Mit der seit September geltenden Energiesparverordnung hat die Bundesregierung die Mindesttemperaturen an Arbeitsplätzen gesenkt: auf 12 bis 19 Grad Celsius, je nach körperlicher Schwere der Arbeit. Sollten die Betriebe jetzt pauschal die Heizungen herunterdrehen?

Nein. Dass Energiesparen für uns alle ein Thema ist, wird glaube ich überall verstanden. Trotzdem sollten Vorgesetzte zuerst gemeinsam mit ihren Beschäftigten eine Lösung für die jeweilige Situation finden.

Also sind 19 Grad im Büro doch zu wenig?

Das hängt immer von den jeweiligen Arbeitsbedingungen ab, sie sind der entscheidende Faktor. Generell gilt: Wer bei der Arbeit dauerhaft stillsitzen muss, braucht höhere Temperaturen als jemand, der zwischendurch auch mal gehen kann. Es kommen aber noch andere Faktoren hinzu, die berücksichtigt werden müssen, zum Beispiel Vorerkrankungen, gerade rheumatische Erkrankungen. Oder schwangere Beschäftigte: Würden Sie denen die Heizung herunterdrehen, wenn sie subjektiv frieren?

Dr. Wolfang Panter leitet als Präsident den Verband der Betriebs- und Werksärzte in Karlsruhe.
Dr. Wolfang Panter leitet als Präsident den Verband der Betriebs- und Werksärzte in Karlsruhe. | Bild: Guido Kollmeier

Sie plädieren auch dafür, nach Tätigkeit zu unterscheiden. Nun denke ich an Berufe wie den Uhrmacher, bei dem es zwar eher wenig körperliche Anstrengung, wohl aber um Fingerspitzengefühl geht …

Sicher: Dort, wo hohe feinmotorische Fähigkeiten gebraucht werden, beeinflusst eine zu niedrige Temperatur die Fingerfertigkeit auf negative Weise. Gleichzeitig gibt es hier starke individuelle Unterschiede. Für den einen sind 22 Grad gerade richtig, dem anderen reichen vielleicht 20 Grad aus.

Und auch in einer Werkhalle kann es schwierig werden, wenn die Mitarbeiter bei 17 Grad kleinste Schrauben eindrehen müssen – obwohl die Temperatur für andere körperliche Arbeiten ausreichend ist. Es geht immer auch darum, die Leistungsfähigkeit der Menschen zu erhalten. Das sollte auch im Sinne der Betriebe sein.

Kann dauerhaftes Bibbern im Büro schlimmstenfalls sogar krank machen?

Eher weniger. In der Debatte geht es mehr um die Leistungsfähigkeit und das Wohlbefinden. Beides hängt bei rein geistigen Tätigkeiten eng zusammen: Wer friert, beschäftigt sich mit der Kälte – und verliert seinen Fokus. Ich denke an Leitstände, Kommandozentralen bei Feuerwehr, Polizei, aber auch in der Industrie, wo sehr konzentriert an Bildschirmen gearbeitet wird. Dort ist es wichtig, dass die Temperaturen stimmig sind. Aber: Die Menschen müssen auch dort kein kurzärmliges Hemd tragen, sondern sich vernünftig anziehen.

Sie sagten, es sollten zum Energiesparen gemeinsame Lösungen in den Betrieben gefunden werden. Wie könnten diese aussehen?

Eine Lösung, um mit niedrigeren Temperaturen umzugehen, wäre zum Beispiel, dafür zu sorgen, dass die Beschäftigten eben nicht mehr stundenlang an ihren Schreibtischen festsitzen, sondern zwischenzeitlich andere Tätigkeiten machen. In Büros sicher auch sinnvoll: statt des Arbeitsplatzdruckers einen etwas weiter entfernten Drucker zu nutzen, zu dem man sich immer mal wieder hinbewegen muss. Zusätzlich ist Heizen beim Energiesparen nur ein Aspekt. Denken Sie allein daran, wie viele Computer und andere Elektrogeräte laufen. Auch das können Betriebe im Auge behalten.

Wie wär‘s denn, weniger zu lüften, damit weniger kalte Luft aufgeheizt werden muss? Auch eine gute Idee?

Unter Corona-Bedingungen nicht. Wir haben wieder eine Welle und beim Infektionsschutz spielt Lüften eine wesentliche Rolle. Auch mit Blick auf eine mögliche Schimmelbildung sollte darauf nicht verzichtet werden.

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Die bisherige Arbeitsstättenverordnung hat noch 20 Grad in Büros vorgesehen – also ein Grad mehr. Ist dieser Unterschied überhaupt spürbar?

Die gelebte Realität waren sicher nicht 20, sondern eher 21 oder 22 Grad – sodass wir jetzt schon über eine Absenkung von zwei oder drei Grad sprechen. Versuchen Sie es doch mal selbst: Ob Sie sich in einem Raum mit 21 oder mit 19 Grad aufhalten, werden Sie schon deutlich merken.

Aber kann man sich nicht auch daran irgendwann gewöhnen?

In der Krise geht alles. In Kriegszeiten haben die Menschen schon bei noch niedrigeren Temperaturen gearbeitet. Heute ist natürlich vieles anders: Wir leben in einer Informations- und Dienstleistungsgesellschaft. Hier brauchen die Menschen eine Raumtemperatur, mit der sie gut umgehen können, um leistungsfähig zu bleiben. Die Grenzwerte dafür wurden auf Basis arbeitswissenschaftlicher Erkenntnisse einmal festgelegt und jetzt in der Energiekrise nochmals herabgesetzt.

Trotzdem bleibt die Frage: Wie können wir gemeinsam die Arbeit so gestalten, dass wir Energiesparen und Leistungsfähigkeit in Einklang bringen können? Ich glaube, das Thema kommt gerade erst in den Betrieben an und wird in Zukunft eine noch größere Rolle spielen in der betrieblichen Diskussion.