Herr Eigenthaler, Ende März soll eines der größten Steuerschlupflöcher Deutschlands final gestopft werden. Dann läuft eine Frist aus, die Betriebe wie Bäcker, Friseure oder Restaurants dazu verpflichtet, ihre elektronischen Kassen manipulationssicher zu machen. Wie groß ist das Problem Schwarzer Kassen in Deutschland?

Das ist gewaltig. Immer wenn Bargeld im Spiel ist, ist die Gefahr groß, dass nicht alle Umsätze steuerlich verbucht werden. Das gilt für die Pizzeria ums Eck genauso wie für den Landgasthof, die Tankstelle oder den Gemüseladen. Da geht es in erster Linie um die Umsatzsteuer, aber auch um die Einkommenssteuer und die Gewerbesteuer. Und wenn dann oft noch das für Personal schwarz bezahlt wird, reden wir auch über Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträge. Allein mit Blick auf die Umsatzsteuer gehen Schätzungen von mindestens zehn Milliarden Euro aus, die dem Staat jährlich durch Tricksereien mit Registrierkassen verloren gehen. Das ist ein permanenter Steuerbetrug, der die finanziellen Ausmaße beispielsweise des Cum-Ex-Skandals bei Weitem sprengt.

Wie ist so etwas im 21. Jahrhundert überhaupt noch möglich?

Zwar redet alle Welt von Digitalisierung, aber in Deutschland gibt es bis heute keine Pflicht zum Vorhalten einer elektronischen Registrierkasse. Eine Registrierkassenpflicht wird es übrigens auch ab April nicht geben. Läden und Restaurants, die bisher noch kein elektronisches Kassensystem haben, können mit ihrer steinzeitlichen Zettelwirtschaft einfach weitermachen. Nur diejenigen, die bereits elektronische Kassensysteme haben, müssen sie mit fälschungssicherer Software aufrüsten.

Thomas Eigenthaler, der Bundesvorsitzende der Deutschen Steuer-Gewerkschaft kämpft fast sein ganzes Berufsleben gegen Schwarzgeld und Steuerbetrug.
Thomas Eigenthaler, der Bundesvorsitzende der Deutschen Steuer-Gewerkschaft kämpft fast sein ganzes Berufsleben gegen Schwarzgeld und Steuerbetrug. | Bild: F. Windmueller, dpa

Eine Rechnung allein auf dem Zettelblöckchen wie anno dazumal im Tante-Emma-Laden ausstellen, geht also weiterhin?

Ja, genau. Sie können als Wirt ihre Rechnungen mit Bleistift auf einen Zettelblock kritzeln, alles in einer Stahlkassette unter dem Tresen verschwinden lassen und am Abend gesammelt abrechnen. Falls dabei zufälligerweise einige Tickets unter den Tisch fallen sollten, kann das fast niemand mehr kontrollieren. Kleine Beträge summieren sich so übers Jahr zu Milliardenbeträgen deutschlandweit. Fachleute sprechen da bildhaft von einer „offenen Ladenkasse“.

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Kontrolliert das Finanzamt nicht?

Natürlich werden Betriebe, die solche offenen Steinzeit-Kassen verwenden, sehr genau angeschaut. Die Frage ist nur, in welchem Rhythmus. Statistisch gesehen bekommen mittelgroße Betriebe alle 15 Jahre Besuch vom Steuerprüfer. Bei Kleinfirmen wie Restaurants oder Frisören lässt sich der Staat oft jahrzehntelang Zeit, bis er zur Betriebsprüfung erscheint. Es fehlt da schlicht am Prüfpersonal.

