Schrittgeschwindigkeit. Behutsames Umfahren von Hindernissen. Leises Surren. Und dann: Ein Mann in Postuniform und saloppen Käppi auf dem Kopf. Er tippt kurz auf sein Tablet. Und schon kommt der Lieferwagen fast lautlos vorgefahren – fahrerlos. Die Klappe öffnet sich; der Postler holt ein Paket von der Ladefläche. Der Wagen macht sich ebenso langsam, wie er gekommen ist, auf und davon zum nächsten Hauseingang – ohne Fahrer am Steuer.

Selbstfahrendes Lieferfahrzeug soll Branche revolutionieren

"Innovation Van" nennen Ingenieure und Manager von ZF Friedrichshafen diese Neuentwicklung, die nicht nur zur Weihnachtszeit, wenn gerne Päckchen und Pakete verschickt werden, die ganze Paketdienst-Branche revolutionieren soll. "Gerade Online-Dienste wie Amazon lassen die Zustell-Branche boomen", stellt Wolf-Henning Scheider, Vorstandschef bei ZF, am Messestand auf der Internationalen Automobilausstellung (IAA) für Nutzfahrzeuge in Hannover fest.

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Die technologische Antwort von ZF: Ein Fahrzeug, das, wenn es sein muss, ganz ohne Fahrer im mühsamen Rangierverkehr unterwegs ist, kleine und große Sendungen bereits zum nächsten Empfänger kutschieren kann, während der Postler noch damit beschäftigt ist, sich eine Empfangsbestätigung unterscheiben zu lassen. 

Auf der IAA in Hannover stellte ZF das Lieferfahrzeug "Innovation Van" vor. Bild: zf
Auf der IAA in Hannover stellte ZF das Lieferfahrzeug "Innovation Van" vor. | Bild: Felix Kästle

Elektro-Antrieb, Rechner, optische Lidar-Sensoren, die die Fahrbahn abscannen – all das hat ZF zu einem Zukunftsfahrzeug vereint, das mit seinem Elektroantrieb auch bemüht ist, innerstädtische Staus zu umfahren. "Und das", betont Scheider, "ist nicht das einzige Beispiel für innovative Mobilität." Zunehmend fahren die kleinen und großen Brummis im innerstädtischen Verkehr nicht mehr mit Diesel, sondern elektrisch." Mittlerweile, so Scheider, könne auch der Liefer-Lkw für den Supermarkt vollektrisch in die Stadt fahren: "Wir haben zwischenzeitlich für alle Nutzfahrzeugtypen elektrische Antriebe entwickelt."

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Und mit der Entwicklungsarbeit soll es weiter gehen: Zwölf Milliarden Euro investiert ZF in den kommenden fünf Jahren in Technologien fürs autonome Fahren, wo der Rechner in weiten Teilen den Fahrer am Steuerrad ersetzt, und in elektrische Antriebe. "Die Veränderungen in unserem Geschäft finden in den nächsten Jahren statt", so Scheider, "und darauf wollen wir uns rechtzeitig und kraftvoll vorbereiten." Vor allem gehe es jetzt darum, Zukunftstechnologien, die sich als Prototypen bewährt haben, zur Serienreife weiter zu entwickeln. Beim autonomen Fahren seien die Systeme, die für Lieferwagen und Lkw entwickelt werden, mittlerweile sogar fortgeschrittener als die entsprechenden Technologien für den Pkw.

 

Warum die Autobranche auf Elektromobilität setzt

  1. Warum hat das Thema Elektromobilität gerade Konjunktur? Dass Elektroantriebe im Kommen sind, habe auch mit dem Kampf gegen die "dicke Luft" in größeren Städten zu tun, sagte ZF-Chef Wolf-Henning Scheider. Entsprehend organisieren viele Kommunen ihren öffentlichen Nahverkehr – nämlich mit Elektrobussen. Bei internationalen Ausschreibungen für elektrisch angetriebene Busse sei ZF mittlerweile europäischer Marktführer, hieß es in Hannover. Auch andere Hersteller setzen auf die E-Mobilität. So hat Daimler gestern auf der IAA bekannt gegeben, sich an dem Elektrobus-Start-up Proterra aus den USA beteiligen zu wollen.
  2. Welche Neuheiten zeigt ZF außer dem Innovation Van noch? In Hannover zeigt das Unternehmen als weitere Weltneuheit auch den "ZF Terminal Yard Tracor" – eine Art Traktor ohne Fahrer, der Rechner gesteuert auf einem großen Speditionshof völlig selbständig Lkw-Anhänger und Sattelschlepper-Auflieger hin- und herfährt, mal zum nächsten Güter-Terminal, mal zum nächsten Zugfahrzeug. "Der Lkw-Fahrer kann damit am Werkstor aussteigen und die Pausenzeit nutzen. Er muss sich nicht mehr mit diesen mühsame Tätigkeiten auf dem Betriebshof quälen", sagte Scheider. Diese erledigen die Fahrzeuge selbständig.
  3. Wie läuft es wirtschaftlich bei ZF? Zur aktuellen Geschäftsentwicklung nannte Vorstandschef Wolf-Henning Scheider zwar keine Zahlen, betonte jedoch: "Wir werden unsere Ziele für das laufende Jahr gut erreichen." Dies gelte für Umsatz und Gewinn, aber auch für die aniviserte Steigerung in Investitionen und den Abbau von Schulden, die bei der Übernahme des US-amerikanischen TRW-Konzerns aufgelaufen sind. Für 2017 weist die ZF-Bilanz einen Umsatz von 36,4 Milliarden Euro aus. Der Gewinn betrug 2,3 Milliarden Euro.