Nach einer aktuellen Studie hat jeder vierte Lebensversicherer finanzielle Probleme. Warum?

Ähnlich wie die Bausparkassen haben Lebensversicherer ihren Kunden früher vertraglich hohe Garantiezinsen bis zu vier Prozent zugesagt – und zwar über sehr lange Zeiträume. Nun haben sich die Zinsen in den letzten Jahren aber stetig Richtung Null entwickelt.

Eigentlich sind solche Zinsschwankungen nichts Ungewöhnliches und sollten entsprechend eingerechnet werden. Doch viele Lebensversicherer haben genau das versäumt und „einen massiven Kalkulationsfehler begangen“, sagt Axel Kleinlein, Vorstandssprecher beim Bund der Versicherten (BdV). Weshalb einige Unternehmen aus der Branche nun unter enger Überwachung der Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin stehen. Der BdV hat 84 Lebensversicherer selbst unter die Lupe genommen. Das Ergebnis: „Mehr als ein Viertel hat ernste Problem“, sagt Axel Kleinlein vom BdV.

Alex Kleinlein arbeitet als Vorstandssprecher beim Bund der Versicherten (BdV).
Alex Kleinlein arbeitet als Vorstandssprecher beim Bund der Versicherten (BdV). | Bild: Valeska Achenbach/dpa

Hängt diese Situation mit der Corona-Pandemie zusammen?

„Nein, die Probleme bei den Lebensversicherern sind hausgemacht und bestehen seit Jahren“, sagt Axel Kleinklein. Die Corona-Pandemie sei nur ein weiterer Katalysator für die angespannte Situation. Die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht Bafin rechnet damit, dass die Versicherungen ihren Verpflichtungen gegenüber ihren Kunden immer schwerer nachkommen können.

Der Grund: Lebensversicherer investieren ihr Geld gern in Aktien oder Anleihen von Unternehmen. Da die Bonität der Firmen in Folge der Coronakrise sinkt, müssen die Versicherer für ihre Aktienpakete immer mehr Eigenkapital als Sicherheit vorhalten. Diese höheren Eigenmittel könnten so manchen Lebensversicherer nun in Schwierigkeiten bringen.

Wenn man einen Vertrag bei einem Lebensversicherer hat, sollte man den nun also kündigen?

Das kommt darauf an, um was für ein Versicherungs-Produkt es sich handelt: Ist der Vertrag zum Vermögensaufbau oder zur Altersvorsorge da? Oder sollen damit existenzielle Risiken wie Invalidität oder Todesfall abgesichert werden?

Was gilt im Fall einer Lebensversicherung als Altersvorsorge?

„Zum Vermögensaufbau und zur Altersvorsorge waren Lebensversicherungen eigentlich noch nie wirklich attraktiv. Die Abschlusskosten sind hoch, das Produkt ist unflexibel“, sagt Finanzexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg (VZBW). Hinzu kommt, dass gerade die Lebensversicherer, die viele Altersvorsorge-Produkte anbieten, eher in finanziellen Schwierigkeiten sind. „Das hängt damit zusammen, dass sich hier der massive Kalkulationsfehler mit zu hohen garantierten Zinsen besonders stark bemerkbar macht“, sagt Kleinlein.

Hier lohnt es sich als Versicherungsnehmer also durchaus durchzurechnen, wie attraktiv der eigene Vertrag noch ist. Weil die Renditen im Anpassungs- und Ausstiegsfall aber oft nicht transparent in den Verträgen stehen, braucht man dazu häufig Unterstützung, die es beispielsweise bei den Verbraucherzentralen oder beim Bund der Versicherten gibt. „Wenn ich ohne Abschläge aus dem Vertrag rauskomme und das Geld gut anderweitig brauchen kann, beispielsweise um Schulden abzuzahlen, kann der Ausstieg ein guter Weg sein“, sagt Kleinlein.

Und was ist, wenn man mit dem Vertrag beim Lebensversicherer existenzielle Risiken absichert?

