Mickerzinsen und die anziehende Inflation kommen die deutschen Sparer immer teurer zu stehen. „Seit dem Sommer 2020 gingen den privaten Haushalten in Deutschland etwa 100 Milliarden Euro an Kaufkraft verloren“, sagte der Chefvolkswirt der Deutschen Vermögensberatung (DVAG), Ralf-Joachim Götz, dem SÜDKURIER. Grundlage der Rechnung seien über 2,8 Billionen Euro an Geldvermögen, die in Form von Bargeld und Einlagen nicht oder kaum verzinst würden, sowie eine Inflationsrate, die im August 2021 auf 3,9 Prozent angestiegen war.

Ralf-Joachim Götz, Chef-Volkswirt bei der Deutschen Vermögensberatung (VAG), einem Familienunternehmen, das sich auf Mittelstand und Privatkunden spezialisiert hat und zu den großen der Branche im Land gehört.
Ralf-Joachim Götz, Chef-Volkswirt bei der Deutschen Vermögensberatung (VAG), einem Familienunternehmen, das sich auf Mittelstand und Privatkunden spezialisiert hat und zu den großen der Branche im Land gehört. | Bild: DVAG

„Für die Sparer ist das eine erhebliche Belastung“, sagte Götz. An chancenorientierten Anlageformen, wie etwa Aktien oder Investmentfonds, führe für den realen Vermögenserhalt im Moment kein Weg vorbei. Entsprechende Anlagen würden aber immer auch ein gewisses Risiko bergen, sagte Götz.

Negativzinsen belasten zusätzlich

Dass immer mehr Banken auf das Kapital der Anleger Negativzinsen erheben, sei in dieser Rechnung noch nicht einmal enthalten, sagte Götz. „Insofern kommt auf die 100 Milliarden Euro noch ein Batzen drauf“, sagte er. Nach einer Untersuchung des Finanzportals Biallo.de erheben knapp 500 Banken und Sparkassen in Deutschland Verwahrentgelte, also Negativzinsen, bei Privatkunden.

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Dessen ungeachtet, bunkern die Deutschen immer mehr Geld auf Konten. Im Frühjahr diesen Jahres kletterte das Geldvermögen der privaten Haushalte in Deutschland erstmals über die Sieben-Billionen-Euro-Schwelle. Insbesondere die Baden-Württemberger versuchen sich jedoch der Geldentwertung durch clevere Investments zu entziehen.

Die Zahl der Aktien-basierten Anlagen stiegen im Südwesten wie in keinem anderen Bundesland, sagte Götz. Mit 37,5 Prozent liegt der Anteil derjenigen Sparer, die in Aktien, Aktienfonds oder Lebensversicherungen investiert haben, deutlich höher als im Bundesschnitt.

Deutschlandweit setzt nicht einmal ein Drittel der Menschen auf solche Anlageformen. Auch trügen sich in Baden-Württemberg deutlich mehr Menschen mit dem Gedanken Aktien nachzukaufen.

12,3 Millionen Aktionäre

2020 ist die Zahl aller deutschen Aktionäre nach Daten des Deutschen Aktieninstituts (DAI) auf den höchsten Stand seit fast 20 Jahren geklettert. Zu Jahresende besaßen gut 12,3 Millionen Menschen Aktien oder Fonds. Das ist ein Anstieg von knapp 2,7 Millionen gegenüber dem Vorjahr 2019.

Nach Ansicht von Götz verhalten sich die Baden-Württemberger durch ihre zunehmende Aktienleidenschaft richtig, denn er rechnet nicht mit einem schnellen und nachhaltigem Rückgang der Inflation in den kommenden Monaten. „Dass sich die Inflation massiv abmildern wird, ist fraglich“, sagte der langjährige DVAG-Stratege. Nach dem Auslaufen der Mehrwertsteuersenkung im Jahr 2021, gebe es längerfristige Effekte, die in den kommenden Monaten als „Treiber der Inflation“ wirkten, sagte er.

Energiepreise treiben die Inflation derzeit. Auf Jahressicht werden wohl 3 Prozent erreicht.
Energiepreise treiben die Inflation derzeit. Auf Jahressicht werden wohl 3 Prozent erreicht. | Bild: Jens Büttner, dpa

Dazu zählt er beispielsweise durch Tarifauseinandersetzungen anziehende Löhne und internationale Konflikte. Diese verteuerten über Zölle und Beschränkungen im Welthandel Waren weltweit erheblich. Auch die Umwelt- und Klimagesetzgebung, die aktuell ein Haupt-Wahlkampfthema fast aller Parteien vor der Bundestagswahl ist, treibe die Inflation. So verteuere die Bepreisung von CO2 fossile Kraftstoffe sowie Gas zum Heizen, sagte er.

Höhere Energiestandards in Häusern sowie neue Technologien bei Heizungen trieben die Preise beim Bauen. „Grüne Technologien werden zu einer weiteren Teuerung beitragen“, sagte Götz.