Die Krise auf dem Ausbildungsmarkt hat sich während der Corona-Pandemie noch verschärft. Schon in den vergangenen Jahren war die Zahl der jungen Menschen, die eine Lehre anfingen, in der Tendenz immer weiter gesunken. Jetzt beschleunigt sich die Entwicklung rasant. Ein Überblick:

Wie sieht die Lage in der Region aus?

Der Rückgang neuer Lehrverträge ist im äußersten Süden Baden-Württembergs teils ausgeprägter als im Rest des Landes. Besonders gebeutelt sind die Bereiche Handel, Gastronomie und Tourismus. Regionen, in denen die Wirtschaft stark auf diesen Betrieben beruht, haben den Lehrlingsrückgang hart zu spüren bekommen. Hier hätten die Firmen seit Beginn der Pandemie kaum noch ihren Tätigkeiten nachkommen und daher auch nicht mehr richtig ausbilden können, sagte Alexandra Thoß, Ausbildungsleiterin bei der IHK Hochrhein-Bodensee dem SÜDKURIER. Das Kammergebiet umfasst einen etwa 30 Kilometer breiten Streifen entlang der deutsch-Schweizer Grenze von Konstanz im Osten bis nach Frankreich.

Gerade hier sei die Wirtschaft und damit auch die Ausbildung „besonders stark getroffen“. In Summe sank die Zahl der neuen IHK-Lehrverträge 2020 gegenüber Vorjahr um 15,8 Prozent auf knapp 2560 neue Ausbildungsverträge.

Etwas besser sieht es im von der Industrie geprägten IHK-Kammerbezirk Schwarzwald-Baar-Heuberg aus. Hier schlug mit knapp 2200 neuen Lehrverträgen ein Minus von rund acht Prozent gegenüber Vorjahr zu Buche. Allerdings ist der Ausbildungsmarkt im Frühling noch stark in Bewegung. Das Gros der Jugendlichen entscheidet sich erst im Sommer, eine Stelle anzutreten. Erst dann sei die Lage „seriös zu bewerten“, sagte ein IHK-Sprecher.

Wie sieht es im Handwerk aus?

Auch im Handwerk geht es abwärts. Die Branche, die bislang relativ stabil durch die Krise gekommen ist, verzeichnete 2020 moderate Rückgänge bei ihren Azubis. Die Handwerkskammer Konstanz (HWK), deren Gebiet grob das Dreieck Waldshut Konstanz Rottweil umfasst, berichtet von einem Minus von 3,4 Prozent bei Lehrverträgen im Vergleich zu 2019. Weniger Neuverträge gab es nach HWK-Daten vor allem in den Branchen Gesundheit und Chemie. Im Bauhandwerk schlug sogar ein leichtes Plus zu Buche.

Das Bauhandwerk hat gut lachen. Hier steigen die Ausbildungszahlen an.
Das Bauhandwerk hat gut lachen. Hier steigen die Ausbildungszahlen an. | Bild: Felix Kästle

Wie ist 2021 bisher gelaufen?

Die Rückgänge des Jahres 2020 setzen sich bislang fort. Mancherorts – wie im Gebiet der IHK Schwarzwald-Baar-Heuberg – hat sich der Trend zu weniger Berufseinsteigern sogar dramatisch erhöht. Von Januar bis Ende März zählte die IHK fast 17 Prozent weniger Lehrverträge als im Vorjahreszeitraum, in dem die Corona-Krise allerdings noch nicht voll durchschlug. „Wir müssen auch 2021 wie im vergangenen Jahr von rückläufigen Ausbildungszahlen ausgehen“, sagte ein IHK-Sprecher.

Wie ist die Lage im Bund?

Bundesweit ist die Zahl der neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge ist auf den niedrigsten Stand seit der Wiedervereinigung gefallen. Nur noch 465.200 Menschen begannen 2020 eine Lehre, wie aus vorläufigen Zahlen des Statistischen Bundesamts hervorgeht. Das bedeutet ein Minus von 9,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Selbst in Zeiten der Finanzkrise gab es keinen so starken Einbruch. In Industrie und Handel ging die Zahl der neu abgeschlossenen Verträge gar um 11,9 Prozent zurück. Im Handwerk betrug das Minus immerhin noch 6,6 Prozent.

Nach Angaben des Zentralverbands des Deutschen Handwerks (ZDH) betraf der Rückgang hier insbesondere Friseure, Fotografen, Maßschneider oder Kosmetiker – also Bereiche, die besonders unter Corona leiden. Der Handwerksverband zeigt sich angesichts der Zahlen alarmiert. „Azubis, die jetzt nicht ausgebildet werden, fehlen in der Zukunft als Fachkräfte“, sagt ZDH-Präsident Hans Peter Wollseifer.

Seine Befürchtung: Ähnlich wie in der Finanzkrise könnte Corona den Sockel an Azubis langfristig verringern. „Das müssen wir diesmal unbedingt verhindern.“ Die stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Elke Hannack, sieht jedoch kaum Entspannung für das anstehende Ausbildungsjahr: „Erste Rückmeldungen aus den Branchen zeigen, dass die Zahl der Ausbildungsverträge 2021 abermals sinken könnte.“

Hilft der Staat den Betrieben?

Einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung zufolge könnte in diesem Jahr jeder zehnte ausbildungsberechtigte Betrieb weniger Lehrstellen anbieten als im Vorjahr. Die Bundesregierung will gegensteuern und stellt bis 2022 bis zu 700 Millionen Euro für die Sicherung von Ausbildungsplätzen zur Verfügung. So werden Betrieben, die die Zahl ihrer Azubis gleich halten oder ausbauen pro Stelle 2000 beziehungsweise 3000 Euro Ausbildungsprämie bezahlt.

Ist die Ausbildung noch attraktiv?

Viele Jugendliche fragen sich, ob eine Ausbildung überhaupt noch Sinn ergibt. Sie bleiben wohl erst mal länger in der Schule oder Fachhochschule. Es gelte daher, junge Menschen von der Zukunftsfähigkeit der dualen Ausbildung zu überzeugen, heißt es vom ZDH.