Halle 4, ganz hinten auf dem weitläufigen Messegelände der Automesse IAA in München ist elektroautofeie Zone. Auch von Nachhaltigkeit, Digitalisierung oder einem der anderen Megartrends auf Deutschlands größtem PS-Branchentreff ist hier nicht viel zu sehen. In Halle 4 hat die gute alte Automobilwelt in all der Veränderung ihren Rückzugsraum gefunden.

Interesse an Oldtimern ungebrochen

Jens Rath gefällt es hier trotzdem, oder gerade deswegen. Rath arbeitet bei Kienle Automobiltechnik, der weltgrößten, von Daimler unabhängigen Restaurierungs-Firma für Mercedes-Benz Oldtimer aus Heimerdingen westlich von Stuttgart. Von seinem Arbeitsplatz auf dem Kienle-Stand aus blickt er über knapp 70 Jahre Automobilgeschichte – vom weißen Mercedes 300 Roadster, Baujahr 1953, über den legendären Pagode-SL bis zu Youngtimern aus diesem Jahrtausend wie dem Sportwagen Mercedes SLK.

Mercedes-Benz 280 SL „Pagode“ Cabrio. Preis bei Kienle rund 150 000 Euro.
Mercedes-Benz 280 SL „Pagode“ Cabrio. Preis bei Kienle rund 150 000 Euro. | Bild: Rosenberger, Walther

Über die Hektik in den anderen Hallen der IAA kann er sich nur wundern. „Das ist nicht meine Welt“, sagt er. Alles was zähle, wenn man in eines der in Halle 4 ausgestellten Autos einsteige, sei das Brummen des Motors, die Tachonadel und der Drehzahlmesser. Kein Blinken, kein Piepsen, keine digitalen Displays. Raus aus dem Büro, rein in den Ledersitz und losfahren. „Das ist pure Entspannung“, sagt der Oldtimer-Fan.

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Ein paar Stände weiter sieht man das ähnlich. „Unsere Kunden erliegen dem Hype ums elektrische Fahren nur im Alltag“, sagt Mathias Leitner, Geschäftsführer des Oldtimer-Spezialisten Mirbach aus Anzing bei München. Um abzuschalten und ihre Individualität zu zeigen, setzten sie auf klassische Automobile. Das neue „Elektro- und Plastikzeug“ habe hier, in Halle 4, nichts zu suchen.

Nur der Drehzahlmesser zählt

Das Flair wirkt wohl auf all jene Automobilisten anziehend, die in einer Zeit sozialisiert wurden, als der 12-Zylinder im Quartett alles andere ausstach und CO2-Ausstoß eher schlechtem Essen als schlechten Fahrzeugen zugeschrieben wurde. „Unsere Oldtimer interessieren immer noch ziemlich viele Menschen“, sagt Leitner. Elektromobilität hin oder her. Dass die Faszination durch den Wandel der Automobilwelt abgenommen habe, kann er nicht erkennen. Eher im Gegenteil: Je mehr Neuerungen es gebe, desto mehr steige die Sehnsucht nach dem Vertrauten, sagt er.

Mercedes 300 S Roadster mit Baujahr 1953. Nur 141 Stück wurden von dem Auto gebaut.
Mercedes 300 S Roadster mit Baujahr 1953. Nur 141 Stück wurden von dem Auto gebaut. | Bild: Rosenberger, Walther

Für den Oldtimer-Markt gilt das nur eingeschränkt. Nach einer Preisrallye im letzten Jahrzehnt, die den Wert so manches betagten Automobils in schwindelerregende Höhen katapultiert hat, scheint der Hype ums alte Blech gebrochen. Man sehe derzeit eine „gesunde Seitwärtsbewegung bei den Preisen“, sagt Fachmann Leitner und blickt auf einen alten Jaguar E-Type für 129.000 Euro, der hinter einem Ferrari 355 (Preis: 99.000 Euro) hervorlugt.

Absolute Rarität: Mercedes SLR „Stirling Moss“. Nur 75 Exemplare und Flügeltüren.
Absolute Rarität: Mercedes SLR „Stirling Moss“. Nur 75 Exemplare und Flügeltüren. | Bild: Rosenberger, Walther

Der Trend sei in der Breite, also bei einer ganzen Reihe von Marken und Modellen spürbar. Leitner hat den Überblick, denn seine Firma Mirbach, die seit einigen Jahren im Besitz des Ex-Volkswagen-Chefs Bernd Pischetsrieder ist, hat sich nicht wie Konkurrent Kienle auf eine einzige Marke spezialisiert.

Drastischer Preisverfall bei alten Porsches

Porsche 911 aus den 1970er Jahren. Autos wie diese sind in letzter Zeit im Preis stark gefallen.
Porsche 911 aus den 1970er Jahren. Autos wie diese sind in letzter Zeit im Preis stark gefallen. | Bild: SK

Einige Marke reißen aus dem allgemeinen Trend jedoch aus. „Wer sich beispielsweise vor fünf Jahren einen alten Porsche gekauft hat, könnte jetzt ein Problem haben“, sagt Kienle-Vertriebsmann Rath. Klassische Sportwagen wie der 911er seien damals „total überbewertet“ gewesen, sagt er und macht dafür einen damals grassierenden Porsche-Hype verantwortlich.

Eine Meinung, der Mirbach-Fachmann Leitner zustimmt. Bis zu 200.000 Euro hätte damals so mancher für einen jener Zuffenhausener Klassiker aus den frühen 1970ern hingelegt. „Aus und vorbei“, sagt Oldtimer-Fachmann Rath. Den Preis bekommt man heute nicht mehr annähernd dafür. Ein bisschen Veränderung gibt es also auch hier, in der alten Automobilwelt der IAA in Halle 4.