Dabei handelt es sich ja quasi um ein staatliches Vollzugsdefizit, das man fast schon als Einladung zum Steuerbetrug werten könnte…

Wir haben einen sonderbaren Dualismus in Deutschland. Wenn jemand erwischt wird, wird er sehr hart an die Kandare genommen und zahlt den hinterzogenen Betrag plus Zinsen sowie einen satten Aufschlag. Zudem wird er gegebenenfalls strafrechtlich belangt. Viele andere schwarze Schafe gehen aber durch die Netze, weil Kontrollen viel zu selten sind. Das führt dazu, dass in manchen Wirtschaftsbereichen keine richtige Besteuerungsdisziplin aufkommt. Im Moment beschäftigen sich übrigens Gerichte mit der Frage, ob es in Deutschland ein strukturelles Vollzugsdefizit beim Eintreiben von Steuern gibt. Das ist meiner Meinung nach überfällig, denn wir haben hier wirklich ein Problem.

Ist es nicht auch eine Wettbewerbsverzerrung, wenn der eine betrügt und der andere ehrlich ist?

Strukturelle Besteuerungsdefizite behindern als Fernwirkung den fairen unternehmerischen Wettbewerb. Der Steuerbetrüger kann sein Bier oder sein Schnitzel günstiger anbieten als der ehrliche Gastronom und so mehr Gäste gewinnen. Wenn der Staat hier zu wenig prüft und das Treiben nicht beendet, dann segnet er diese Steuerungerechtigkeit indirekt ab. Der Ehrliche ist dann der Dumme.

Warum tut der Staat nicht mehr?

Ich sehe darin eine gewisse Art des politisch gewollten Schutzes gegenüber der Gastronomie und anderen bargeldintensiven Betrieben. Anders kann ich es mir nicht erklären, wieso andere Länder in Europa da viel weiter sind.

Mitten in der Pandemie ist der Gastro-Lobby ein Coup geglückt. Die Mehrwertsteuer für im Restaurant verzehrte Speisen wurde 2020 von 19 auf sieben Prozent gesenkt. Zunächst soll dieses Steuer-Privileg bis Ende 2022 gelten. Wagen Sie doch einmal eine Prognose, wann das wieder zurückgenommen wird.

Mehrwertsteuer: Seit Mitte 2020 profitieren Restaurants von gesenkten Mehrwertsteuersätzen für Speisen. Die Kunden haben davon noch nicht viel mitbekommen. Die Ersparnis wird selten weitergereicht, kritisieren Experten.
Mehrwertsteuer: Seit Mitte 2020 profitieren Restaurants von gesenkten Mehrwertsteuersätzen für Speisen. Die Kunden haben davon noch nicht viel mitbekommen. Die Ersparnis wird selten weitergereicht, kritisieren Experten. | Bild: Oliver Berg/dpa

Ich habe die Sorge, dass diese Umsatzsteuersenkung, die zum Großteil übrigens nicht in Form von günstigeren Speisen an die Kunden weitergegeben, sondern von den Inhabern selbst einbehalten wird, über Ende 2022 hinaus verlängert wird und dauerhaft bestehen bleibt. Sollte das geschehen, hielte ich es für zwingend, nur solche Betriebe von den niedrigen Steuersätzen profitieren zu lassen, die sich im Gegenzug verpflichten, fälschungssichere Kassensysteme zu installieren. Dann würde dem ehrlichen Steuerzahler und Ladenbesitzer wenigstens ein Stück weit Gerechtigkeit zukommen.

Mitten in der Pandemie, die Gastronomen und Kleinbetrieben Umsatzeinbußen in bislang nicht gekannter Höhe beschert, schießen Sie scharf gegen die Unternehmen. Ist ihr Anliegen richtig, der Zeitpunkt aber falsch?

Es ist richtig, das die Gastronomie sehr stark unter der Pandemie leidet. Ich habe da großes Verständnis für die Betroffenen. Allerdings sind die Hilfen häufig auch hoch. Die November- und Dezemberhilfen fielen schon recht üppig aus. Ich gehe davon aus, dass einige Betriebe in diesen Monaten mehr an staatlichen Hilfen bekommen haben, als sie in einem normalen Vergleichsmonat verdient hätten. Insofern plädiere ich dafür, Steuergerechtigkeit und Pandemie nicht zu vermischen. Ich kann Pandemiefolgen nicht über Nachlässigkeiten im Steuerrecht bekämpfen. Es muss gerecht zugehen, sonst sinkt das Vertrauen in den Steuerstaat.