Andreas Jörger hatte schon einmal einen leichteren Job. „Beim Einkauf von Papier und Energie ist es brutal gerade“, sagt der 52-jährige Leiter der Materialwirtschaft beim Konstanzer SÜDKURIER Medienhaus. Wo er früher einmal im Jahr mit den Lieferanten über Preise und Lieferbedingungen verhandeln musste, gehe es jetzt im Monatsrhythmus „zur Sache“. Und immer stünden am Ende weitere Aufschläge. „Man kann einfach nichts dagegen machen“, sagt er. „Immer wird alles teurer.“

BDZV-Chef Döpfner: Noch nie dagewesene Kostenentwicklung

So wie dem Verlagsmanager geht es derzeit jedem in der Branche. Landauf, landab kämpfen die meist mittelständischen Medien- und Zeitungshäuser sowie Druckereien mit den in Folge des Ukraine-Kriegs ausufernden Kosten. Allein die Papierpreise seien in einer Form gestiegen, die weit über den Kostenentwicklungen anderer Branchen liege und die er in den letzten 20 Jahren noch nie erlebt habe, sagte Mitte September der Präsident des Zeitungsverlegerverbands (BDZV), Mathias Döpfner.

Andreas Jörger ist beim SÜDKURIER Medienhaus in Konstanz unter anderem für den Materialeinkauf zuständig. Er sagt: Es ist brutal gerade, ...
Andreas Jörger ist beim SÜDKURIER Medienhaus in Konstanz unter anderem für den Materialeinkauf zuständig. Er sagt: Es ist brutal gerade, die Preise steigen immer weiter. | Bild: SK

SÜDKURIER-Manager Jörger spricht von einer „Verzweieinhalbfachung der Preise innerhalb weniger Monate“. Und das betrifft nur das Papier, das von Lkws jede Woche in großen Rollen in die Druckerei der süddeutschen Regionalzeitung geliefert wird.

Noch heftiger sind die Ausschläge bei Energie. Seit Beginn der Corona-Krise im Frühjahr 2020 sind die Gastarife für den Mittelständler um den Faktor acht in die Höhe geklettert. Und für den Strom für die zwei großen Druckmaschinenlinien werden im Frühjahr 2023 sagenhafte 80 Cent je Kilowattstunde fällig. Zum Vergleich: Der langjährige Industrie-Bruttostrompreis lag bei etwa 20 Cent je Einheit. „Unsere Hoffnung ruht auf einem Strom- und Gaspreisdeckel der Bundesregierung“, sagt Jörger.

Das gilt auch für die Papierfabriken, die den Zeitungshäusern den Rohstoff liefern. Mit rund 90 Prozent entfällt der Löwenanteil der für die Herstellung einer Tageszeitung notwendigen Energie auf das Papier. Als Brennstoff setzen die meisten Papierwerke auf Gas. In der Branche stellt man sich die Frage, ob die Unternehmen die Preisexplosion überleben werden. Würden auch nur einige den Betrieb einstellen, sänke das Angebot – und die Papierpreise schössen weiter in die Höhe. Das könnte langfristig auch die Zeitungsproduktion gefährden.

Nicht nur Rohstoffe und Energie, auch Lohnerhöhungen schlagen ins Kontor der Firmen

Vom Bundesverband Druck und Medien (BVDM) heißt es daher, man brauche nun Preisbremsen und einen Energiepreis-Deckel, um Planungssicherheit für die kommenden Monate zu bekommen. An die Kunden weitergeben könnten die Druckereien und Verlage die Preissteigerungen nicht, sagt etwa Wolfgang Poppen, BVDM-Präsident, dem SÜDKURIER.

Zwar haben fast alle Verlage für die kommenden Monate Bezugspreiserhöhungen angekündigt. Diese fallen aber vergleichsweise moderat aus. Angesichts der aktuellen Preissprünge bei Energie, Rohstoffen und Löhnen müsste der Preis einer Zeitung eigentlich um 30 Prozent steigen, hat der Verband Südwestdeutscher Zeitungsverleger ausgerechnet.

Tageszeitungsproduktion auf einer Rotationsdruckmaschine. Auflagen sinken, aber das Online-Geschäft zieht deutlich an.
Tageszeitungsproduktion auf einer Rotationsdruckmaschine. Auflagen sinken, aber das Online-Geschäft zieht deutlich an. | Bild: Julian Stratenschulte, dpa

Tatsächlich ist die Lage in der Druck- und Medienbranche derzeit auch deswegen so angespannt, weil der jetzige Energie- und Rohstoffpreisschock, nicht die erste wirtschaftliche Herausforderung ist, der man sich in kurzer Zeit gegenübersieht. Zwar erfreuen sich digitale Angebote wie Online-Nachrichten und E-Paper zunehmender Beliebtheit.

