ZF will den belgisch-amerikanischen Bremsenhersteller Wabco übernehmen und stößt damit in neue wirtschaftliche Dimensionen vor. Durch die zweitgrößte Übernahme der Firmengeschichte stünde ZF kurz davor, erstmals die Schallmauer von 40 Milliarden Euro Umsatz zu durchbrechen. Zudem würde der Autozulieferer aus Friedrichshafen den japanischen Konkurrenten Denso überholen und zum nach Bosch und Continental drittgrößten Automobilzulieferer der Welt aufsteigen. ZF geht davon aus, die Übernahme bis Anfang 2020 abschließen zu können. Der Kaufpreis beträgt nach ZF-Angabe sieben Milliarden Dollar (6,2 Milliarden Euro). Damit der Kauf über die Bühne gehen kann, müssen die zuständigen Kartellbehörden sowie 50 Prozent der Wabco-Aktionäre ihre Zustimmung geben.

Fast auf Augenhöhe mit Bosch und Conti

Experten halten den Wabco-Kauf für einen klugen Schritt. "Mit der Übernahme von Wabco kann ZF seine Kompetenzen im Bereich Nutzfahrzeuge erheblich verbessern", sagte Stefan Bratzel, Direktor des Center of Automotive Management (CAM). "ZF rückt durch den Kauf näher an die größten deutschen Autozulieferer Bosch und Continental heran", so Bratzel weiter. Ähnlich beurteilt Stefan Reindl, Direktor des Instituts für Automobilwirtschaft der Hochschule für Wirtschaft und Umwelt in Geislingen, die Übernahme. "Durch den Wabco-Kauf wird ZF seine Position als global agierender Systemlieferant für die Automobilwirtschaft stärken", sagte Reindl. Auch Ferdinand Dudenhöffer, Gründer und Direktor des Center Automotive Research an der Universität Duisburg-Essen, sprach von einem "großen Gewinn", der ZF "innovativer" und "wettbewerbsfähiger" machen werde.

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Wabco gilt im LKW-Bremsen-Bereich als technologisch führend. Bremsen sind dabei für ZF ein zentraler Baustein, weil sie mit ihrer Sensorik ein wichtiger Informationsgeber für das autonome Fahren sind. Und gerade im Nutzfahrzeugbereich, der Spezialität von Wabco, könnte sich das führerlose Fahren laut Experten schneller durchsetzen als beim Auto.

Für ZF ist es schon der zweite Kaufversuch

Schon 2017 hatte sich das Unternehmen unter dem damaligen ZF-Chef Stefan Sommer um Wabco bemüht. Doch der Kauf war damals dem Vernehmen nach an der Zustimmung des ZF-Aufsichtsrats gescheitert. "Man hätte das Ganze schon ein paar Jahre früher haben können", sagte deshalb auch Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer.

Das Forschungszentrum des Bremsen- herstellers Wabco in Hannover. Bild: imago
Das Forschungszentrum des Bremsen- herstellers Wabco in Hannover. Bild: imago | Bild: Rainer_Droese

Den Kaufpreis schätzen Experten als vertretbar ein. "Mit der Kaufsumme von sieben Milliarden Dollar ist Wabco sicherlich kein Schnäppchen. Der stolze Preis kann sich dennoch rentieren, wenn es gelingt, das Portfolio der beiden Unternehmen intelligent miteinander zu verbinden", sagte Stefan Bratzel. Ähnlich argumentiert Stefan Reindl. "Der Aufbau eines eigenen Bereichs für die Bremsentechnik wäre ebenfalls mit hohen Investitionen und unternehmerischen Risiken verbunden."

Der Betriebsrat unterstützt den Wabco-Kauf

Der ZF-Betriebsrat begrüßte den geplanten Wabco-Kauf. Die industrielle Logik sei gegeben und der Kauf gefährde keine Arbeitsplätze, so ZF-Gesamtbetriebsratschef Achim Dietrich.

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Wie ZF-Chef Wolf-Henning Scheider bei einer Telefonkonferenz bekannt gab, soll Wabco in die ZF-Division Nutzfahrzeugtechnik integriert werden. Durch die Wabco-Übernahme werde Umsatzanteil des PKW-Geschäfts von heute 80 Prozent auf künftig 70 Prozent sinken. ZF mache sich dadurch unabhängiger von den Konjunkturzyklen der Autoindustrie. ZF-Finanzchef Konstantin Sauer sprach von einem guten Zeitpunkt für die Übernahme. "Nach der erfolgreichen Integration von TRW hat ZF seine Verschuldung signifikant reduziert", so Sauer. ZF hatte TRW im Jahr 2015 übernommen.