Baden-Württembergs IG-Metall-Chef Roman Zitzelsberger hat die Erwartungen auf einen satten Tarifabschluss im Metall- und Elektrobereich gedämpft. Mit Blick auf die derzeitige Inflation von mehr als sieben Prozent, sagte er, Tarifpolitik könne solche Sprünge „nicht voll ausgleichen“. „Das wird nicht gehen.“

Tarifforderung der Stahlkocher nicht als Vorbild

Vor rund einem Monat war die IG Metall in Nordrhein-Westfalen mit einer Forderung von 8,2 Prozent mehr Lohn für Deutschlands Stahlkocher voran geprescht. „Ich rate dringend davon ab, das als prägend für die Metall- und Elektroindustrie zu nehmen“, sagte Zitzelsberger. „Ich sehe uns auf einem anderen Niveau als bei Stahl.“

Dieter Hundt (links), der frühere Arbeitgeberpräsident, sitzt bei der Mitgliederversammlung von Südwestmetall neben Joachim Schulz, dem ...
Dieter Hundt (links), der frühere Arbeitgeberpräsident, sitzt bei der Mitgliederversammlung von Südwestmetall neben Joachim Schulz, dem neuen Vorsitzenden von Südwestmetall. Er wird die neue Tarifrunde auf Seiten der Arbeitgeber ausfechten. | Bild: Bernd Weißbrod, dpa

Die baden-württembergischen Metallbetriebe sind derzeit von den Auswirkungen diverser Krisen unterschiedlich hart getroffen. Während Konzerne wie Daimler oder Porsche hohe Gewinne einfahren, sinken die Erträge bei Automobilzulieferern oder in Teilen des Maschinenbaus. Nach Daten einer aktuellen Stimmungsumfrage der Industriegewerkschaft sehen 28 Prozent der Betriebe die Ertragslage als „kritisch“ oder „sehr kritisch“. 16 Prozent sind sich sogar nicht sicher, ob ihr Unternehmen dauerhaft am Markt bestehen wird.

Wie findet man beim Lohnplus das rechte Maß?

Die Kernherausforderung bei der im Herbst beginnenden Tarifrunde bestehe darin, ein Lohnplus zu verhandeln, das auch „für die Kleinbetriebe tragbar ist“, sagte der IG-Metall-Chef. Eine Möglichkeit stellten einzelbetriebliche Ergänzungen der Verhandlungsresultate dar. Diese sind seit 2004 durch das sogenannte Pforzheimer Abkommen möglich. Es räumt Firmen in besonderen Situationen Abweichungen vom Tarifvertrag ein.

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Die Forderungen der Beschäftigten nach mehr Lohn nannte Zitzelsberger „berechtigt“. Die letzte Erhöhung der Monatsentgelte liege vier Jahre zurück. Auch danach steigen die Einkommen, aber nur aufgrund von tarifvertraglich vereinbarten Sonderzahlungen. Es sei daher klar, dass das Hauptinteresse der Beschäftigten auf mehr Entgelt ziele, sagte Zitzelsberger. Die Gefahr einer Lohn-Preis-Spirale sehe er nicht.

Konzerne wie Mercedes-Benz machen gerade Traumgewinne – bei vielen kleineren Firmen sieht es anders aus.
Konzerne wie Mercedes-Benz machen gerade Traumgewinne – bei vielen kleineren Firmen sieht es anders aus. | Bild: Marijan Murat, dpa

75 Prozent der Betriebe sehen nach IG-Metall-Daten ihre aktuelle Lage als „sehr gut“ bis „normal“ an. Knapp die Hälfte plant Beschäftigungsaufbau. Darüber hinaus sehe man ein „Allzeithoch bei Auftragseingängen und Auftragsbeständen bei vielen Firmen“, sagte Zitzelsberger, was die „positive Grundstimmung“ erkläre.

Gas-Lieferstopp träfe Südwesten besonders

Gleichzeitig wies er auf eine „nie erlebte“ Häufung von Unsicherheitsfaktoren hin, die die Lage vom einen auf den anderen Moment kippen lassen könnten. Dazu gehören die Corona-Pandemie, der Bruch von Lieferketten und die möglichen Auswirkungen eines Gas-Lieferstopps, der die Südwest-Industrie besonders hart treffen würde.

Die Tarifverhandlungen zu verschieben, ist für die IG Metall dennoch zur Zeit keine realistische Option. Im Moment sei das aber kein Thema, so der IG-Metall-Chef. „Derzeit halte ich den Zeitplan aufrecht“, sagte er. Am 30. Juni will die IG Metall bekannt geben, mit welcher Lohnforderung sie in die Tarifrunde einsteigt.