Sie sollen den Menschen das Leben etwas lebenswerter machen und stehen jetzt selbst vor den wirtschaftlichen Totalschaden. Die Freizeitbranche ist neben der Kunstszene und der Hotellerie/Gastronomie der Hauptbetroffene des zweiten Corona-Lockdowns in diesem Jahr. Kosmetikstudios, Massagepraxen, Tattoo- und Fitnessstudios, aber auch Kinos sollen den November über geschlossen bleiben, um das Infektionsgeschehen zu senken.

Injoy-Chef Söder: „Unsere Branche ist ein Bauernopfer.“
Injoy-Chef Söder: „Unsere Branche ist ein Bauernopfer.“ | Bild: Lisa Jahns

Warum, das versteht in der Branche keiner. „Wir haben in den vergangenen Monaten wirklich alles getan, um die geforderten Hygienevorschriften einzuhalten“, sagt Tom Söder, der in Singen ein Fitnessstudio betreibt.

3500 Euro pro Monat zusätzlich für Hygiene

3500 Euro zusätzlich pro Monat lässt sich das Studio mit insgesamt 35 freien und festangestellten Mitarbeitern die Aufrüstungsoffensive in Gesundheitsfragen kosten. Überall Desinfektionsgeräte und Wischtücher, mehr Abstand, Raumtrenner – „wir haben sogar eine CO2-gesteuerte Lüftungsanlage“, sagt Injoy Geschäftsführer Söder. In fünf Monaten habe es in seinem Studio keinen Corona-Fall gegeben. „Wir sind supersauber“, sagt er.

Tom Söder (2. von links) führt die Geschäfte eines 35-Mann-Fitnessstudios in Singen. Hier ist er im Bild mit der Sport-Bloggerin Sophias Thiel. Maximilian Schyra und Christian Ebersbach.
Tom Söder (2. von links) führt die Geschäfte eines 35-Mann-Fitnessstudios in Singen. Hier ist er im Bild mit der Sport-Bloggerin Sophias Thiel. Maximilian Schyra und Christian Ebersbach. | Bild: Ingeborg Meier

Tatsächlich ist umstritten, ob Sportanlagen im Innenbereich das Infektionsgeschehen treiben. Eine europaweite Studie, die allerdings maßgeblich von der Fitnessbranche finanziert wurde, hat Ende September Besucherzahlen und Coronainfektionen abgeglichen. Das Ergebnis: Bei 62 Millionen Sporttreibenden traten gerade einmal 487 Corona-Fälle auf. Gastronomie und Hotels führen ähnliche Zahlen an.

Infektionsherde liegen anderswo

Söder ist sich daher sicher, dass seine Branche nur „ein Bauernopfer„ ist. Das wahre Infektionsgeschehen finde woanders statt, sagt er. Reiserückkehrer oder Familienfeiern gelte es in den Blick zu nehmen.

Kurzarbeit für alle Mitarbeiter

Die wirtschaftlichen Schäden könnten erheblich sein. In Fitnessstudios, aber auch in Sportvereinen beginnt ab ab November die Hochsaison, weil Draußensport nach drinnen verlagert wird. „Das Neugeschäft mache ich in den Wintermonaten“, sagt Söder. Nur wenn die zugesagten Hilfen – Berlin will 75 Prozent des Umsatzausfalls decken – schnell und unbürokratisch flößen, ließe sich Schlimmeres vermeiden. Optimistisch ist er nicht.

Die Soforthilfen aus dem ersten Hilfspaket im Frühjahr hätte sein Unternehmen über die ersten elf von insgesamt 77 Schließtagen getragen. Den Rest musste er über einen neuen Bankkredit abfedern. Daran, dass Söder seine Mitarbeiter jetzt in Kurzarbeit schicken muss, besteht kein Zweifel. „Ich habe im Lockdown keine Arbeit für sie.“

Tätowierer Paul Isbrecht aus Immendingen: „Die Studios waren durch den ersten Lockdown sowieso schon geschwächt“, sagt er. Jetzt könnte es vielen „das Genick brechen.“
Tätowierer Paul Isbrecht aus Immendingen: „Die Studios waren durch den ersten Lockdown sowieso schon geschwächt“, sagt er. Jetzt könnte es vielen „das Genick brechen.“ | Bild: privat

Vor ganz ähnlichen Problemen sieht sich auch Paul Isbrecht. Eineinhalb Monate musste der selbstständige Tätowierer wie alles seine Berufskollegen in Baden-Württemberg sein Studio im Frühjahr schließen. Dass es jetzt schon wieder so weit sein soll, kann er nicht fassen.

Tätowierer haben Hygiene verinnerlicht

„Wir arbeiten grundsätzlich mit Mundschutz und Handschuhen“, sagt der Immendinger Studio-Inhaber. Hygiene sei nicht erst seit Corona ein großes Thema in der ganzen Branche. Mitarbeiter würden in Hygienefragen speziell geschult. In seinem Studio hat er alle vorbereitenden Tätigkeiten, etwa die Beratung oder das Leisten von Anzahlungen, ins Netz verlagert.

Der Kunde käme wirklich nur noch zum Tätowieren in den Laden, fast immer sei er dort allein mit dem Tätowierer. „Für mich macht es daher keinen Sinn, dass gerade wir dicht machen müssen“, sagt er.

Für die Branche sieht er schwarz. In die zaghaft einsetzende Erholung während des Herbstes platze nun der Lockdown. „Viele Betriebe sind geschwächt. Das kann ihnen das Genick brechen“, sagt er.

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