Herr Quaschning, Sie gelten als glühender Verfechter der Energiewende. Was muss Deutschland tun, um 2045 klimaneutral zu sein?

Klimaneutralität heißt gegenüber dem Stand von 1990 100 Prozent CO2 einzusparen. Aktuell haben wir 40 Prozent erreicht. Was sich gut anhört ist es aber nicht, denn zwei Sondereffekte haben uns in die Karten gespielt. Allein die Wiedervereinigung und der Niedergang der ostdeutschen Industrie hat uns gut zehn Prozent Einsparung gebracht. In etwa derselbe Betrag ist uns durch die Coronakrise quasi in den Schoß gefallen. Rechnet man beide Sondereffekte heraus, kommt man auf gut 20 Prozent reale CO2-Einsparung in 30 Jahren.

Ziemlich ernüchternd…

Ja, vor allem, wenn man bedenkt, dass die verbleibende Zeitspanne bis 2045 relativ kurz ist. Ich sage das nur, um die Dimension zu verdeutlichen, über die wir reden. Und ich wundere mich über die Pille-Palle-Maßnahmen, die derzeit in der Politik diskutiert werden, um die Klimaziele zu erreichen.

Was müsste also geschehen?

Alle fossilen Energieträger müssen raus. Keine Kohle, kein Öl, kein Erdgas. Im Straßenverkehr bedeutet das den Abschied vom Benzin und Diesel. Wir bräuchten ein Ende der Produktion von Verbrennungsmotoren spätestens 2025.

Volker Quaschning ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Berlin und eine der lautesten Stimmen in Deutschland für eine umfassende Energiewende.
Volker Quaschning ist Professor für Regenerative Energiesysteme an der Hochschule für Technik und Wirtschaft HTW Berlin und eine der lautesten Stimmen in Deutschland für eine umfassende Energiewende. | Bild: ADRIAN DENNIS, AFP

Da werfen Sie den Autoländern Baden-Württemberg und Bayern aber den Fedehandschuh hin…

Nehmen Sie einen Daimler oder einen BMW, der im Jahr 2025 vom Band läuft. Der fährt statistisch gesehen noch bis ins Jahr 2045 auf den Straßen. Würde er später hergestellt, würde er zum Problem für die nationalen Klimaziele. Daher das Ausstiegsdatum.

Mit einem Verbrenner-Ende 2025 würde sich just jenes EU-Land, dessen Wirtschaft am stärksten von der Automobilindustrie abhängt, an die Spitze der Verbrenner-Verbieter setzen. Ist das rational begründbar?

Der Verbrenner ist auch für die deutsche Industrie ein Auslaufmodell. Je früher der Umstieg auf neue Antriebe beginnt, desto besser für die Zukunftsfähigkeit der Branche und für Deutschland. Zögern schützt die Industrie nicht, es schadet ihr.

Ein Autofahrer steckt an einer Tankstelle einen Diesel-Zapfhahn in die Tanköffnung seines Fahrzeugs. Werden Verbrennungsmotoren verboten?
Ein Autofahrer steckt an einer Tankstelle einen Diesel-Zapfhahn in die Tanköffnung seines Fahrzeugs. Werden Verbrennungsmotoren verboten? | Bild: Felix König, dpa

Schaden pauschale Verbote der Energiewende nicht mehr als sie nützen? Wenn es nach Ihnen geht, bestünde in Deutschland ja auch schon längst ein Einfahrverbot von Verbrenner-Autos in Städte?

Es wird in manchen Bereichen keinen anderen Weg als klare Regeln geben, und es muss kein schmerzhafter sein. Ein Einfahrstopp in Städte müsste beispielsweise durch einen deutlich besseren öffentlichen Nahverkehr flankiert werden. Solche Maßnahmen können übrigens direkt von den Kommunen beschlossen werden. Da braucht man den Bund nicht, wenn dieser sich nicht bewegt. Ein weiteres Beispiel, wo ein Einbaustopp überfällig ist, sind Öl- und Gasheizungen in Gebäuden. Die Politik würde den Bürgern einen Gefallen tun, solch klare Regeln endlich einzuführen.

Warum?

Wer sich heute eine neue Öl- oder Gasheizung einbaut, muss damit rechnen, sie vor Ende ihrer Lebensdauer wieder rausreißen zu müssen. Und das wird teuer. Vielen ist auch noch nicht bewusst, dass allein die CO2-Aufschläge auf Brennstoffe Heizen mit Öl und Gas künftig zu einer kostspieligen Angelegenheit machen werden. Das deutlich zu kommunizieren bedeutet, die Bürgerinnen und Bürger vor finanziellen Ausfällen zu schützen. Als Alternative stehen elektrisch betriebene Wärmepumpen bereit. Sie sind die Technologie der Zukunft in diesem Bereich.

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E-Autos, Wärmepumpen und die Herstellung grünen Wasserstoffs werden die Nachfrage nach Ökostrom explodieren lassen. Können wir überhaupt so viele Erzeugungsanlagen bauen, wie wir bräuchten?

Deutschland kann sich auf der eigenen Fläche mit ausreichend erneuerbaren Energien versorgen, um den zukünftigen Bedarf zu decken. Dazu brauchen wir allerdings zwei Prozent der Landesfläche als Windradstandorte, und auf alle geeigneten Dächer müssen Solarmodule. Zusätzlich müssen auf ein Prozent der Ackerflächen Photovoltaikanlagen installiert werden. Ob das realisierbar ist, hängt wesentlich von der Zustimmung der Bevölkerung ab. Klar ist: Wenn Flächenländer wie Bayern oder Baden-Württemberg in Sachen Windkraft weiterhin ein Nahezu-Totalausfall bleiben, wird es sehr schwer, genügend Energie zu erzeugen.

