage, Impulse in die Wirtschaft zu geben. Leider hat die Politik ein Stück weit den Kontakt zu den Menschen verloren. Manchmal hat man das Gefühl, dass Stuttgart und Berlin zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind.

Glauben Sie, dass die große Koalition nach dem Rückzug von Angela Merkel als CDU-Parteivorsitzende wieder in die Spur findet und wäre Friedrich Merz wegen seiner Wirtschaftskompetenz nicht der ideale Nachfolger?

Es ist gut, dass es Perspektiven für eine geordnete Übernahme der CDU-Führung gibt und es ist schön zu sehen, dass es der CDU offenbar nicht an geeignetem Führungspersonal fehlt. Friedrich Merz legte in seiner Zeit als Vorsitzender der CDU-Bundestagsfraktion ein durchaus liberales Profil mit einer gesunden Portion Konservatismus an den Tag. Es gibt viele die sagen, dass es genau daran gefehlt hat.

Die Grünen sind derzeit im Höhenflug. Kann die Wirtschaft mittlerweile auch mit dieser Partei?

Die Grünen haben in den letzten Jahren ihre Kanten abgeschliffen und sind zu einer seriösen Partei der linken Mitte geworden. Sie sind stellenweise in der Lage, politische Verantwortung zu übernehmen. Baden-Württemberg mit seinem grünen Ministerpräsidenten ist ein gutes Beispiel für die positive Wandlung der Partei.

Wie gravierend ist der Fachkräftemangel und wie kann er bekämpft werden?

In unserer Region fehlen nicht nur Fachkräfte, sondern generell Arbeitskräfte. Dieser Mangel kann auch durch Zuzug aus dem Ausland abgemildert werden. Deshalb plädiere ich vehement für ein Zuwanderungsgesetz, das die Rahmenbedingung Einwanderung für außereuropäische Ausländer klar definiert. Wir brauchen nicht nur akademisch gebildete Einwanderer wie Ingenieure und Informatiker, sondern auch Handwerker, Facharbeiter und Altenpfleger aus dem Ausland.

Hat die deutsche Autoindustrie angesichts des technologischen Wandels noch eine Zukunft?

Ich sehe die Automobilindustrie im Südesten nach wie vor gut aufgestellt. Sie ist eine Schlüsselindustrie, die den Aufschwung der letzten Jahre wesentlich mitgetragen hat. Der Klimawandel ist ein wichtiges Thema für die Gesellschaft, aber man muss aufpassen, dass wir die deutsche Automobilindustrie nicht durch Aktionismus und emotionale Argumentationen kaputt reden. Auch das Elektroauto ist unter Betrachtung aller Umweltaspekte nicht der Weisheit letzter Schluss. Feinstaub entsteht bei allen Fahrzeugen, die Reifen und Bremsen haben, durch Reibung. Auch die Herstellung und Entsorgung von Batterien ist nicht gerade umweltfreundlich. Wir brauchen zumindest in den kommenden Jahren ein zukunftsoffenes Nebeneinander von verschiedenen Antriebskonzepten.

Bei mehreren Unternehmen aus unserer Region wie MTU in Friedrichshafen, Maggi in Singen oder Novartis am Hochrhein stehen Jobstreichungen an. Ist das eine Tendenz zum Jobabbau, die auch andere Unternehmen im Südwesten treffen könnte?

Nein. Es gibt keinen Grund zur Panik. Wenn Menschen in unserer Region ihren Job verlieren, werden sie in der Regel innerhalb kurzer Zeit vom Arbeitsmarkt aufgenommen. Andere Unternehmen suchen weiterhin händeringend nach Arbeitskräften. Verlagerungen ins Ausland, technologiegetriebene Veränderungen oder Umstrukturierungen wird es immer geben. Aber in der Summe rechnen wir nicht mit einem Arbeitsplatzabbau.

Daimler hat in Immendingen eine Teststrecke eröffnet. Ist das genau der Impuls, den der ländliche Raum braucht?

Die Teststrecke ist ein Leuchtturm-Projekt für die Region Schwarzwald-Baar-Heuberg. Nach der Schließung der Kaserne tut Immendingen dieser Impuls richtig gut. Das Beispiel belegt – ebenso wie der Thyssenkrupp-Testturm in Rottweil – die Attraktivität der Region.

Fragen: Thomas Domjahn