Der Automobilzulieferer Marquardt aus Rietheim nahe Tuttlingen reagiert auf Umsatzeinbrüche in Folge der Corona-Krise und streicht an seinen deutschen Standorten bis zu 200 Stellen. Wie das Unternehmen am Freitag mitteilte, habe man sich mit Betriebsrat und IG Metall auf ein Maßnahmenpaket zu Kostensenkung geeinigt.

Betriebsbedingte Kündigungen nicht ausgeschlossen

Dieses sieht vor, ab Januar 2021 bis zu 200 Arbeitsplätze abzubauen. Entscheiden sich zu wenige Mitarbeiter, das Unternehmen freiwillig zu verlassen, sind laut Marquardt-Betriebsrat auch betriebsbedingte Kündigungen möglich. Derzeit laufen Verhandlungen zu Details, etwa ob Abfindungen gezahlt oder Altersteilzeitregelungen angeboten werden.

Verzicht auf Weihnachts- und Urlaubsgeld

Teil der Kostensenkungsmaßnahmen ist zudem der Verzicht auf das Weihnachtsgeld im laufenden Jahr sowie auf 75 Prozent des Urlaubs- und Weihnachtsgelds 2021. Auch eine tariflich festgeschriebene Sonderzahlung von 400 Euro fällt laut Betriebsrat weg. Im Gegenzug sollen Weiterbildungsmaßnahmen für die Belegschaft forciert werden.

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Bereits im Jahr 2015 hatte Marquardt in seinen deutschen Werken einen Haustarifvertrag durchgesetzt, der unter anderem eine wöchentliche Mehrarbeit von drei Stunden ohne Lohnausgleich sowie eine zeitliche Verschiebung von Tarifleistungen vorsah. Im Gegenzug verzichtete das Unternehmen auf Verlagerungen und betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2020. Der jetzt geschlossene Haustarifvertrag schließt an diese Regelungen an.

Firmenchef: „So sozialverträglich wie möglich“

Man versuche, „die notwendigen Einschnitte so sozialverträglich wie möglich“ zu gestalten, sagte Marquardt-Chef Harald Marquardt. Dank der Verzichtsleistung der Belegschaft werden wir die Krise überwinden, auf den Wachstumspfad zurückkehren und die Mobilitätswende mitgestalten können.“

Für das laufende Jahr geht Marquardt von einem Umsatzeinbruch um ein Viertel aus. An das Vorkrisenniveau von mehr als 1,3 Milliarden Euro Umsatz wird der Daimler-Lieferant nach eigenen Schätzungen erst 2023 wieder anknüpfen können.

Elektronik-Produktion bei Marquardt: 2500 Menschen arbeiten für das Unternehmen in Rietheim und Böttingen, nahe Tuttlingen
Elektronik-Produktion bei Marquardt: 2500 Menschen arbeiten für das Unternehmen in Rietheim und Böttingen, nahe Tuttlingen | Bild: Marquardt

Bereits Anfang 2019 hatte Marquardt auf die sich eintrübenden Geschäftszahlen reagiert und ein Effizienzprogramm aufgelegt, in dessen Folge bislang etwa 150 Mitarbeiter Marquardt verlassen haben. Durch Zugeständnisse der Belegschaft konnten damals zudem Pläne zur Verlagerung der Produktion ins Ausland abgewendet werden.

Ein rund eine Milliarde Euro schwerer Großauftrag des VW-Konzerns zur Fertigung von Batteriemanagementsystemen für E-Fahrzeuge konnte in Deutschland gehalten werden. Allerdings werden die High-Tech-Komponenten nicht am baden-württembergischen Stammsitz, sondern nahe Erfurt produziert werden.

IG Metall und Betriebsrat tragen Einschnitte mit

Marquardt-Betriebsratschef Antonio Piovano sprach gegenüber dem SÜDKURIER von einem vertretbaren Kompromiss. Von Seiten der IG Metall hieß es, es sei gelungen einen Teil des Urlaubs- und Weihnachtsgelds zu retten und deutlich umfangreichere Stellenstreichungen abzuwenden. Tatsächlich stand nach SÜDKURIER-Informationen der Abbau von bis zu 400 Jobs im Raum. In den kommenden Wochen sollen nun die Verhandlungen zu einem Sozialplan zum Abbau der Stellen abgeschlossen werden.

Marquardt ist mit rund 10.000 Mitarbeitern weltweit einer der größten Automobilzulieferer in Baden-Württemberg. Im Südwesten beschäftigt Marquardt 2500 Menschen an den Standorten Rietheim und Böttingen, etwa 800 davon in der Produktion. Im Jahr 2018 hatte Marquardt weltweit 11.200 Menschen auf der Gehaltsliste. Seitdem sind – parallel zum Abschwung der Automobilmärkte – vor allem im Ausland Stellen weggefallen.

Harald Marquardt, der Vorsitzende der Geschäftsführung des Autozulieferers Marquardt, trägt in der Firmenzentrale einen Mundschutz. Er führt das Unternehmen mit 10.000 Jobs weltweit als Eigner.
Harald Marquardt, der Vorsitzende der Geschäftsführung des Autozulieferers Marquardt, trägt in der Firmenzentrale einen Mundschutz. Er führt das Unternehmen mit 10.000 Jobs weltweit als Eigner. | Bild: Marquardt

Betriebsratschef Piovano wertete es als Erfolg, dass es in den Verhandlungen der vergangenen Monate gelungen sei, die Produktion in Deutschland zu halten. „Bis jetzt sind uns keine Pläne der Geschäftsleitung zur Verlagerung kompletter Funktionseinheiten ins Ausland bekannt“, sagte Piovano.

Bleibt die Produktion im Land?

Marquardt-Chef Harald Marquardt hatte in der Vergangenheit mehrfach auf die zu hohen Produktionskosten im Heimatmarkt im Vergleich zu anderen Ländern hingewiesen und auch einen Abzug der Fertigung, etwa nach Nordafrika, ins Spiel gebracht.

Piovano sagte, das Augenmerk der Beschäftigten werde nun darauf liegen, dass künftige Aufträge auch am Heimatstandort in Baden-Württemberg abgearbeitet werden könnten. „Dafür werden wir uns einsetzen“, sagte er.