Herr Fink, sie haben mehr als 200 Firmenchefs, viele davon in Baden-Württemberg, zur aktuellen Krise befragt. Wie verhalten sich die Firmen gerade?

Die Unternehmen haben sich auf die neue Normalität eingependelt, Homeoffice und virtuelle Besprechungen sind Standard, die alltäglichen Aufgaben sind wieder aufgenommen. Allerdings besteht Unsicherheit über die wirtschaftliche Entwicklung insbesondere in stark betroffenen Branchen wie der Automobilindustrie. Dies führt dazu, dass im Moment alles auf den Prüfstand kommt, von den Produkten bis zur Organisation – überall wird nach dem Optimum gesucht, wobei viele Unternehmen gerade jetzt auch die Chancen der Krise suchen, um besser als der Wettbewerb aus der Krise hervorzugehen.

Mittelstands- und Transformationsexperte Heiko Fink von Horvath & Partners.
Mittelstands- und Transformationsexperte Heiko Fink von Horvath & Partners. | Bild: Horvath

Im Süden Baden-Württembergs sind Maschinenbau, Zulieferer, Chemie und der Tourismus Haupt-Arbeitgeber – alles sehr hart von Corona getroffene Branchen. Fällt die Region jetzt zurück?

Die Region steht mit diesem Branchen-Mix sicherlich vor einer großen Herausforderung; vom Wachstum der letzten Jahre konnten diese Branchen durchgängig profitieren, allerdings waren viele Unternehmen in dieser Phase so mit dem managen des Wachstums beschäftigt, dass eine Professionalisierung der internen Strukturen und Abläufe zu kurz kam. Dies rächt sich jetzt doppelt.

Wie äußert sich das?

Oft haben die Firmen Probleme, schnell auf neue Marktgegebenheiten zu reagieren. Und zum Zweiten haben sie für das Wachstum enorme Strukturkosten aufgebaut und kämpfen nun mit Umsatzrückgängen von bis zu 30 Prozent, wodurch ein extremer Druck auf das Unternehmensergebnis entsteht. Unsere Befragung zeigt, dass die Firmenchefs auch nächstes Jahr noch keine Erholung zurück auf das Vorkrisenniveau sehen. Für die Unternehmen gilt es jetzt, sich auf dieses geringere Umsatzniveau einzustellen.

Wie sind die Beschäftigungsaussichten?

Die am stärksten betroffenen Unternehmen, insbesondere in der Automobilindustrie und im Maschinenbau, nutzen im Augenblick die Kurzarbeit, um die Kapazitäten auf die vorhandene Nachfrage anzupassen. Die Beschäftigungssituation in diesen Branchen kann sich deutlich verschärfen, falls die Nachfrage weiter auf sich warten lässt und sich damit die Ergebnissituation der Unternehmen weiter verschärft.

Immer stärker getroffen sind Maschinenbauer. Im Bild die Turbinenmontage bei Voith in Heidenheim.
Immer stärker getroffen sind Maschinenbauer. Im Bild die Turbinenmontage bei Voith in Heidenheim. | Bild: Stefan Puchner/dpa

Welche Beschäftigten haben gute, welche schlechte Karten?

Bei besonders qualifizierten Arbeitnehmern verzichten die meisten Unternehmen auf einen Abbau von Stellen. An ihnen hält man fest, weil Fachkräfte-Engpässe in den letzten Jahren in der Region eines der entscheidenden Wachstumshemmnisse waren. Schlechter sieht es für geringer qualifizierte Arbeitnehmer aus. Hier deuten sich eher Jobverluste in größerem Umfang an.

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Fachkräfte in den Schwarzwald oder an den Bodensee zu locken, fiel bislang immer schwer. Ändert sich das durch den Trend zu Homeoffice?

Hier sind viele Unternehmen positiv gestimmt. Das agile Arbeiten und auch die Homeoffices haben überwiegend sehr gut funktioniert, und viele Firmenchefs möchten dies auch nicht mehr komplett zurückdrehen.

Dies bedeutet für Unternehmen in der Region eine große Chance im Wettbewerb um Talente, da nicht mehr alle Tätigkeiten fünf Tage die Woche im Büro der Firma erbracht werden müssen. Allerdings müssen die Unternehmen diesen Fachkräften auch die Vorteile ihres Unternehmens klar machen, sei es eine ansprechende Unternehmenskultur oder natürlich die Zukunftsfähigkeit der Firma.

Hat die Corona-Krise das Potenzial, die Globalisierung zurückzudrehen?

Dieser Gedanke, der ja im März noch sehr präsent war, wird von den Firmenchefs nun deutlich differenzierter gesehen. Die Unternehmen hatten ihre globalen Lieferketten die letzten Monate bis auf einige Verzögerungen weitestgehend im Griff, was für eine tolle Stabilität spricht – daher besteht keine grundsätzliche Veränderungsnotwendigkeit aufgrund Corona. Allerdings wird es wegen der aufkommenden Handelskriege z. B. zwischen USA und China Anpassungen geben müssen.

Ist Verlagerung der Produktion ins Ausland ein Thema?

Unternehmen kommen gar nicht darum herum, permanent zu überprüfen, ob ihre hiesigen Produktionsstandorte wettbewerbsfähig sind. Die Erfolge, die deutsche Firmen in den vergangenen Jahren eingefahren haben, wären nicht denkbar ohne diese Anpassung an die lokalen Gegebenheiten. Schon vor Corona war in Industriebranchen ein Trend sichtbar, den Kunden in die Märkte zu folgen, also Produktion im Ausland aufzubauen. Teils ging das auch mit weniger Jobs im Inland einher. Dieser Trend dürfte durch Corona nicht gebrochen werden.

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