Der Friedrichshafener Automobilzulieferer ZF verkauft seine Produktion von Schaltern und Cockpit-Bedienelementen an den in Hongkong ansässigen Kabelhersteller Luxshare. Damit trennt sich der Friedichshafener Stiftungskonzern von rund 6000 Mitarbeitern. Eine entsprechende Vereinbarung zum Kauf des Geschäftsfelds Fahrzeugbediensysteme hätten ZF und Luxshare am Mittwoch unterzeichnet, teilte ZF mit. Der Verkauf soll bis Ende des Jahres abgeschlossen sein. Dann soll auch die Freigabe der zuständigen Kartellbehörden vorliegen.

Das Geschäftsfeld Fahrzeugbedienelemente war durch die im Jahr 2015 vollzogene Übernahme des US-Konkurrenten TRW Teil des ZF-Konzerns geworden. In dem Bereich werden vor allem Schalter, elektronische Bedienfelder sowie Lenkradsperren und Regensensoren entwickelt. Stammsitz der Sparte ist Radolfzell am Bodensee, wo rund 1100 Menschen für ZF arbeiten.

Spekulationen gab es schon länger


Spekulationen, dass sich ZF von der Schalterproduktion trennen will, gibt es schon länger. In einem Interview bezeichnete ZF-Konzernchef Stefan Sommer den Bereich Fahrzeugbediensysteme vor Monaten als nicht zum "Kerngeschäft" von ZF gehörig – ein klarer Hinweis, dass man nicht unter allen Umständen an ihm festhält. Ende 2016 bestätigte Sommer zudem den Beginn von "Sondierungsgesprächen" mit möglichen Interessenten. Damals sagte er auch, ein Kaufpreis von einer Milliarde Dollar "könnte nicht ganz ins Dunkle geschossen sein". Offiziell schweigt man sich über das Thema aber aus. 

Unter Vorstandschef Sommer strebt ZF eine starke Marktposition als Anbieter von Fahr-Sicherheitssystemen, dem autonomen Fahren sowie beim Thema Elektromobilität an. Diese Zukunftsbereiche sollen ZF im Zusammenspiel mit dem klassischen Geschäft rund um Getriebe und Antriebskomponenten ins 21. Jahrhundert führen. Immer wichtiger werden dazu Software- und Sensoranwendungen.

Der Käufer, die Hongkonger Firma Luxshare, die zuletzt mit 35 000 Mitarbeitern einen Umsatz von knapp zwei Milliarden Euro eingefahren hat, ist eigentlich auf Kabel für den Elektronikbereich und die Medizintechnik spezialisiert, verfügt somit also noch nicht über ein Zuliefergeschäft im Automobilbereich. Der neu erstandene Bereich solle daher ein "zentraler Wachstumstreiber innerhalb des Luxshare-Unternehmensportfolios sein“, sagte die Vorstandsvorsitzende von Luxshare, Laichun Wang. Ziel sei es, den Bereich so zu unterstützen, dass er "weltweit führend" auf seinem Gebiet werde. Der verantwortliche ZF-Vorstand, Franz Kleiner, sagte, der Bereich könne sich außerhalb von ZF besser weiterentwickeln. Luxshare will das Geschäftsfeld als eigenständige Einheit führen, die ihren Hauptsitz weiterhin in Radolfzell am Bodensee haben soll. Auch das bisherige Management soll an Bord bleiben. An den Arbeitsbedingungen für die rund 1100 in Deutschland am Standort Radolfzell beschäftigten Mitarbeiter soll sich nichts ändern. Dem Käufer sei es wichtig, "mit dem erfahrenen Stammpersonal weiterzumachen", sagte ein ZF-Sprecher.

Allerdings ist auffällig, dass ZF offenbar nicht wie in früheren Fällen eine Beschäftigungssicherung für seine Noch-Mitarbeiter ausgehandelt hat. Beim Verkauf des ZF-Geschäftsfelds Gummi-Kunststoff an den chinesischen Mischkonzern TMT im Jahr 2014 war eine fünfjährige Jobgarantie nach SÜDKURIER-Recherchen für die deutschen Beschäftigten Teil der Verkaufsvereinbarung gewesen. Entsprechend hat der ZF-Betriebsratschef Achim Dietrich "gewisse Vorbehalte" was die Arbeitsplatzsicherheit bei dem jetzigen Geschäft angeht. Grundsätzlich sehe man den Verkauf allerdings nicht negativ, weil er eine "industrielle Logik" wiederspiegele und es sich bei Luxshare nicht um einen Finanzinvestor, sondern um ein Unternehmen handele, das unter anderem die Türen zum schnell wachsenden chinesischen Automobilmarkt öffenen könne, wie der dem SÜDKURIER sagte.

Auch von dieser Zeitung befragte Analysten erkennen Vorteile. Die Konstellation lege nahe, dass der Käufer "durchaus bereit sei, zu investieren", sagte ein Branchenkenner. Aus seiner Sicht müssten sich die Beschäftigten "eher keine Sorgen machen".

Allerdings: Schalter und Tasten – eine Spezialität von ZF-Fahrzeugbediensysteme – werden im Auto derzeit immer stärker durch berührungsempfindliche Displays – sogenannte Touchscreens – ersetzt. Besonders hochpreisige Autos setzten auf diese Technologie als Bedienelement. Um am Markt bestehen zu können, müsse diese Entwicklung nun schnell nachvollzogen werden, sagte der Fachmann.

Investoren aus Fernost

Deutschland ist das Hauptzielland für chinesische Firmenübernahmen in Europa. Im vergangenen Jahr haben Unternehmen aus der Volksrepublik ihre Investitionen in Europa von 30,1 auf knapp 86 Milliarden Euro nahezu verdreifacht und sich an 309 Unternehmen beteiligt oder diese übernommen, wie die Beratungsfirma EY (Ernst&Young) ermittelt hat.