Ein erfolgreicher Homeoffice-Tag beginnt schon mit dem Anziehen. Endlich mal keine Hemdenknöpfe schließen, die kneifende Hose im Schrank lassen und die unbequemen Schuhe sowieso. Stattdessen Jogginghose und verwaschenes T-Shirt – die Versuchung ist groß. Sieht ja allenfalls der Partner und den schrecken die Schlabberklamotten abends auf dem Sofa ja auch nicht ab. Das Umziehen nach Feierabend entfällt. Der feine Anzug oder der neue Blazer werden geschont.

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Was nach verführerischen Gedankenspielen klingt, scheint für viele Deutsche im Heimbüro längst Wirklichkeit geworden zu sein. So verzeichnet der Deutsche Textilreinigungs-Verband (DTV) seit Beginn der Corona-Pandemie deutliche Rückläufe im Privatkundengeschäft. „Es werden weniger Business-Kleider wie Hemden, Blusen und Anzüge in die Reinigung gebracht“, sagt Patrick Kohlas vom DTV.

Freizeitkleidung stärker nachgefragt

Stattdessen merken viele Heimarbeiter beim morgendlichen Griff in den Kleiderschrank derzeit offenbar, dass ihr Vorrat an Freizeitkleidern nicht ausreicht. „Wir beobachten in unserem Onlineshop eine deutlich höhere Nachfrage nach Produkten wie Jogginghosen, Leggings, Sweatshirts und T-Shirts“, sagt Oliver Brüggen, Sprecher beim Sportartikelhersteller Adidas. Auch beim Textilproduzent Trigema aus Burladingen verzeichnet die Geschäftsleitung in den letzten Wochen über den Onlineshop „eine wesentlich höhere Nachfrage nach Freizeitkleidung, Tag- sowie Nachtwäsche“.

Wie zeiht sich der deutsche Arbeitnehmer zuhause an?
Wie zeiht sich der deutsche Arbeitnehmer zuhause an? | Bild: dpa

Wer das Haus morgens nicht verlässt, braucht auch keine Schuhe anziehen. Dumm nur, dass sich dann die löcherigen Socken nicht mehr verstecken lassen. Das zumindest könnte eine Erklärung dafür sein, warum Socken beim Online-Versandhändler Zalando so unerwartet beliebt geworden sind. „Die Verkäufe von Strümpfen haben sich seit Beginn der Corona-Krise verdoppelt“, sagt Linda Hübner von Zalando.

Gern gewählt werden dabei bunte Modelle, so genannte Happy Socks. Vielleicht ist den Käufern das Leben in den eigenen vier Wänden gerade schon trist genug. Auch Haussschuhe sind gefragt. „Sie sind bei uns derzeit der absolute Bestseller in der Kategorie Schuh“, sagt Linda Hübner von Zalando.

Auch im Homeoffice ist etwas Stil gefragt

Ganz egal ist den Deutschen ihr Aussehen im Homeoffice aber offenbar auch nicht. Wenn die Kollegen schon den Haar-Wildwuchs in der Videokonferenz ertragen müssen, dann sollen diese wenigstens frisch gewaschen sein. Zumindest erhält der Versand-Händler Zalando im Bereich Haarpflege dreimal so viele Bestellungen wie im gleichen Zeitraum des Vorjahres. „Gesichtsmasken gehören zu den besonders begehrten Produkten“, sagt Linda Hübner von Zalando. Möglicherweise, weil einem die eigenen Falten noch mehr auffallen, wenn man sich ständig beim Videotelefonat ins Gesicht blicken muss?

Einen schweren Stand dagegen haben Händler oder Hersteller, die sich auf formelle Kleidung spezialisiert haben. „Das geht im stationären Modehandel und wohl auch online derzeit schlecht“, sagt Axel Augustin vom Bundesfachverband des deutschen Textileinzelhandels BTE.

Olymp setzt auf Gute-Laune-Farben

Beim auf Hemden spezialisierten Bekleidungshersteller Olymp aus Bietigheim-Bissingen versucht man sich an die veränderten Bedürfnisse der Kunden anzupassen. „Wir haben Modetrends für das Homeoffice und Hemden in stimmungsvollen Gute-Laune-Farben bei unserer Kommunikation in den Mittelpunkt gerückt“, sagt Mark Bezner, Geschäftsführender Gesellschafter bei Olymp. Auf der Internetseite kann man herausfinden, welcher Homeoffice-Kleidertyp man ist. Klassisch wie immer – zumindest von der Hüfte aufwärts, weil das in Videokonferenzen zu sehen ist? Oder doch lieber Kamera aus beim Online-Meeting und sportlich-leger? Die Olymp-Verkaufszahlen der vergangenen Wochen weisen eher auf Typ zwei hin. Statt gepflegter Business-Modelle, bestellen auch die Olymp-Kunden Mark Bezner zufolge derzeit tendenziell mehr Freizeithemden, Polos und T-Shirts.

Wer mit Jogginghose, Schlabbershirt und Hausschuhen im Homeoffice kreativ, effizient und konzentriert arbeitet, braucht jetzt nicht weiter zu lesen. Bei wem dagegen ständig die Kinder am Schreibtisch nerven und sich kein rechtes Feierabendgefühl mehr einstellen will, der sollte morgen früh vielleicht doch mal wieder zu Hemd oder Bluse greifen.

Kleidung hat Signalwirkung

„Wir schlüpfen über unsere Kleidung in unterschiedliche Rollen. Das gilt nicht nur für den Arzt mit seinem Kittel, sondern auch für Büroklamotten“, sagt Rositta Beck, Expertin für Büroorganisation und die Arbeit im Homeoffice aus Remseck bei Stuttgart. Zieht die Mutter eine Bluse an, bevor sie sich ins Homeoffice verabschiedet, sei das auch für die Kinder ein klares Signal: hier wird jetzt gearbeitet. Auch der psychologische Weg in den Feierabend sei leichter, wenn dazu Hemd gegen T-Shirt getauscht werden könne.

Und vielleicht fängt der Feierabend dann sogar noch etwas früher an, als das zuvor mit der Jogginghose der Fall war. Denn Rositta Beck ist sich sicher: „Unterbewusst wirkt sich eine ordentliche Arbeitskleidung auch auf eine höhere Produktivität aus.“ Zumindest aber bekommt der Chef in der Videokonferenz das Gefühl, dass zu Hause ernsthaft gearbeitet wird, wenn der Mitarbeiter im Hemd am Schreibtisch sitzt.

Einfach auf die Videofunktion zu verzichten und weiterhin in Freizeitklamotten zu telefonieren, reicht dafür übrigens nicht: „Unsere Überzeugung beim Tragen einer Jogginghose schwingt auch über die Stimme mit.“

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