Zuletzt war es um die Vision des Fahrens ohne Fahrer ruhig geworden. Enorme technische Hürden, mangelnde rechtliche Voraussetzungen und überschießende Kosten haben die Automobilindustrie bei der Frage nach Roboterautos kleinlaut werden lassen.

In Baden-Württemberg wagt man jetzt einen neuen Anlauf. Bis Mitte 2022 will ein Konsortium aus Zulieferindustrie, Forschungseinrichtungen, Land und Kommunen selbstfahrende Roboter-Busse auf die Straßen bringen. Ganz nebenbei will das Bundesland, in dem einst das Automobil erfunden wurde, beim Thema Zukunftsmobilität wieder ganz vorne mitspielen.

Vollautomatisch mit Tempo 60

Dazu soll eine Klein-Flotte aus insgesamt fünf futuristisch anmutenden Kleinbussen ihre Teststrecken verlassen und auf den realen Straßenverkehr losgelassen werden. Zwei der 22 Personen fassenden Shuttle werden auf festen Routen im Mannheimer Stadtverkehr unterwegs sein, drei Exemplare in Friedrichshafen am Bodensee einen knapp zwölf Kilometer langen Parcours zwischen Innenstadt und einem Vorort abfahren.

„Wir wollen aus dem Autoland Baden-Württemberg ein Mobilitätsland machen“, sagte Landes-Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne), am Mittwoch in Stuttgart anlässlich der Vorstellung der Pläne. Dazu gehe man mit einem „Pionier-Projekt“ voran.

Übergabe des sieben-Millionen-Euro-Schecks des Landes Baden-Württemberg zum Start des Projekts „RABus“ vor einem der Shuttles, die künftig im Land zum Einsatz kommen: Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Herrmann (li.) und stellvertretend für das Konsortium Hans-Christian Reuss vom Institut-FKFS.
Übergabe des sieben-Millionen-Euro-Schecks des Landes Baden-Württemberg zum Start des Projekts „RABus“ vor einem der Shuttles, die künftig im Land zum Einsatz kommen: Baden-Württembergs Verkehrsminister Winfried Herrmann (li.) und stellvertretend für das Konsortium Hans-Christian Reuss vom Institut-FKFS. | Bild: ZF

Tatsächlich drehen quasi vollautomatisierte Shuttles schon in einigen deutschen Großstädten wie Berlin oder Hamburg seit 2019 ihre Runden. Im Bayrischen Bad Birnbach tuckert ein Gefährt, das entfernt an einen aufrecht stehenden Duplo-Klotz mit Rädern erinnert, gar seit 2017 über eine 700 Meter lange Teststrecke. In Baden-Württemberg sieht man sich aber dennoch vorn. Und das liegt nicht nur am mit 22 Millionen Euro durchaus stattlichen Projektvolumen.

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„Uns ist in der Form kein weiteres Projekt bekannt“, sagte Torsten Gollewski, Mobilitäts-Vordenker und Leiter der Vorentwicklung bei ZF Friedrichshafen. Der Zulieferriese vom Bodensee stellt die Shuttles, die eine Gemeinschaftsentwicklung mit der niederländischen Unternehmenstochter 2-Get-There sind. Das Selbstbewusstsein, das die Träger der Südwest-Initiative an den Tag legen, ist einerseits darin begründet, dass die Busse, wie sich Verkehrsminister Hermann freut, „nicht über die Straßen zuckeln werden“.

Mobilitätsvordenker bei ZF Friedrichshafen: Torsten Gollewski.
Mobilitätsvordenker bei ZF Friedrichshafen: Torsten Gollewski. | Bild: ZF

Statt im Schritttempo sollen die Fahrzeuge, in denen vorerst allerdings noch ein Sicherheitsbegleiter mitfahren muss, mit bis zu Tempo 60 unterwegs sein. Andererseits sei das Projekt aber auch deutlich breiter angelegt, als andere Initiativen. Gollewski nennt das autonome „mitschwimmen im Stadtverkehr“ als eines dieser Alleinstellungsmerkmale.

Außerdem würde der Shuttle-Busverkehr im Mannheimer Projekt mit anderen Verkehrsmitteln wie der Straßenbahn verknüpft, um die zukünftigen Mobilitätsbedürfnisse des städtischen Arbeitspendlers nachzuzeichnen. In Friedrichshafen ziele man auf die Anbindung ländlicher Räume ab.

In Friedrichshafen soll der Überlandverkehr erprobt werden

Im Hinterland sehen Experten tatsächlich eine der Hauptanwendungsmöglichkeiten der neuen Busse. Oft rechnet sich hier aufgrund mangelnder Auslastung der gewöhnliche ÖPNV nicht. Die Robo-Busse, die mittelfristig ganz ohne Fahrer auskommen und nur noch von einer zentralen Leitstelle fernüberwacht überwacht werden sollen, könnten hier das Mobilitätsangebot für die Bürger ausweiten.

Hermann sprach von einer Chance, mehr „flexible Verkehre aufs Land“ zu bringen und die Bürger damit zum Umstieg vom Auto auf den ÖPNV zu bewegen.

Das hat auch einen wirtschaftlichen Hintergrund. „Der Wohlstand des Landes hängt sehr stark davon ab, wie gut verkäuflich unsere automobilen Produkte in Zukunft sind“, sagte der Minister. Klar ist, dass er die Chancen eher in flexiblen Mobilitätslösungen, als in Limousinen klassischen Zuschnitts sieht.

Robo-Busse mit Öko-Faktor

Ein Weiter-So verbieten insbesondere auch strenge Klimagesetze. So soll der Ausstoß von Treibhausgasen im Verkehrssektor bis 2030 um mindestens 40 Prozent sinken. Und die EU will den Anteil CO2-freundlicher ÖPNV-Angebote im selben Zeitraum verdoppeln. Zumindest insofern liegen die knuffigen Busse mit E-Antrieb im Trend.