Tatsache ist, die Widerstände sind enorm, der Neubau von Anlagen ist deutlich zu gering. Wie viel Tempo müssen wir aufnehmen?

Je nach Bezugsrahmen müssen wir den jährlichen Neubau von Erneuerbare-Energien-Kraftwerken vervier- bis versechsfachen. Ein Beispiel: 2020 wurden in Deutschland Windräder an Land mit einer Leistung von 1,2 Gigawatt errichtet. 7,5 Gigawatt wären aber eigentlich nötig gewesen, um die Pariser Klimaziele zu erreichen. Bei der Fotovoltaik müssten jährlich 20 Gigawatt zugebaut werden. 2020 wurden fünf neu errichtet.

Quaschning vor Solarmodul: Solarenergie wird immer günstiger und verdrängt selbst abgeschriebene Kohlekraftwerke aus dem Markt
Quaschning vor Solarmodul: Solarenergie wird immer günstiger und verdrängt selbst abgeschriebene Kohlekraftwerke aus dem Markt | Bild: Nikolas Fahlbusch, HTW

Wenn der Bedarf an Strom rasant steigt, der Anlagenneubau aber keine Fahrt aufnimmt, explodieren dann nicht die Stromkosten irgendwann?

Die massive Belastung von Strom durch Steuern und Abgaben muss zurückgefahren werden. Die politischen Pläne gehen zaghaft in diese Richtung. Gleichzeitig werden fossile Brennstoffe durch die CO2-Bepreisung deutlich teurer. Daher kann es sich als Verbraucher durchaus lohnen, auf Strom umzuschalten. E-Autos oder Wärmepumpen arbeiten ja auch deutlich sparsamer als ihre fossilen Vorgänger. Auch das senkt die Gesamtkosten über die Lebensdauer. Eine Herausforderung bei der Energiewende ist, dass am Anfang enorme Investitionen nötig sind, um das System umzustellen. Langfristig ist es aber viel günstiger als die fossile Welt.

Bisher schafft die Politik Akzeptanz für die Energiewende, indem sie den Umstieg in klimaneutrale Technologien massiv subventioniert, sei es das E-Auto oder die Dämmplatte am Haus. Wie lange kann sich der Staat das leisten?

Der Staat subventioniert seit Jahrzehnten klimaschädliche Technologien in viel höherem Maß. Das Umweltbundesamt rechnet mit fast 60 Milliarden Euro pro Jahr, die an klimaschädlichen Subventionen fließen. Dieselbe Behörde geht davon aus, dass unser CO2 Ausstoß jedes Jahr Klimaschäden von etwa 140 Milliarden Euro verursacht. Dagegen sind die Investitionen des Staates in Erneuerbare Energien lächerlich gering.

Der Umbau der deutschen Energielandschaft setzt speziell die Stromnetze unter Stress. Riskiert Deutschland flächendeckende Blackouts?

Da bin ich entspannt. Seit Jahrzehnten wird reflexhaft vor Stromausfällen gewarnt, passiert ist noch nie etwas. Natürlich stellt die neue Energiewelt andere Anforderungen, aber die sind beherrschbar. Am Ende wird der Umbau sogar zu mehr Sicherheit führen. Wenn heute in Europa drei große Kraftwerke oder Leitungen gleichzeitig ausfallen, ist der Blackout da. In der neuen Energiewelt wird so etwas nicht mehr möglich sein, weil das System viel kleinteiliger und daher ausfallsicherer sein wird.

Die Politik suggeriert derzeit, Energiewende ginge ohne eine radikale Umstellung des Lebenswandels und ohne Verzicht. Sehen Sie das auch so?

In einigen Bereichen wird es zu einer deutlichen Veränderung der Lebensstile kommen müssen. Das betrifft etwa unseren Fleischkonsum, der sinken muss. Man kann eine Kuh einfach nicht methanfrei halten. In einer längeren Übergangsphase, bis Fliegen klimaneutral organisiert werden wird, werden wir auch Einschränkungen bei Flugreisen hinnehmen müssen.

Fridays-For-Future-Aktivisten protestieren Anfang Juni am Rande des G7-Gipfels in Falmouth gegen die Klimapolitik der Industriestaaten.
Fridays-For-Future-Aktivisten protestieren Anfang Juni am Rande des G7-Gipfels in Falmouth gegen die Klimapolitik der Industriestaaten. | Bild: ADRIAN DENNIS, AFP

Im öffentlichen Diskurs entwickelt sich die Energiewende derzeit von einem technologischen Prestigeprojekt zu einer Überlebensfrage, physisch als auch wirtschaftlich. Ist das nicht übertrieben?

Definitiv nein. Die Folgen der Klimaerwärmung werden verheerend sein, wenn wir die Ursachen jetzt nicht entschieden bekämpfen. Wir laufen Gefahr, dass es in einigen Weltregionen so heiß wird, dass dort keine Menschen mehr leben können, dass Küstenstädte versinken werden und die Nahrungsmittelversorgung nicht mehr gewährleistet werden kann. Aktuell sind wir bei einem Anstieg der Temperaturen von gut einem Grad Celsius. Bei 1,5 Grad wird es kritisch und bei zwei Grad werden viele der genannten Entwicklungen irreversibel werden. Und dann geht es wirklich ums nackte Überleben von Millionen von Menschen.

Wollen Sie uns mit diesem fatalistischen Szenario jetzt alleine lassen?

Ganz und gar nicht, denn wir haben ja die technischen Lösungen, all dies abzuwenden. Der Klimawandel ist kein Meteoriteneinschlag, dem man machtlos gegenübersteht. Wir haben jetzt noch wenige Jahre, das Ruder herumzureißen. Das sollten wir aber nun auch entschlossen tun. Noch fünf Jahre warten geht nicht.