Sehr geehrter Herr Tönnies, erlauben Sie mir zu Beginn einige Zeilen aus Ihrer Berliner Pressekonferenz wiederzugeben. Anlass – wie kann es anders sein – ist die Lage in der deutschen Fleischwirtschaft.

Schon vor fünf Jahren haben Sie versprochen, die Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen zu verbessern

Zunächst einmal finde ich es toll, dass Sie „gerne nach Berlin gekommen sind“, wie Sie betonen, um über das heikle Thema zu sprechen. Dieses brennt Ihnen „unter den Nägeln“, wie Sie sagen. Wir alle haben natürlich von den zweifelhaften Arbeitsbedingungen in deutschen Schlachthöfen gehört, von der schlechten Unterbringung der Arbeitskräfte, den miesen Löhnen, dem mangelhaften Gesundheitsschutz und den Werkverträgen.

Clemens Tönnies, Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender und Großschlachterei-Besitzer, steht vor dem Spiel hinter einer mit Kohle gefüllten Bergwerkslore.
Clemens Tönnies, Schalkes Aufsichtsratsvorsitzender und Großschlachterei-Besitzer, steht vor dem Spiel hinter einer mit Kohle gefüllten Bergwerkslore. | Bild: Guido Kirchner, dpa

Dass Sie ihre Firma Tönnies als Marktführer in einer „besonderen Verantwortung“ sehen, beeindruckt mich. Sie wollen „die Unterbringungssituation neu organisieren“ und die Bedingungen für „Werksvertragsarbeitnehmer“ verbessern. Auch dass Sie „die ganze Branche“ in die Pflicht nehmen wollen, ist für mich ein gutes Signal. So, lieber Herr Tönnies, stelle ich mir verantwortungsvolles Unternehmertum vor!

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Aber halt, da gibt es ein Problem: Die oben zitierten Sätze stammen leider nicht aus dem Sommer 2020, sondern sind schon ein halbes Jahrzehnt alt. Sie haben sie im September 2015 gesagt. Damals stand die Fleischindustrie auch mächtig unter Druck. Nicht das Corona-Virus zog damals seine Kreise, sondern Berichte über 70-Stunden-Wochen an den Zerlegebändern, Lohndumping und Arbeitskräfte aus Rumänien, die lieber im Wald übernachteten, als in die für sie bereitgestellten Gruppenunterkünfte einzuchecken. Für Sie als „Schnitzel-König“ wurde der Druck damals so groß, dass Sie sich zusammen mit Ihren Konkurrenten zu einer Selbstverpflichtung bereiterklärten, all dies abzustellen. Getan hat sich seither aber nichts.

Selbstverpflichtungen bringen nichts

Vor diesem Hintergrund muss ich die anfangs getroffene Bewertung Ihrer Person leider relativieren. Sie und die ganze Branche haben in all den Jahren zwar immer wieder öffentlichkeitswirksam beteuert, sich Ihrer Verantwortung zu stellen. In Wirklichkeit haben Sie sich aber weggeduckt und auf Zeit gespielt. Sie haben alle Gutgläubigen genarrt.

Clemens Tönnies, Self-Made-Milliardär, Aufsichtsratschef beim FC Schalke 04 und Deutschlands größter Schweineschlachter, steht seit langem in der Kritik, zuletzt wegen massenhafter Corona-Infektionen in seinem Betrieb.
Clemens Tönnies, Self-Made-Milliardär, Aufsichtsratschef beim FC Schalke 04 und Deutschlands größter Schweineschlachter, steht seit langem in der Kritik, zuletzt wegen massenhafter Corona-Infektionen in seinem Betrieb. | Bild: David Inderlied, dpa

In Ihren Schlachtbetrieben haben Sie Subunternehmertum und Werkvertragsbeschäftigung auf die Spitze getrieben. Mindestlohn zahlen Sie zwar, aber warum legen Sie für die schwere Arbeit nicht eine Schippe drauf? Ihr Vermögen von 1,4 Milliarden Euro müsste doch Spielräume zulassen. Ja sicher, da ist der extreme Wettbewerbsdruck in der Branche. Aber mal ehrlich: Der kommt ihnen doch sogar gelegen, denn er führt zu einem Verdrängungswettbewerb, bei dem am Ende nur der Größte überlebt. Und das ist? Ach ja, Sie, der Marktführer.

Ab nach China!

Insofern verfolge ich mit wachsender Genugtuung, dass die Politik nun wild entschlossen scheint, Ihnen an den Speck zu gehen. Ein Werkvertragsverbot für Ihre Branche ist so gut wie in trockenen Tüchern. Leider befürchte ich, dass Sie das nur mäßig schreckt. Einen Plan B haben Sie doch längst. In China, ihrem Top-Exportmarkt, baut ihr Unternehmen gerade einen Riesen-Schlachthof. Ich vermute, dass sie dort einfach so weitermachen wie bisher in Deutschland.

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