Die Auflagen der klassischen Tageszeitungen, die bundesweit immer noch das Top-Informationsmedium der Bevölkerung darstellen, sinken aber. Und das wiederum tangiert die Anzeigen- und Werbeumsätze der Häuser. Auch sie brächen regelrecht ein, wie BDZV-Chef Döpfner jüngst auf einem Branchenkongress betonte.

Die Gaspreise kennen kein Halten. In der Folge wird auch Strom teurer. Unternehmen zahlen locker das Vierfache der üblichen Tarife.
Die Gaspreise kennen kein Halten. In der Folge wird auch Strom teurer. Unternehmen zahlen locker das Vierfache der üblichen Tarife. | Bild: Marijan Murat, dpa

Dazu kommen Tariferhöhungen – etwa im Reinigungs- und Sicherheitsgewerbe -, die sich im unteren zweistelligen Prozentbereich bewegen und die Anhebung des Mindestlohns ab 1. Oktober auf 12 Euro. Was für Mitarbeiter ein willkommenes Zubrot darstellt, sei für die Verlage in der Zusammenschau kostenmäßig „kaum darstellbar“, so Verbands-Chef Döpfner.

Bislang keine Staatshilfen

Der Befund wiegt umso schwerer, als dass die Unternehmen nach Verbandsangaben bei Staatshilfen leer ausgehen. Beim vor wenigen Monaten aufgelegten Energiekostendämpfungsprogramm der Bundesregierung blieb die Druckbranche „aufgrund der eng gefassten Zulassungsvoraussetzungen bisher außen vor“, sagt eine BVDM-Sprecherin.

Im Koalitionsvertrag hat sich die Ampel-Regierung zwar dafür ausgesprochen, „eine flächendeckende Versorgung mit periodischen Presseerzeugnissen zu gewährleisten“. Wie genau eine mögliche Förderung aussehen könnte, ist jedoch seit Monaten offen.

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Um die ärgsten Auswirkungen der verrückt spielenden Energie- und Rohstoffmärkte abzufedern, bleibt den Verlagen daher nicht viel anderes übrig, als den Gürtel enger zu schnallen. Bereits 2021 haben einige Zeitungen im Norden Deutschlands angekündigt, die Umfänge zurückzufahren oder die Blattstruktur zu verändern. In Süddeutschland sind solche Schritte bislang noch die absolute Ausnahme.

Rohstoffe bleiben teuer

„Wir versuchen mit intelligenten Lösungen gegenzuhalten“, sagt Jörger. Wo es möglich sei, werde die Raumtemperatur abgesenkt. Bei der Klimatisierung der Gebäude schalte man einen Gang zurück. Außerdem sei man dabei, den Energieverbrauch der Druckerei zu optimieren. Das eigene Gas-Blockheizkraftwerk wird das Unternehmen in den kommenden Wochen abschalten. Die Verstromung von Gas sei in der jetzigen Lage komplett unwirtschaftlich geworden. Ein Trost ist das aber nicht. Denn auch der dadurch erhöhte Stromverbrauch, schlägt voll ins Kontor.

Papierrollen zur Zeitungsproduktion: Seit der Corona-Krise gibt es erhebliche Preisschwankungen. Zuletzt sind die Preise massiv angestiegen.
Papierrollen zur Zeitungsproduktion: Seit der Corona-Krise gibt es erhebliche Preisschwankungen. Zuletzt sind die Preise massiv angestiegen. | Bild: Nicolas Armer, dpa

Und wie sieht die Zukunft aus? Die Lage auf den Energie- und Rohstoffbörsen deutet aktuell nicht auf eine zügige Entspannung hin. Ausgehend von den Horrornotierungen bei Strom und Gas im Monat August haben die Preise an einschlägigen Handelsplätzen wie der Leipziger EEX oder der niederländischen TTF zwar leicht nachgelassen.

Wer im kommenden Jahr als Unternehmen Strom und Gas einkaufen muss, zahlt nach jetzigem Stand aber immer noch sehr hohe Preise. Erst danach könnte sich die Lage entspannen, weil Energiefutures, die sozusagen die prognostizierte Preissituation ab dem Jahreswechsel 2023/24 wiedergeben, nach unten zeigen. SÜDKURIER-Chefeinkäufer Jörger sagt dazu: „Zu den moderaten Preisen der Vor-Corona-Phase, werden wir nie mehr hinkommen.“