Herr Wollseifer, wer gerade ein Haus oder einen Carport baut, stöhnt – eine Folge der Pandemie – über ausbleibende Materiallieferungen. Ist Besserung in Sicht?

Es ist in der Tat immer noch so, dass es Unterbrechungen in den Lieferketten gibt, weil die Logistik weltweit als Folge der Pandemie nicht richtig funktioniert. Zweitens wurden Produktionskapazitäten in der Pandemie deutlich zurückgefahren, und die lassen sich nicht so schnell wieder aufbauen, wie es erforderlich wäre. Gleichzeitig brummen die Märkte in Asien und den USA wieder und haben einen ungeheuren Materialhunger.

Wir hatten auf etwas positivere Nachrichten gehofft.

Die können sie haben: Wir sehen – Chips und Elektroteile einmal ausgenommen – zumindest für einige Baumaterialien wie etwa beim Holz mittlerweile in der Tat etwas Entspannung. Ende September fällt endlich das Holz-Einschlagsverbot, da dürfte dann mehr Holz in den Kreislauf kommen. Die Knappheit wird schrittweise nachlassen. Ich rechne für die Zeit nach dem Winter mit einem Zustand, der vielleicht noch nicht Normalität bedeutet. Aber wir werden eine Situation haben, mit der wir im Baubereich dann planbar und gut umgehen können.

Hört sich schon viel besser an.

Allerdings werden die Preise wegen der Verknappung zunächst einmal auf einem höheren Niveau bleiben. Wir hatten in den letzten Monaten bei Baumaterialien Preissteigerungen von 20 bis 30 Prozent. Es gab in der Spitze gar Verdreifachungen der Preise. Das schlägt sich zwangsläufig in den Kalkulationen nieder.

Die Auftragsvorlaufzeiten am Bau betragen bis zu 15 Wochen. In anderen Bereichen des Handwerks sind es acht bis neun Wochen. Für viele Unternehmen bedeutet das, dass sie bei frühzeitig geschlossenen Verträgen mit einem Minus enden, weil da die höheren Materialkosten noch nicht eingerechnet waren. Bei Neuaufträgen müssen die Teuerungen beim Material dann natürlich enthalten sein, wenn die Betriebe nicht von vorneherein ein Minusgeschäft machen wollen.

Haben wir uns bei den Baumaterialen zu sehr auf die Produktion im Ausland verlassen und schauen deshalb jetzt in die Röhre? Ist es beim Holz also möglicherweise so wie bei den Impfstoffen?

Grundsätzlich profitieren wir alle von einem freien und fairen Welthandel. Beim Holz sollten wir uns aber in der Tat Gedanken machen, wo nachgesteuert werden kann, zum Beispiel ob wir die Normen und Richtlinien so belassen, wie sie derzeit sind. Wir könnten zum Beispiel durchaus Borkenkäferholz etwa zu Dämmstoff verarbeiten, das wurde in der Vergangenheit nur begrenzt gemacht. China hingegen nimmt es gerne. Wir haben darüber hinaus viel zu wenige Sägewerke in Deutschland.

Wer nur kleine Aufträge zu erteilen hat sucht oft sehr lange nach einem Betrieb. Werden Großkunden bevorzugt?

Es mag in Einzelfällen vorkommen, dass es zu Kollisionen kommt. Dass Stammkunden bedient werden und dass man die in der Kartei hat, das ist klar. Aber das ist nicht nur im Handwerk so, das ist überall so und auch üblich. Aber es ist ganz und gar nicht so, dass der kleine Auftrag nicht mehr attraktiv ist, wenn die Kapazität da ist. Die Betriebe machen, was sie können, wenn sie die Kapazitäten haben, lehnen sie Aufträge nicht ab.

Viel zu tun: Dachdecker bei der Arbeit auf einem Dach. Das Handwerk ist in vielen Bereichen gut durch die Krise gekommen. Insbesondere der Bau boomt.
Viel zu tun: Dachdecker bei der Arbeit auf einem Dach. Das Handwerk ist in vielen Bereichen gut durch die Krise gekommen. Insbesondere der Bau boomt. | Bild: Patrick Pleul

Womit wir bei der Personalsituation in Ihrer Branche wären. Auszubildende und ausgebildete Fachkräfte waren in den letzten Jahren Mangelware. Hat sich die Situation gebessert?

Die Lage ist insgesamt nicht schlecht, wenn Sie mich das aber vor zwei Wochen gefragt hätten, wäre ich noch zuversichtlicher als im Moment. Wir befinden uns in einem Aufholprozess zum letzten Jahr, das wegen Corona natürlich in jeder Form außergewöhnlich war, doch das Aufhol-Rennen hat sich im Juli leider etwas verlangsamt. Das kann natürlich auch an der Ferienzeit liegen.

Gegenüber dem Vorjahresjuli liegt das Plus Ende Juli 2021 bei den neu abgeschlossenen Lehrverträgen bei 6,5 Prozent. Im Vormonat hatten wir hier um 13,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahres-Juni zulegen können. Insgesamt haben wir also einige tausend Auszubildende mehr als vergangenes Jahr, aber an das Vor-Corona-Niveau knüpfen wir damit noch nicht an. Wir werden jedenfalls in den nächsten Wochen nicht darin nachlassen, diesen Rückstand aufzuholen.

In der Corona-Krise stark getroffen: Das Friseurhandwerk.
In der Corona-Krise stark getroffen: Das Friseurhandwerk. | Bild: Nicolas Maeterlinck/BELGA/dpa

Wie groß ist die Lücke?

Das ist noch eine ganze Schippe Arbeit, um an die Zahlen aus der Zeit vor Corona anzuknüpfen. Dabei sind die Angebote für junge Menschen da: Im ganzen Land gibt es noch 30.000 freie Ausbildungsplätze in allen Lehrberufen. Die mögen nicht immer direkt vor der eigenen Haustür liegen, aber sind erreichbar. Ich kann alle Jugendlichen nur ermutigen, sich das anzuschauen.

Wenn sie in ihrem Leben eine echte Perspektive suchen, dann sollten sie einen Beruf im Handwerk lernen: Denn bei all den anstehenden Zukunftsaufgaben im Klimaschutz, bei der Energie- und Mobilitätswende, bei Smart Home und E-Health wird die Arbeit nicht ausgehen.

Der Mangel an Auszubildenden ist nichts Neues. Müssten Ihre Handwerksbetriebe den Lehrlingen nicht einfach mehr zahlen und für bessere Bedingungen sorgen, um attraktiv zu sein?

Da werden oft Äpfel mit Birnen verglichen. Die Höhe von Ausbildungsvergütungen variiert sehr stark – je nach Gewerk, Region und vorhandenen Branchen-Tarifverträgen. Da gibt es natürlich klare Unterschiede, wenn man etwa die Azubi-Vergütung in der Automobilindustrie im Südwesten Deutschlands und im Friseurhandwerk in Sachsen-Anhalt nebeneinander legt. Über das Gesamthandwerk gesehen liegen wir aber im guten Mittelfeld, teils auch deutlich drüber. Im Hochbau etwa kommen die Auszubildenden in ihrem letzten Lehrjahr nahe an 1500 Euro heran. Das ist ein Wort.