Der Bodensee muss irgendwo hinter Kroatien liegen. Oder hinter der weißen Schleierwand der Heilbäder? Wer Halle 6 der Stuttgarter Messe, auf der CMT (Caravan Motor Touristik) traditionell das Schaufenster Baden-Württembergs, betritt, ist gut beraten, den Kopf zu recken, um eine der touristisch erfolgreichsten Regionen Deutschlands mit zuletzt mehr als elf Millionen Gästen im Jahr zu entdecken. Unter dem Wellblech der Hallendecke zeigt sich der Schriftzug Bodensee, darunter hoch aufragende Stahldreiecke, die an Boots-Segel erinnern. „Die haben uns zugebaut“, sagt Britta Frischmuth, Projektleiterin bei der IBT (Internationale Bodensee Tourismus/Vierländerregion). Man könnte freilich auch sagen:

Die Akteure vom Bodensee haben es nicht ganz geschafft, einen markanten Messestand zu entwickeln. Aus dem Augenwinkel drängt sich der Schwarzwald mächtig in den Blick mit einem breiten tannengrünen Band und stilisiertem roten Bollenhut. Am Bodensee indes muss man schon auf den Boden schauen, um das schwäbische Meer aus leuchtend blauem PVC und den liebevoll hineingebauten Holzsteg zu sehen. Zwar präsentieren die IBT-Macher beeindruckende Bodensee-Bilder mit Alpenpanorama, doch die Stelen an den Ständen, von Frischmuth als „wunderbare Gelegenheit, jeden Leuchtturm zu präsentieren“ angesehen, wirken nach Kleinklein.

Leicht irritiert blicken CMT-Besucher deshalb mal zum Schriftzug „Bora“ (Spa), zu Hegau-Tourismus oder Seemaxx (Outlet), der als Bereich Radolfzell gilt. So auch beim Auftritt von Konstanz, wo sich die Stelen Mainau oder Bodensee-Schifffahrtsbetriebe den Platz teilen. Marketingchef Eric Thiel sieht ein Etappenziel erfüllt: „Neu ist, dass alle gemeinsam an einem Stand stehen.“ Aber das Ziel sei klar: „Eine Stadt, ein Team.“

Die IBT organisiert den Messeauftritt federführend, für das kommende CMT-Jahr soll er überarbeitet werden. Den Bodensee als starke touristische Marke einheitlich zu bewerben, scheitert aber regelmäßig am selbstbewussten Auftreten der (zahlenden) Bürgermeister oder Landräte, die etwas Eigenes wollen. So schert etwa der Kreis Konstanz aus der Riege der Mitglieder der Deutschen Bodensee-Tourismus (DBT) aus. Die IBT bietet eine Bodensee-Erlebniskarte an, die DBT eine andere. Und so ist bei der CMT 2017 für die Bodenseeregion festzustellen: Der große einheitliche Guss fehlt – noch, wie viele Repräsentanten beteuern. Publikationen wie die vom SÜDKURIER Medienhaus produzierte Ferienzeitung (im Internet zu finden auf www.bodenseeferien.de) oder das Bodenseemagazin sind die einzigen wirklich verbindenden Plattformen. Auf der CMT setzt die IBT klassisch auf Leib und Seele, um die Messe-Besucher anzulocken. Nach dem Motto: „Den Bodensee kann man schmecken.“ Am Eröffnungswochenende gab es Äpfel und Hochprozentiges von der Brennerei Senft aus Salem, bald locken Wein aus Hagnau oder Brotaufstriche.

Ähnlich gehen andere aus der Region vor. Bei Nadine Badhäupl am Stand von Unterkirnach etwa werden kleine in Plastik eingeschweißte Speckvesper der Narrenzunft Kieschtock verteilt. Früher war Unterkirnach im Ferienland Schwarzwald organisiert, der neue Bürgermeister aber stieg aus – wollte etwas Eigenes. Das Phänomen der touristischen Vereinzelung ist also nicht an den Landstrich gebunden, es treibt allerorten Blüten. Villingen-Schwenningen etwa ist mit einem Miniaturstand vertreten.

Die touristische Markenbildung sei nicht ganz einfach, sagt Steffi Laube vom Ferienland Schwarzwald, an deren Stand Heike Rieckmann mit ihrem herrlich trockenen Schinken aus eigener St. Georgener Metzgerei Gäste anlockt. Erstrecke sich die zu vermarktende Landschaft zu weit, werde es schwierig mit der Partnersuche – Tennenbronn etwa orientiere sich ins Kinzigtal und Gütenbach Richtung Zweitälerland. Dass Unterkirnach aus dem Ferienland mit Schonach, Furtwangen, Schönwald und St. Georgen ausstieg, kommentiert Laube nicht.

Das Problem mit dem kleinen Radius der Vermarktung hat Christa Müller, die Pensionswirtin aus Ibach-Dachsberg, ohnehin nicht, allenfalls mit Namensähnlichkeit. Die 2012 gegründete Marke Ferienwelt Südschwarzwald erstreckt sich von Waldshut-Tiengen am Hochrhein, das neu hinzukam, bis Bernau. 15 Orte sind inzwischen an Bord. Der Hundeschlitten aus Todtmoos ist der Hingucker. Es lohne sich, auf der CMT präsent zu sein, sagt Müller. Trotz Internet. Gefunden wird ihr Stand mit der Alpen-Aufnahme bei Föhnwetter in jedem Fall. Denn er steht unter der großen Dachmarke Schwarzwald – mehr Unverwechselbarkeit und Wiedererkennungswert geht wirklich kaum.

 

Rund um die Urlaubsmesse CMT

  • Die Messe: Die CMT (Caravan Motor Touristik) läuft noch bis Sonntag. In den Stuttgarter Messehallen werden rund 220 000 Besucher erwartet. Die Schau auf gut 105 000 Quadratmetern ist die größte deutsche Publikumsmesse für Reisen und Campingfahrzeuge. In ihrer Bedeutung kommt die CMT aber nicht vorbei an der Internationalen Tourismus-Börse in Berlin und dem Düsseldorfer Caravan Salon. Diese Veranstaltungen sind aber Fachmessen. 2052 Aussteller zeigen bei der CMT ihre Produkte und Dienstleistungen. Zudem werben Reiseländer um Urlauber. Geöffnet ist täglich von 10 bis 18 Uhr, eine Tageskarte kostet 14 Euro.
  • Der Tourismus: Einer Studie zufolge kann sich die Tourismusbranche über hohen Zuspruch freuen. Zum einen gewinnt Deutschland in der Gunst der Urlauber und Geschäftsreisenden – 2016 stieg die Zahl der Übernachtungen hierzulande laut einer Analyse der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen deutlich. Zugleich blieb aber auch die Zahl der Auslandsreisen der Deutschen auf hohem Niveau.
  • Der Trend: 2016 wurden in Deutschland 35 000 Reisemobile neu zugelassen – so viele wie nie. Laut Caravaning Industrie Verband kam die Branche auf einen Umsatz von 8,74 Milliarden Euro – ein Plus von 15,4 Prozent.