Die Wirtschaft in Baden-Württemberg ist ernüchtert über das Tempo der Energiewende und sieht die künftige Stromversorgung vor großen Herausforderungen. „In gewisser Weise schlagen wir Alarm“, sagte Jens Perner von der Beratungsgesellschaft Frontier Economics (FE).

In einer vom Südwest-Energieverband VfEW und dem Unternehmerverband UBW beauftragten Studie haben die FE-Fachleute zum ersten Mal detaillierte Aussagen zum künftigen Stromverbrauch von Baden-Württembergs Industrie gemacht. Das Resultat: Um die Energieziele von Bund und EU zu erreichen, ist deutlich mehr Strom nötig, als bislang gedacht.

Allein in Industrie 70 Prozent mehr Strom nötig

„Um bis zu 70 Prozent“ werde allein der Strombedarf der Industriebetriebe im Südwesten bis 2045 ansteigen, so die Experten. Als Referenzjahr wählten die Wissenschaftler das Vor-Corona-Jahr 2019. In den bisherigen Netzplanungen, seien diese Erkenntnisse nicht berücksichtigt, sagte Torsten Höck, Geschäftsführer des VfEW.

Der gebürtige Radolfzeller Torsten Höck ist Geschäftsführer des Südwest-Energieverbands VfEW
Der gebürtige Radolfzeller Torsten Höck ist Geschäftsführer des Südwest-Energieverbands VfEW | Bild: VfEW

Wo die Energie herkommen soll, ist im Moment noch vollkommen offen. Der Ausbau von Erneuerbaren Energien wie Wind- und Freiflächensolaranlagen schreitet zwar voran, aber viel zu langsam. Neue Gaskraftwerke, die künftig auch grünen Wasserstoff verstromen sollen, sind zwar geplant und Altmeiler werden umgerüstet, aber auch hier sind die Fortschritte gering.

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Und auch der Netzausbau, der Stromimporte aus Norddeutschland in den Südwesten ermöglichen soll, hinkt weit hinter dem Zeitplan hinterher. Die Stromversorgung, insbesondere die Bereitstellung genügender Mengen grüner Energie, mache ihm „gewisse Sorgen“, sagte Höck. Um sicherzustellen, dass künftig genug CO2-freier Strom vorhanden sei, bedürfe es „massivster Anstrengungen“, etwa beim Ausbau von Wind- und Solarkraft.

Sorge vor Preissprüngen

In Baden-Württemberg gibt es zwar eine ganze Reihe alter Kraftwerke, die von den Übertragungsnetzbetreibern für Notsituationen in Reserve gehalten werden. Da sie aber meist mit Kohle befeuert werden, stellen sie keinen Beitrag zur Energiewende dar. Außerdem ist ihr Unterhalt teuer.

Rainer Dulger (Mitte), Präsident des Verbandes Unternehmer Baden-Württemberg (UBW), steht mit den Hauptgeschäftsführern Wolfgang Wolf ...
Rainer Dulger (Mitte), Präsident des Verbandes Unternehmer Baden-Württemberg (UBW), steht mit den Hauptgeschäftsführern Wolfgang Wolf (links) und Peer-Michael Dick vor einem Logo des Verbands. Die Unternehmerinnen und Unternehmer im Land haben sich dazu entschieden, ihre wirtschafts- und industriepolitischen sowie sozialpolitischen Interessen unter gemeinsamer Flagge zu vertreten. | Bild: Bernd Weißbrod, dpa

Die drohende Stromlücke bei grüner Energie könnte auch zu einer Belastung der Unternehmen führen, denn alles was knapp ist, ist auch teuer. Schon heute zahlten Betriebe in Baden-Württemberg deutliche höhere Strompreise als im EU-Durchschnitt, sagte Wolfgang Wolf, geschäftsführender UBW-Vorstand. Vor dem Hintergrund, dass Baden-Württemberg wie keine andere Region in Europa von der Industrie abhängig sei, sei das eine „Riesenherausforderung“.

Niedrige Strompreise Garant für Arbeitsplätze

Der Anteil der industriellen Wertschöpfung am Bruttoinlandsprodukt liegt hierzulande bei mehr als 40 Prozent. Rechnet man den industrienahen Dienstleistungssektor mit, sind es sogar 60 Prozent. „Für den Wirtschaftsstandort Baden-Württemberg ist eine sichere, bezahlbare und zuverlässige Stromversorgung entscheidend“, sagte der Verbands-Chef.