Herr Engelhardt, kleine Geschäfte dürfen ab nächster Woche wieder öffnen, Restaurants aber noch nicht. Haben Sie Verständnis für diese Entscheidung?

Wir akzeptieren jede medizinisch begründete Einschränkung, die zur Eindämmung der Corona-Pandemie dient. Deshalb kritisieren wir jetzt nicht Einzelmaßnahmen. Was wir kritisieren, ist das Fehlen jeglicher Perspektive: Es gibt weder einen Zeithorizont für mögliche Lockerungen noch Zusagen für dringend benötigte weitere Hilfsmaßnahmen. Unsere Betriebe wurden in der Krise als erste geschlossen. Wir sind damit die hauptbetroffene Branche in der Corona-Krise und haben alle Maßnahmen loyal mitgetragen. Und jetzt lässt die Politik uns völlig Unklaren. Dieser Umgang ist absolut inakzeptabel.

Wie viele Betriebe sind in Baden-Württemberg von den Einschränkungen betroffen? Drohen Pleiten im Land?

Betroffen sind alle rund 30.000 gastgewerblichen Betriebe in Baden-Württemberg – und zwar massiv. Wir gehen davon aus, dass bei Fortdauer der Einschränkungen jeder dritte Betrieb die Krise nicht überstehen wird. Es drohen also allein in unserer Branche 10.000 Firmenpleiten in Baden-Württemberg, wenn die Politik nicht schnell reagiert und den Betrieben eine Überlebensperspektive bietet.

Lassen sich die die Umsatzeinbußen durch die Corona-Krise beziffern?

Der Branchen-Netto-Jahresumsatz liegt bei etwas mehr als 12 Milliarden Euro in Baden-Württemberg. Die Umsatzausfälle in der Krise liegen durch die behördlich angeordneten Betriebsschließungen – vorsichtig geschätzt – bei 80 bis 100 Prozent. Die Frage, wie hoch die Rückgänge insgesamt sein werden, hängt von der Dauer der Betriebsschließungen und vom Umfang der Einschränkungen in der Phase des Wiederhochfahrens ab.

Das könnte Sie auch interessieren

Wie viele Arbeitsplätze kostet die Krise?

In unserer Branche arbeiten in Baden-Württemberg 235.000 Menschen. Die meisten Minijobber dürften bereits jetzt ihre Arbeit verloren haben. Wie viele unserer 137.000 sozialversicherungspflichtigen Arbeitsplätze verloren gehen, hängt von der Dauer der Krise ab. Im Moment vermeiden viele Betriebe Kündigungen noch durch Kurzarbeit – aber auf Dauer wird das nicht gehen.

Was halten Sie von Kompromisslösungen wie eingeschränkten Öffnungszeiten bis 18 Uhr?

Wenn die medizinisch begründete Vorgabe eine Abstandsregelung ist, und alles Notwendige zur Vermeidung von Infektionen getan wird, sind Beschränkungen der Öffnungszeiten überflüssig. Eine Begrenzung der Öffnungszeiten wäre kontraproduktiv, wenn sie dazu führen würde, dass der Andrang in den Lokalen größer wird. Längere Öffnungszeiten entspannen die Lage.

Das könnte Sie auch interessieren

Sind Lieferdienste für Restaurants eine Alternative?

Jeder Euro, den die Betriebe erwirtschaften können, hilft. Aber selbst mit gut laufenden Liefer- und Abholdiensten lässt sich in der Regel nur ein kleiner Bruchteil des Umsatzausfalls kompensieren. Für die meisten Betriebe ist das ein Strohhalm, mehr nicht.

Sind die Soforthilfen schon in den Betrieben angekommen? Reichen sie aus oder ist das nur ein Tropfen auf den heißen Stein?

Die Soforthilfen sind in vielen Betrieben angekommen. Das ist gut und lobenswert – aber es ist viel, viel zu wenig. Der überlebensnotwendige Liquiditätsbedarf der Betriebe ist etwa vier mal so hoch wie die Soforthilfezahlung. Zum Überleben reicht es also hinten und vorne nicht.

Welche weiteren Hilfen fordern Sie?

Wir brauchen konkret einen staatlichen Rettungsfonds, der die Betriebe, die von Amts wegen ganz oder teilweise geschlossen wurden, entschädigt. Das ist keine unziemliche Forderung, denn anderen Branchen wurde in weit geringeren Notlagen in der Vergangenheit bereits in ähnlicher Weise geholfen. Außerdem brauchen für die Zeit nach der Krise stabilisierende Maßnahmen, damit sich die Betriebe besser von den Verlusten erholen können. Die von uns seit langem eingeforderte Mehrwertsteuersenkung für Speisen in der Gastronomie von 19 auf 7 Prozent ist dringender notwendig denn je.