Egal ob im Tourismus, im Veranstaltungsgewerbe oder in klassischen Industriebereichen wie dem Maschinenbau oder bei Automobilzulieferern – durch die Auswirkungen der Coronakrise kämpfen viele Unternehmen im Land mit erheblichen Problemen. Um ihren Betrieb aufrechtzuerhalten, müssen daher immer mehr Firmen in Baden-Württemberg Staatsgarantien in Anspruch nehmen.

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Wie aus Daten des Stuttgarter Wirtschaftsministeriums, die dem SÜDKURIER exklusiv vorliegen, hervorgeht, ist die Zahl der bewilligten Bürgschaften von Unternehmen im Vergleich zum Vorjahr rapide angestiegen. Demnach haben allein die Bürgschaftsbank Baden-Württemberg und die landeseigene L-Bank bis Ende Juli knapp 1500 Bürgschaften in Höhe von 360 Millionen Euro vergeben. Im gleichen Zeitraum 2019 waren es nur knapp 1000 Bürgschaften in Höhe von 176 Millionen Euro – ein Anstieg um mehr als Hundert Prozent beim Volumen der Hilfen.

Logo des Zugbauers Bombardier auf einer Fabrikhalle. Der kanadische Hersteller mit deutschen Standorten bekommt eine Bürgschaft von Bund und Ländern in Höhe von 750 Millionen Euro. Wichtiger Standort des Konzerns ist Mannheim.
Logo des Zugbauers Bombardier auf einer Fabrikhalle. Der kanadische Hersteller mit deutschen Standorten bekommt eine Bürgschaft von Bund und Ländern in Höhe von 750 Millionen Euro. Wichtiger Standort des Konzerns ist Mannheim. | Bild: DPA

Um finanziell schwierige Zeiten zu überbrücken, versuchen Firmen im Normalfall zuerst, sich die nötigen Mittel über ihre Hausbanken oder auf dem privaten Kapitalmarkt zu sichern. Gelingt dies nicht, können Kreditbürgschaften beantragt werden, bei denen beispielsweise das Land einspringt. Genau dies geschieht nun in erheblichem Ausmaß.

„Der Anstieg ist ein klares Alarmzeichen, und wir müssen leider befürchten, dass sich Trend im Herbst weiter fortsetzen wird“, sagte Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU) unserer Zeitung. Insbesondere kleinere Betriebe befänden sich aktuell „in einer existenzbedrohenden Situation und benötigen Kredite“, sagte die Ministerin.

Aber auch viele größere Unternehmen haben in den vergangenen Monaten beim Staat angeklopft, um ihr Überleben zu sichern. Denn insbesondere die Nachfrage nach hohen Bürgschaftsbeträgen steigt rasant. So hat sich die Zahl der Südwest-Firmen, die sehr hohe Volumina bis 20 Millionen Euro und darüber hinaus benötigen, um über die Runden zu kommen, bis Ende Juli auf 12 Unternehmen verdreifacht. Im Vorjahreszeitraum brauchten nur vier Firmen entsprechend umfangreiche Staatsgarantien.

Ein Mitarbeiter des Pressenherstellers Schuler AG prüft in der Produktion im Werk in Göppingen Exzenterräder für Pressen. In der Finanzkrise vor gut 10 Jahren wurde das Unternehmen durch eine Landesbürgschaft unterstützt und hat sich seither gut entwickelt.
Ein Mitarbeiter des Pressenherstellers Schuler AG prüft in der Produktion im Werk in Göppingen Exzenterräder für Pressen. In der Finanzkrise vor gut 10 Jahren wurde das Unternehmen durch eine Landesbürgschaft unterstützt und hat sich seither gut entwickelt. | Bild: Marijan Murat , dpa

Prominentester Fall ist derzeit der Jet- und Zughersteller Bombardier. Dessen über mehrere Standorte im Bundesgebiet verteilte Zug-Sparte hat nach Informationen der „FAZ„ jüngst die Zusage für eine 750-Millionen-Euro-Bürgschaft von Bund und Ländern erhalten. Ziel sei es, Aufträge des Schienenfahrzeug-Herstellers abzusichern, hieß es aus informierten Kreisen. Baden-Württemberg wolle sich an dem Vorhaben mit 41,3 Millionen Euro beteiligen und so rund 850 Jobs am Standort Mannheim absichern, hieß es. Das Wirtschaftsministerium in Stuttgart bestätigt dies nicht.

Bombardier ist derzeit aber nur der größte Brocken. Die Zahl der Staatsbürgschaften wird im Jahresverlauf wahrscheinlich deutlich steigen. Nach Angaben einer L-Bank-Sprecherin sind derzeit nur knapp die Hälfte aller Bürgschaftsanträge genehmigt oder befinden sich in konkreter Bearbeitung – über eine Großteil der Kreditgarantien wird also in den kommenden Wochen und Monaten noch entschieden.

Krisenbranchen Automobil, Gastronomie, Handel und Maschinenbau

Besonders betroffen sind nach Angaben der Sprecherin Automobilfirmen bzw. -Zulieferer und der Maschinenbau mit einem Anteil von mehr als 40 Prozent an allen Bürgschaftsanfragen sowie das Hotel- und Gastronomiegewerbe, auf das rund ein Fünftel der Gesuche entfielen. Ein Zehntel der Bürgschafts-Anfragen komme von Einzelhändlern.

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Das letzte Mal musste das Land während der Finanz- und Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009 Firmen in Baden-Württemberg massiv unter die Arme greifen. Mehrere Unternehmen beantragten damals, wie derzeit Bombardier, Landesbürgschaften und erhielten sie auch. Prominenter Fall war beispielsweise der Göppinger Pressen-Weltmarktführer Schuler. Das Unternehmen wurde 2009 mit rund 20 Millionen Euro aus einer Landesbürgschaft unterstützt.

Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut betonte, viele Unternehmen bräuchten nun Eigenkapital. Entsprechende staatliche Beteiligungsprogramme habe das Land daher gestartet. Damit verschaffe man den Firmen „die Möglichkeit, weitere wirtschaftlich schwierige Monate überbrücken zu können“, sagte die Ministerin. Anders ausgedrückt schafft das Land nun auch Möglichkeiten, mit Kapital bei kriselnden Firmen einzusteigen.

Große Bürgschaftswelle ebbt ab

Indes gibt es auch Zeichen der Entspannung: Rund 80 Prozent der Bürgschaftsanfragen gingen laut L-Bank im März und April – den Lock-Down-Monaten – ein. Auf die vergangenen 3 Monate Mai bis Juli entfielen dagegen nur rund 20 Prozent der Antragseingänge. Mit der Lockerung der Corona-Einschränkungen ließe sich eine einhergehende wirtschaftliche Stabilisierung der Unternehmen durchaus ableiten, sagte die L-Bank-Sprecherin.

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