Das Jahr 2020 könnte man als Totalausfall für die Veranstaltungsbranche bezeichnen. Betroffen sind kleine Caterer, selbständige Tontechniker ebenso wie große Konzertveranstalter oder Messezentren. Sie kämpfen mit Umsatzeinbußen von bis zu 100 Prozent. Doch während andere Branchen wie selbstverständlich von der Politik gestützt wurden, musste sich die Veranstaltungsbranche während der Corona-Pandemie erst Gehör verschaffen und ihre Not sichtbar machen. Und die ist nach wie vor groß.

Eine boomende Branche stürzt ab

„Wir hatten es nie nötig Lobbyarbeit zu machen“, sagt Björn Schindler, Geschäftsführer von Party Rent in Stuttgart und aktiv bei der Initiative Alarmstufe Rot. „Vor Corona waren wir eine wachsende Wirtschaftsbranche. Der Weg ging nach oben“, beschreibt er die Situation, wie sie noch im Februar war. Der erste Lockdown im März änderte das und machte es notwendig, politisch aktiv zu werden.

„Wir hatten Angst, bei all den Wirtschaftshilfen vergessen zu werden.“ Doch der Wirtschaftszweig war nicht richtig zu fassen. Die Branche ist vielfältig und groß und es gibt viele einzelne Verbände, aber keinen großen Dachverband, der für die Interessen der rund 1,5 Millionen Betroffenen eintrat. Das änderte sich mit der Initiative Alarmstufe Rot.

Messebauer bricht der Umsatz weg

Alarmstufe Rot spricht mit einer Stimme für die gesamte Branche. Zum Beispiel auch für Messebauer, ein Job, den Bernhard Thomma 14 Jahre lang auch für große Firmen gemacht hat. Aber seit dem Frühjahr heißt es: Keine Messen, keine Ausstellungsflächen, keine Messestände. Jetzt ist abzusehen, dass der Jahresumsatz um etwa 70 Prozent eingebrochen ist, sagt der Inhaber des Unternehmens „Der Hingucker“.

Die Monate März und April sind eigentlich die umsatzstärksten im ganzen Jahr. Doch mit der Absage sämtlicher öffentlicher Veranstaltungen im März brach von seinen drei Standbeinen Werbetechnik, Messebau und Kommunikation das stabilste erst einmal komplett weg. Seitdem steht das ganze Geschäft wackelig da und die fünf Jobs seiner Mitarbeiter auf der Kippe.

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Werbetechnik sichert das Überleben

Statt schicker Messestände präsentiert Thomma auf seiner Homepage nun Angebote für einen personalisierten Mund-Schutz, also Corona-Prävention mit Firmenlogo. Wer überleben will, der muss kreativ sein und einen neuen Absatzmarkt finden. Bernhard Thomma hat sich mit seinen Mitarbeitern schon zu Beginn Gedanken gemacht, wie sie die Zeit ohne Aufträge aus der Messebranche durchstehen können.

Das zweite kleinere Standbein, die Werbetechnik, hat dem Deißlinger Unternehmen in den vergangenen Monaten dringend notwendige Einnahmen eingebracht. „Wir haben von jetzt auf gleich den Werbe-Geschäftszweig aktiviert“, erzählt er. Handwerker wurden gezielt angesprochen und Angebote für Fahrzeugbeschriftung, Gerüstbanner und bedruckte Arbeitskleidung gemacht.

Bernhard Thomma baut eigentlich Messestände. Doch die Corona-Krise hat diesen Geschäftszweig lahm gelegt. Jetzt setzt er mit seinem Betrieb „Der Hingucker“ in Deißlingen auf Werbetechnik.
Bernhard Thomma baut eigentlich Messestände. Doch die Corona-Krise hat diesen Geschäftszweig lahm gelegt. Jetzt setzt er mit seinem Betrieb „Der Hingucker“ in Deißlingen auf Werbetechnik. | Bild: Der Hingucker

Ein zusätzliches neues Geschäftsfeld vereint Corona und das Fachwissen aus dem Ausstellungsbereich. Spuckschutzwände für den Verkauf und das Kundengespräch, Aufsteller mit Informationen über den Infektionsschutz, Abstandshalter als Klebefolie für den Fußboden – die Pandemie hat andere Produkte groß gemacht.

Bernhard Thomma kann damit aber auch nicht das Überleben seines Geschäfts sichern. „Wir waren zu spät dran“, sagt er. Der Umsatz sei eher zu vernachlässigen. Sein Ziel ist, seine Mitarbeiter an Bord zu halten. Wenn auch nur in Kurzarbeit. „Ich will meine Leute unbedingt halten. Sonst wäre das der Todesstoß, weil ich sie nicht ersetzen kann.“

Keine Veranstaltungen, keine Aufträge

Björn Schindler kämpft als Ausstatter für Veranstaltungen mit ähnlichen Problemen. Tische, Bodenbeläge, Stühle, Geschirr, Tischdekoration – bei ihm kann man alles mieten, was man für Parties, Präsentationen oder Konzerte braucht in zig verschiedenen Varianten.