„Hier bieten die meisten Lebensversicherer sehr gut kalkulierte Produkte an, die wichtig sind“, sagt Experte Kleinlein. Handelt es sich zudem um Spezialanbieter genau für diesen Bereich ist die finanzielle Lage der Unternehmen Kleinlein zufolge auch deutlich besser als bei den Unternehmen, die auch noch viele Altersvorsorgeprodukte anbieten.

Niels Nauhauser ist Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg und gilt bundesweit als Kenner der Versicherungsbranche
Niels Nauhauser ist Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg und gilt bundesweit als Kenner der Versicherungsbranche | Bild: Wolfram Scheible/dpa

Wenn sich die Lebensversicherung nicht zum Vermögensaufbau eignet, was ist dann eine gute Alternative?

Wer auf der sicheren Seite sein will, wird derzeit keine Produkte finden, die eine positive Rendite bringen. „Über ein Prozent Rendite bekomme ich vielleicht noch bei einer Direktbank“, sagt Finanzexperte Niels Nauhauser von der VZBW. Die Alternative sei, mehr Risiko zu wagen und Wertschwankungen zu akzeptieren, also Aktien zu kaufen. „Die streue ich am besten maximal breit branchenweit und weltweit“, sagt Niels Nauhauser.

Was passiert wenn ein Lebensversicherer Pleite geht mit dem eingezahlten Geld?

Anders als im Fall der Insolvenz der US-amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers im Jahr 2008 müssen die Verbraucher sich keine Sorgen machen, viel oder alles Geld zu verlieren. Der Grund: „Lebensversicherer müssen ihr Geld sehr breit streuen, also an sehr viele Staaten oder sehr viele Unternehmen verleihen“, sagt Niels Nauhauser, Finanzexperte bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Dadurch ist wenn, dann überhaupt nur ein Teil des eingezahlten Gelds weg.

Hinzu kommt, dass es seit dem Jahr 2002 einen gesetzlichen Sicherungsfond für Lebensversicherungen namens Protektor gibt. Gerät ein Anbieter also in massive finanzielle Probleme, übernimmt Protektor auf Anordnung der Finanzaufsicht Bafin den Versicherungsvertrag und führt ihn auch fort. Allerdings werden nicht alle Vertragsarten und nicht alle Versicherer von Protektor aufgefangen, eine Liste gibt es unter www.protektor-ag.de.

87 Millionen Lebensversicherungsverträge gibt es bundesweit.
87 Millionen Lebensversicherungsverträge gibt es bundesweit. | Bild: Armin Weigel/dpa

Reicht das Geld der Auffanglösung im Notfall für alle Versicherten und ihre Guthaben aus?

Die Leistungsfähigkeit von Protektor ist endlich: würden mehrere große Lebensversicherer und viele kleine gleichzeitig ins Straucheln geraten, reicht das Geld der Europäischen Zentralbank zufolge nicht aus. Die Hochschule Ludwigshafen hat aktuell jedoch die Finanzstabilität der zwölf größten Lebensversicherer untersucht – mit meist sehr guten bis befriedigenden Ergebnissen. „Der Weg in die Insolvenz ist nach heutigem Stand in keinem Fall für die untersuchten Unternehmen auch nur annäherungsweise erkennbar“, heißt es in dem Report.

Bausparkassen haben in den vergangenen Jahren teils massiv versucht, Kunden mit gut verzinsten Altverträgen loszuwerden. Gehen die Lebensversicherer jetzt auch diesen Weg?

Bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg ist das noch nicht aufgefallen. „Es gibt natürlich immer einzelne Versicherungsvertreter, die Kunden zum Wechsel in ein anderes Produkt überreden wollen, weil sie dann einfach nochmals Provision kassieren“, sagt Finanzexperte Niels Nauhauser von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Ihn würde es aber nicht wundern, wenn in absehbarer Zeit eine ähnliche Entwicklung zu beobachten wäre, wie bei den Bausparkassen. Für die Verbraucher gilt dann: nicht vorschnell irgendein vermeintlich verlockendes Angebot annehmen. Sondern sich gut durchrechnen, wie attraktiv das wirklich ist.

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €