Joachim Schulz mag Herausforderungen. Seit 1988 hat er das Traditionsunternehmen Aesculap in Tuttlingen durch die Untiefen des umkämpften Marktes für Medizintechnik gesteuert. Die vergangenen fünf Jahre sogar als Chef. Zudem saß der 66-Jährige im Vorstand der Konzernmutter B.Braun Melsungen, war Chef des Bezirks Schwarzwald-Hegau im Arbeitgeberverband Südwestmetall und im Aufsichtsrat des Sindelfinger Kühlmaschinenbauers Bitzer. Da blieb immer noch Zeit für ein Mandat als Kirchengemeinderat.

Ende März sollte mit vielen dieser Aufgaben Schluss sein. Doch der Vater von fünf Kindern hat sich eine neue Herausforderung auserkoren: Chef von Südwestmetall, dem Verband, der für viele Pilotabschlüsse in der Metall- und Elektroindustrie verantwortlich ist. Am 1. Mai ging es los.

Aesculap-Produkte: Ausstatter für Krankenhäuer und Klinken.
Aesculap-Produkte: Ausstatter für Krankenhäuer und Klinken. | Bild: Aesculap

„Mir war immer wichtig, dass Industrie in Deutschland ist und funktioniert. Und ich glaube, dass man das über Südwestmetall machen kann“, erläutert er sein Engagement. Noch vor dem eigentlichen Amtsantritt ausgerecht am „Tag der Arbeit“ hat Schulz bereits seine Marschrichtung vorgezeichnet: „Lohnerhöhungen sehe ich in diesen Zeiten nicht.“

Damit spricht der Ingenieur vor allem vielen mittelständischen Unternehmern aus der Seele. Zwar sind die Auftragsbücher der meisten Betriebe zum Teil brechend voll, doch es fehlen Teile und Fachkräfte. Und die Kosten für Energie und Rohstoffe sind durch die Decke geschossen.

Schulz kennt die Nöte der kleineren Firmen

Im Gegensatz zu seinem Vorgänger Wilfried Porth, der als früherer Daimler-Arbeitsdirektor in der Großindustrie beheimatet war, ist Schulz mittelständisch geprägt: „Sowohl mein Großvater als auch mein Vater waren mittelständische Unternehmer und haben mich mit ihrer typisch mittelständischen Sicht auf die Industriewelt sehr geprägt“, erinnert sich Schulz.

Diese Sicht sei sehr handfest, bodenständig, mitarbeiter- und heimatnah. Der typische mittelständische Unternehmer engagiere sich für die Menschen in der Region. „Er fokussiert sich nicht auf das letzte Prozent Rendite, sondern setzt sich für das langfristige Wohlergehen des Unternehmens ein“, betont Schulz.

Wilfried Porth, Ex-Personal und Arbeitsdirektor der Daimler AG, war Schulz‘ Vorgänger an der Südwestmetall-Spitze.
Wilfried Porth, Ex-Personal und Arbeitsdirektor der Daimler AG, war Schulz‘ Vorgänger an der Südwestmetall-Spitze. | Bild: Tom Weller

Die Erwartung an den neuen Südwestmetall-Chef ist entsprechend: kein Dreh an der Lohnschraube, der die Kosten weiter in die Höhe treiben würde. Mit diesem Paket auf den Schultern wird Schulz im Herbst Roman Zitzelsberger gegenübertreten. Der Chef der IG Metall Baden-Württemberg bringt eine nicht minder schwere Erwartungslast in die Tarifrunde mit.

Schon früh hat sich die Stuttgarter Gewerkschaft als Pilotbezirk erklärt. Das ist kein Zufall: Zitzelsberger will seinen Vorgänger Jörg Hofmann im nächsten Jahr erneut beerben – diesmal als Chef der IG Metall, der mächtigsten Einzelgewerkschaft der Welt. Soll das gelingen muss Zitzelsberger allerdings mehr als einen Reallohnverlust durch die Inflation aushandeln. Bei derzeit mehr als sieben Prozent Inflation, Lieferengpässen sowie hohe Energie- und Materialkosten ist die Ausgangslage dafür denkbar ungünstig.

Es stehen beinharte Tarifverhandlungen an

Die Zeichen stehen also auf beinharte Verhandlungen wie lange nicht mehr im Südwesten. Für Arbeitgeber und IG Metall im Land, die in der Vergangenheit bereits wichtige tarifpolitische Meilensteine gesetzt haben, wird es diesmal wohl eine harte Nuss. Wobei mit Schulz nun ein erfahrener Tarifpolitiker an der Spitze von Südwestmetall steht.

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So weiß man bei der IG Metall sehr wohl, dass der passionierte Halbmarathonläufer auch am Verhandlungstisch einen langen Atem haben kann. „Ich kenne Joachim Schulz seit vielen Jahren aus dem Vorstand von Südwestmetall, aber auch von gemeinsamen Treffen und dem Austausch bei Aesculap. Wir haben ein gutes und vertrauensvolles Verhältnis und ich freue mich auf die Verhandlungen mit ihm“, sagt Zitzelsberger.

Aesculap-Stammsitz in Tuttlingen. Das Unternehmen gehört zum Nordhessischen B.Braun-Konzern.
Aesculap-Stammsitz in Tuttlingen. Das Unternehmen gehört zum Nordhessischen B.Braun-Konzern. | Bild: Paul Haug

Diese Tonlage ist bei aller Konfrontation typisch für die Tarifparteien im Südwesten. Somit ist nicht ausgeschlossen, dass es erneut zu einer richtungsweisenden Tarifrunde kommt, bei der man statt Lohnprozente andere innovative Lösungen verrechnet. Dem kommt entgegen, dass Schulz auch als Experte für Digitalisierung gilt. „Uns stehen immer weniger Arbeitskräfte für gleich viel beziehungsweise mehr Arbeit zur Verfügung.

Digitalisierung bringt Fortschritt

Daraus folgt, dass jeder Einzelne immer produktiver arbeiten muss. Genau dabei kann uns die Digitalisierung helfen, indem neue Technologien uns bislang unbekannte Tore zeigen“, so Schulz. Das würde den Ingenieur für Maschinenbau und Luftfahrt einem weiteren Ziel näherbringen: Schulz will Südwestmetall auch für Bereiche attraktiv machen, die bisher einen Bogen um den Traditionsverband gemacht haben.

„Eine Lokomotive für neue Industrien“, beschreibt der neue Chef, welche Rolle sein Verband künftig spielen soll. Wieder eine Herausforderung – aber die mag Schulz ja.