Doch gerade sind die Lager voll. Nichts geht mehr. „In den ersten zwei Monaten des Jahres konnten wir ein Wachstum verbuchen. Aber am Ende des Jahres steht ein Umsatzverlust von bis zu 80 Prozent“, zieht er eine Bilanz. Der Lockdown habe das Geschäft voll ausgebremst. Von den 60 Mitarbeitern sind noch 45 da, weil Perspektiven und Einkommen fehlen. „Einige Mitarbeiter sitzen seit neun Monaten zu Hause in Kurzarbeit.“

Normalerweise wären die Regale leer und auf unterschiedlichsten Veranstaltungen wie Hochzeiten, Betriebsversammlungen, Weihnachtsfeiern oder Produktpräsentationen im Einsatz. Björn Schindler, Geschäftsführer von Party Rent Stuttgart, steht in dem Lager seines Unternehmens, das Veranstaltungen ausstattet. Er setzt sich für die Interessen der Veranstaltungsbranche in der Corona-Krise ein.
Normalerweise wären die Regale leer und auf unterschiedlichsten Veranstaltungen wie Hochzeiten, Betriebsversammlungen, Weihnachtsfeiern oder Produktpräsentationen im Einsatz. Björn Schindler, Geschäftsführer von Party Rent Stuttgart, steht in dem Lager seines Unternehmens, das Veranstaltungen ausstattet. Er setzt sich für die Interessen der Veranstaltungsbranche in der Corona-Krise ein. | Bild: Party Rent Stuttgart

Um Alarmstufe Rot auch von Landesebene aus koordiniert unterstützen zu können, will Schindler gemeinsam mit sechs anderen Unternehmern aus Baden-Württemberg einen Verein ins Leben rufen, der die Veranstaltungsbranche vereint. Das soll noch in dieser Woche geschehen. 130 potentielle Mitglieder stehen nach Schindlers Aussagen schon bereit, alles bislang ohne große Werbung für den neuen Verband. „Wir wollen das Sprachrohr für alle sein und niemanden auf der Strecke lassen“, sagt der 49-jährige Geschäftsmann.

MVW BW – Ein Verband für die Veranstaltungsbranche in Baden-Württemberg

Auch für den Messenbauer Thomma. Im September keimte bei ihm die Hoffnung auf, dass es zumindest einzelne Messen geben würde. Doch diese wurde schnell wieder zerschlagen. Rückblickend auf das Jahr kann er sagen, dass 99 Prozent des Umsatzes aus dem Messebereich ausgefallen sind. „Es liegt auch einiges an Projekten, die wir gebaut und geplant haben, die aber nicht bezahlt wurden.“ Bezahlt wird erst mit der Lieferung, der Messebauer tritt in Vorleistung. Das war bislang nie ein Problem. Der Messebranche ging es gut. Doch jetzt geht vielen das Geld aus und sie können die Aufträge nicht mehr zahlen.

Im Januar werden die Kredite für den Neubau fällig

Diese Befürchtung hat Bernhard Thomma auch: „So richtig weh tut es, wenn im Januar die aufgeschobenen Zahlungen für die laufenden Kredite fällig werden.“ Zwar konnte er durch die Anpassung seiner Geschäftsidee im Oktober weitgehend kostendeckend arbeiten. Aber auch der Neubau, in den das Unternehmen im April gerade gezogen ist, muss abbezahlt werden. „Wir kämpfen hier täglich ums Überleben„, macht er die Situation für ihn und seine Mitarbeiter deutlich. Zudem hängen sieben Freiberufler in der Luft, denen er keine Aufträge versprechen kann.

Bild: Kerstan, Stefanie

Denn eine Planung für das nächste Jahr ist unmöglich. „Alle haben den Fokus auf morgen, aber wir müssten jetzt eigentlich schon das nächste Jahr planen“, sagt der Messebauer. Im Februar wäre die erste große Messe. Andere abgesagte Messen sind auch auf das nächste Jahr verschoben worden, so dass sich die Termine überschneiden. Wieder andere sind ganz abgesagt.

„Es ist eine absolut kaputte Situation. Wenn überhaupt, würden die Messen gleichzeitig stattfinden. Dann würden die Aufträge von unseren Bestandskunden gleichzeitig kommen. Wir arbeiten seit Jahrzehnten mit denen zusammen. Wem soll ich da absagen und vielleicht als Kunde verlieren?“ Thomma sagt, dass man in der Branche damit rechne, dass richtige Großveranstaltungen erst nach der Sommerpause im kommenden Jahr wieder stattfinden werden.

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Die Soforthilfen hat er in Anspruch genommen. Das zahlt die Miete, den Steuerberater aber keine Materialkosten oder Umsatzrückgänge. „Wir haben keinen Puffer mehr“, sagt Thomma. „Das bedeutet im Extremfall, wenn ich ein Projekt annehmen will, dann muss ich bei der Bank einen Kredit beantragen, um überhaupt Aufträge zu haben.“ Er vermutet auch, dass der Preiskampf zunehmen wird. „Alle werden froh sein, Aufträge zu bekommen und sich unterbieten.“

Branche hält zusammen

Mit dem harten Wettbewerb in der Branche hat auch Björn Schindler Erfahrung gemacht. Wenn er dann etwas Positives aus den Auswirkungen der Corona-Krise ziehen soll, dann dies: „Die Branche ist schnell und früh zusammengerückt und unterstützt sich gegenseitig. Es gibt viel Dankbarkeit für die Leute, die für die Branche kämpfen. Das motiviert.“