Ein Konto nicht nur bei der Bank, Sparkasse oder Volksbank um die Ecke oder bei einer Online-Bank, sondern auch direkt bei der Europäischen Zentralbank (EZB)? Was bisher Banken, Regierungen und öffentlichen Stellen vorbehalten ist, könnte es bald auch für jeden Bürger im Euroland geben. Voraussetzung: Die EZB führt einen digitalen Euro ein.

Digi-Geld in wenigen Jahren?

Utopisch ist das längst nicht mehr – es könnte in wenigen Jahren so weit sein. Derzeit läuft bei der Notenbank intern eine erste Testphase, parallel konsultiert sie Fachleute. Mitte nächsten Jahres wollen EZB-Chefin Christine Lagarde, das Direktorium und der EZB-Rat entscheiden, ob es einen digitalen Euro geben wird. Es geht um Erleichterungen, Schnelligkeit und Sicherheit im Zahlungsverkehr, aber vor allem auch um den Einfluss der Notenbank. Schließlich arbeiten andere Staaten und auch private Firmen längst an einer digitalen Währung.

Ein Eurozeichen wird beim Lichtspektakel Luminale in Frankfurt am Main auf die Fassade der Europäischen Zentralbank (EZB) projiziert.
Ein Eurozeichen wird beim Lichtspektakel Luminale in Frankfurt am Main auf die Fassade der Europäischen Zentralbank (EZB) projiziert. | Bild: Boris Roessler, dpa

Es sei Aufgabe der EZB, das Vertrauen in Währung zu sichern, sagt Lagarde. „Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass der Euro für das digitale Zeitalter gerüstet ist.“ Sie betont aber auch, dass es mit einem digitalen Euro nicht um die Abschaffung des Bargeldes gehen soll und darf. „Er würde unser Bargeld ergänzen, aber nicht ersetzen“, versichert die EZB-Chefin. Kritiker sehen das anders und verweisen darauf, dass mit dem Digitalgeld die Gefahr für die Sparer einhergehe, ihre Datenhoheit zu verlieren.

Ein Konto direkt bei der Zentralbank

An was denkt die EZB überhaupt bei einem digitalen Euro? Es geht vor allem um eine neue zusätzliche Möglichkeit für den unbaren Zahlungsverkehr, etwa für Überweisungen. Sie könnten schneller und kostengünstiger ausgeführt werden als heute, auch grenzüberschreitend. Dazu könnten Bürger, aber auch Unternehmen jeder Größe, Einzelhändler, Handwerker und Selbständige im Euroland ein Konto direkt bei der EZB unterhalten.

Möglich könnte es auch sein, deutet Commerzbank-Chef-Volkswirt Jörg Krämer an, Zahlungen direkt von Smartphone zu Smartphone zu tätigen. „Ein digitaler Euro wäre eine elektronische Form von Zentralbankgeld und könnte von der Bevölkerung genauso genutzt werden wie Bargeld, nur in digitaler Form“, heißt es bei der EZB.

Bundesbank-Chef Jens Weidmann gilt in Sachen Geldpolitik als Kritiker des EZB-Kurses
Bundesbank-Chef Jens Weidmann gilt in Sachen Geldpolitik als Kritiker des EZB-Kurses | Bild: Frank Rumpenhorst, dpa

Die Notenbank steht unter Druck. China etwa arbeitet derzeit sehr konkret an einer digitalen Währung. Staatliche Leistungen werden bereits über diesen Weg ausgezahlt. Ähnliche Überlegungen gibt es in Schweden. Und auf privater Seite ist vor allem Face­book mit Libra auf diesem Weg schon ein ganzes Stück weit unterwegs. Vorreiter setzen dabei wichtige Standards.

Die EZB will mit einem digitalen Euro ihre Hoheit über die Geldpolitik und die Steuerung des Geldkreislaufs sichern, sie verspricht sich auch mehr Stabilität für das Finanzsystem. Ein digitaler Euro könne etwa die Auswirkungen extremer Ereignisse wie Naturkatastrophen oder Pandemien abfedern, weil dann herkömmliche Zahlungswege möglicherweise nicht mehr funktionierten.

Ohnehin muss sich die Notenbank dem gerade auch durch Corona wachsenden Trend zu bargeldlosen Zahlungen stellen. Schon 2019 sind sie in den 19 Eurostaaten, so die EZB, um mehr als acht Prozent auf 98 Milliarden Zahlungen im Gegenwert von 162 Billionen Euro gestiegen.

Banken sind skeptisch

Ein digitaler Euro und Konten von Bürgern oder Unternehmen direkt bei der EZB würden logischerweise auch das Geschäft von Kreditinstituten treffen. Der Branchenverband der privaten Banken (BdB) stützt trotzdem die Strategie der EZB.

„Die Wettbewerbsfähigkeit Europas verlangt zwingend, dass die digitale Transformation der Realwirtschaft von einer digitalen Transformation des Geldwesens begleitet wird“, sagt BdB-Präsident Hans-Walter Peters. Ohne digitalen Euro drohe Europa seine Währungshoheit zu verlieren. Er weiß aber auch um die damit verbundenen Herausforderungen für die Banken, baut aber auf die Zusicherung der EZB, dass ein digitaler Euro das Bankensystem in der Eurozone nicht beschädigen dürfe. Ein digitaler Euro sei wichtig und alternativlos, sagt Peters.

Weidmann warnt vor Eile

Damit wagt er sich weiter vor als Bundesbank-Präsident Jens Weidmann. Der warnt vor zu großer Eile. Er sehe durchaus die Chance, mit digitalem Zentralbankgeld den Zahlungsverkehr effizienter zu gestalten. Die damit verbundenen Probleme sollte man aber nicht unterschätzen, vor allem für das Bankensystem und die Finanzstabilität. „Wir sollten nichts überstürzen“, sagt Weidmann.

Tatsächlich könnten die Banken getroffen werden. Zum einen könnten Bürger ihr Geld vorzugsweise und vermutlich auch kostengünstiger digital auf ihrem Konto bei der EZB parken. Damit würde es Banken zur Vergabe von Krediten fehlen und damit Unternehmen, aber auch Verbrauchern. „Die Rolle der Banken als Vermittler zwischen Sparern und Kreditnehmern wäre gefährdet“, sagt Commerzbank-Ökonom Krämer. Er warnt auch vor einem möglichen Bank-Run, gerade in Krisenzeiten.

Mit einem Mausklick könnten Kunden ihre Einlagen bei den Geldhäusern in digitale Euro auf ihren EZB-Konten umwandeln. Das würde das Bankensystem destabilisieren. Andere warnen vor möglicher Cyber-Kriminalität und Problemen beim Datenschutz.

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Experten sind längst nicht überzeugt. Manche warnen davor, dass die EZB zu einer Art Super-Bank wird, die auch die Kreditvergabe an Unternehmen und Verbraucher kontrollieren könnte. Andere verweisen auf schon bestehende Möglichkeiten, Geld schnell und kostengünstig zu überweisen. Krämer sieht abgesehen von Problemen beim Datenschutz die Gefahr, dass die EZB einfacher Negativ-Zinsen durchsetzen und noch mehr Macht gewinnen könnte. „Im Zweifel macht digitales Zentralbankgeld den Staat auf Kosten seiner Bürger mächtiger. Und das ohne Not“.

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