St. Georgen – Wenn sich die deutschen Landwirte im Herbst quer durch die Republik auf ihren Bauerntagen zum Stelldichein treffen, schwankt die Stimmung irgendwo zwischen Leistungsschau und Scherbengericht. Vor den Versammlungsorten stehen große Schlepper und die neusten Erntemaschinen. Was der Fuhrpark hergibt, wird herangefahren. Ausnahmsweise mal ohne Protestplakate am Frontlader gegen ruinöse Tiefstpreise oder die Bürokraten in Brüssel. Fendt, Deutz und Claas stehen da einfach nur um zu zeigen: Wir sind da!

Viele Sorgen, aber Einigkeit

Innen in den Hallen lassen es sich die Landfrauen nicht nehmen, für eine heimelige Atmosphäre zu sorgen. Nie fehlen die Blumengestecke auf den Tischen, nie die geschmierten Brötchen, der Filterkaffe und der regionale Fruchtsaft. Und die Bühne ist mit dem Besten geschmückt, was die Region zu bieten hat. Wer ankommt, soll sich erst einmal wohlfühlen. Insbesondere, weil die Themen, die dann folgen, oft weniger erbaulich sind und bald schon irgendwem die Leviten gelesen werden.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) spricht beim Landesbauerntag des BLHV 2022 in St. Georgen. „Wir wollen die ...
Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) spricht beim Landesbauerntag des BLHV 2022 in St. Georgen. „Wir wollen die mittelständische Landwirtschaft bewahren.“ | Bild: Sprich, Roland

Insofern war es kein typischer Bauerntag, am Wochenende in der Schwarzwaldgemeinde Sankt Georgen. Denn all jene, die sich üblicherweise mit Inbrunst beharken – Politik, Bauern, Umweltschützer und Verbände – zeigten vor allem eines: Einigkeit.

Bernhard Bolkart, Forstwirt und Viehzüchter im Schwarzwald, ist seit Ende 2012 Präsident des Branchenverbands BLHV.
Bernhard Bolkart, Forstwirt und Viehzüchter im Schwarzwald, ist seit Ende 2012 Präsident des Branchenverbands BLHV. | Bild: Bernhard Bolkart

Für die großen Probleme unserer Zeit – seien es die sich abzeichnende Versorgungskrise, die Nachhaltigkeit oder der Umwelt- und Tierschutz – wolle man „aktiv Lösungen aufzeigen“, sagte Bernhard Bolkart, der seit knapp einem Jahr Präsident des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV) ist, in seiner ersten Grundsatzrede. Der extra angereiste Südwest-Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) machte Hoffnung „aus einer längeren Dauerkonfrontation“ bei manchen Themen herauszukommen. Und der Vertreter der Umweltschützer, Südwest-Nabu-Vorsitzender Johannes Enssle, sagte an die Landwirte gewandt: „Wir sind an ihrer Seite.“

Zölle für Lebensmittel aus anderen Ländern?

Die Herausforderungen, vor der die Branche und mit ihr die ganze Gesellschaft gerade steht, sind aktuell zu groß, um viel Energie ins Streiten zu stecken, scheint es.

Ein Landwirt pflügt einen Acker bei Gomadingen. Flächenstilllegungen und Fruchtfolge sorgen derzeit für Ärger mit der Politik.
Ein Landwirt pflügt einen Acker bei Gomadingen. Flächenstilllegungen und Fruchtfolge sorgen derzeit für Ärger mit der Politik. | Bild: Daniel Bockwoldt/dpa

Drängende Themen gibt es indes. Bitter stößt den Landwirten auf, dass nach ihrer Ansicht keine Waffengleichheit zwischen einheimischen und ausländischen Produzenten herrscht. Während bestimmte Pflanzenschutzmittel hierzulande längst verboten sind, würden sie im Ausland weiter eingesetzt, so ein Vorwurf. Zusammen mit schlechterem Arbeitsschutz, niedrigeren Löhnen und laxeren Auflagen führe das zu erheblichen Wettbewerbsnachteilen für einheimische Landwirte.

Auch für Gemüse aus Spanien müssen deutsche Standards gelten

„Für jedes Auto, das auf unseren Straßen fährt, gilt der gleiche Standard, auch wenn es aus dem Ausland kommt“, sagt BLHV-Präsident Bolkart. „Das muss genauso auch in der Landwirtschaft gelten.“ Ohne gleiche Rahmenbedingungen für alle europäischen Erzeuger würden ganze Branchen, etwa der Obst- und Gemüseanbau aus Deutschland „ganz schnell verschwinden“, so der BLHV-Chef und forderte Importzölle auf nicht regelgerecht erzeugte Waren aus dem Ausland.

Pestizidvorschriften sorgen erneut für Aufregung

Störfeuer aus Europa verbitten sich die Bauern auch in einem anderen Punkt. Beim Thema Pestizideinsatz hatte man in Bund und Land im Zuge des Volksbegehrens Artenschutz jahrelang um Wege gerungen, die sowohl die Erzeugung von Nahrungsmitteln gewährleisten, als auch zu mehr Biodiversität führen. Zuletzt war das geglückt. Was beschlossen worden sei, tue den Bauern zwar weh, sagt Bolkart. „Aber wir gehen das mit“. Eine neue, harte Pestizidverordnung der EU-Kommission stellt den mühsam gefundenen Kompromiss nun infrage. Bolkart platzt da der Kragen: „All Heck ein neues Gesetz geht nicht“, ruft er in den Saal – und rund 300 Bauern applaudieren. „Wir gehen die Pflanzenschutz-Reduktion mit, aber mit Sinn und Verstand.“

Ein Mitarbeiter der Reichenauer Gemüse-Genossenschaft kontrolliert in einem Gewächshaus in Singen. Der Mindestlohn treibt hierzulande ...
Ein Mitarbeiter der Reichenauer Gemüse-Genossenschaft kontrolliert in einem Gewächshaus in Singen. Der Mindestlohn treibt hierzulande die Kosten. | Bild: Patrick Seeger/dpa

Kretschmann hat der Bauernfunktionär in diesem Punkt an seiner Seite. Käme Brüssel mit seinen Vorstellungen durch, wären davon 50 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen in Baden-Württemberg betroffen, sagt der Ministerpräsident. Auf ihnen wäre Pflanzenschutz nur noch sehr eingeschränkt oder sogar gar nicht mehr möglich. „Da käme der Weinbau am Kaiserstuhl wahrscheinlich zum Erliegen“, vermutet Kretschmann. Gegen solche Pläne werde die Landesregierung „ihren Widerstand wirksam einbringen“. Die Anforderungen, die von Seiten der Gesellschaft und der Politik an die Bauern gestellt werden, „müssen auch ökonomisch funktionieren“, sagt der Grüne. „Letztlich müssen alle ja essen und trinken“.

Kretschmann für Erhalt der Höfe

Dass es die Bauern seien, die wie selbstverständlich dafür sorgten, dass seit Jahrzehnten immer genug auf den Tischen stehe, sei in der Vergangenheit „leider nicht immer genügend gewürdigt worden“, betont Kretschmann. Die mittelständische Landwirtschaft zu erhalten, sei das zentrale Ziel der Landesregierung.