Die Suppenküchen boomen und an den Tafeln ist der Andrang groß. Die unabhängige Bertelsmann-Stiftung schlägt Alarm – und die Sozialverbände fühlen sich in ihrer Kritik an der Familienpolitik der Großen Koalition bestätigt. „Die Wirtschaft wächst, doch die Kinderarmut auch“, heißt es in einer aktuellen Studie des Gütersloher Forschungsinstituts. Knapp 2 Millionen Kinder wachsen demnach in Familien auf, die auf Hartz IV angewiesen sind, das sind 14,7 Prozent aller unter 18-Jährigen in Deutschland. Vor fünf Jahren waren es noch 14,3 Prozent. Und das, obwohl das deutsche Bruttoinlandsprodukt in der gleichen Zeit von 2,754 Billionen Euro auf 3,025 Billionen gestiegen ist, womit die Bundesrepublik hinter den USA, China und Japan auf Platz vier liegt. Doch viele Menschen werden von der gesamtwirtschaftlichen Lage abgekoppelt und sind auf Dauer auf die staatliche Grundsicherung angewiesen.

Nach den Erkenntnissen der Bertelmann-Stiftung sind besonders Kinder in zwei Familienkonstellationen betroffen: Von allen Minderjährigen, die auf Hartz IV angewiesen sind, leben 50 Prozent in alleinerziehenden Familien sowie 36 Prozent in Großfamilien mit drei oder mehr Kindern. Besonders hoch ist das Risiko, wenn sie in Bremerhaven (40,5 Prozent), Gelsenkirchen (38,5 Prozent), Offenbach (34,5 Prozent), Halle/Saale (33,4 Prozent), Essen (32,6 Prozent) oder Berlin (32,2 Prozent) zuhause sind. Eine weitere Erkenntnis der Gütersloher Studie: Die Kinderarmut verfestigt sich und wird für viele zu einem Dauerzustand. Von den betroffenen Kindern im Alter von sieben bis unter 15 Jahren bezogen 57,2 Prozent drei Jahre und länger die staatliche Grundsicherung.

Dabei ist die Kinderarmut in Deutschland regional sehr unterschiedlich verteilt. In Ostdeutschland sank die Quote im Vergleich zu 2011 von 24 auf 21,6 Prozent. Im Westen stieg sie dagegen in der gleichen Zeit von 12,4 auf 13,2 Prozent. Auf das gesamte Bundesgebiet gesehen nahm die Zahl der von Armut betroffenen Kinder in neun der 16 Länder zu – davon am stärksten in Bremen (plus 2,8 Prozentpunkte auf 31,6 Prozent), im Saarland (plus 2,6 Punkte auf 17,6) sowie in Nordrhein-Westfalen (plus 1,6 Punkte auf 18,6). Aber auch im Süden der Republik mit den niedrigsten Quoten wuchs die Kinderarmut. So erhöhte sich der Anteil in Baden-Württemberg um 0,5 Punkte auf 8,0 Prozent, in Bayern um 0,4 Punkte auf 6,8 Prozent, in Rheinland-Pfalz um 0,8 Punkte auf 11,5 Prozent sowie in Hessen um 1,1 Punkte auf 14,4 Prozent.

Besonders besorgniserregend sind nach Ansicht der Autoren der Studie die langfristigen Folgen für die Kinder. „Kinderarmut beeinträchtigt die Chancen für das ganze Leben“, sagt Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann-Stiftung. Je länger Kinder in Armut leben, desto negativer sind die Folgen für ihre Entwicklung. Sie haben häufig kein eigenes Zimmer und somit keinen Rückzugsort für Schularbeiten, zudem essen sie kaum oder gar kein Obst oder Gemüse. Im Vergleich zu den Gleichaltrigen aus gesicherten Einkommensverhältnissen sind sie häufiger sozial isoliert, gesundheitlich beeinträchtigt und ihre gesamte Bildungsbiografie ist belasteter. Als Konsequenz fordert der Chef der Bertelsmann-Stiftung eine Neuberechnung der Grundsicherung für Kinder und Jugendliche. Sie müsse sich künftig daran orientieren, „was Kinder für gutes Aufwachsen und Teilhabe brauchen“, sagt Dräger. Grundlage der Berechnung sollte der tatsächliche Bedarf der unter 18-Jährigen sein. „Nur so kann Kinderarmut wirksam bekämpft werden.“

Das fordern auch die Sozialverbände. Das „Zukunftsforum Familie“ bemängelt, dass das System des Familienlastenausgleichs nicht darauf ausgerichtet sei, allen Kindern ein gutes Aufwachsen zu ermöglichen. So hätten Kinder aus Hartz-IV-Haushalten deutlich schlechtere Chancen als andere Kinder. Nötig sei die Einführung einer Kindergrundsicherung in Höhe von 564 Euro für jedes Kind, welche mit steigendem Familieneinkommen sinke. „Nur so, in Verbindung mit der Investition in eine familienfreundliche und bildungsfördernde Infrastruktur, gelingt es uns, den Kreislauf der Armut langfristig zu durchbrechen“, sagt die Vorsitzende des Zukunftsforums, Christiane Reckmann. Der Verband kinderreicher Familien in Deutschland fordert hingegen eine „spürbare Kindergelderhöhung ab dem dritten Kind“.

 

Soviel Geld haben arme Familien

  1. .Was genau heißt Armut? Wo Armut beginnt, wird immer wieder diskutiert. Verhungern muss in Deutschland niemand. Gängige Armutsdefinitionen orientieren sich daher am Geldbeutel der Mehrheit. Doch auch relative Armut hat Folgen: „Je deutlicher Kinder unter einer solchen Schwelle liegen, desto stärker leidet das Selbstbewusstsein“, sagt Klaus Hurrelmann von der Berliner Hertie School of Governance. „Arme Kinder wissen, dass sie weniger haben als andere, fühlen sich damit weniger wertvoll und herabgesetzt.“
  2. .Wie hoch sind die Sozialleistungen? Nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit (BA) erhielt eine Alleinerziehende mit einem Kind 2015 im Schnitt monatlich 1261 Euro – das bezieht Grundsicherung, Wohngeld und weitere Ansprüche mit ein, etwa wenn die Waschmaschine kaputt geht; 1600 Euro waren es bei zwei, 1998 Euro bei drei Kindern. Bedürftige Paare mit einem Kind erhielten durchschnittlich 1686 Euro, mit zwei Kindern 2031 Euro und mit drei und mehr Kindern 2515 Euro.
  3. .Liegt der Anstieg der Kinderarmut auch am Flüchtlingszustrom? Zwar ist die Zahl der anerkannten Flüchtlinge, die Grundsicherungsleistungen erhalten, nach BA-Angaben sprunghaft gestiegen. Darunter seien aber vor allem alleinreisende Männer und vergleichsweise wenige Familien. Den Anstieg der Kinderarmut erkläre dies also nicht komplett.