Prothesen, die fühlen, worauf sie stehen oder was sie gerade anfassen – das war lange Zeit der Traum von Entwicklern und Amputierten. Quasi im Alleingang hat ein Mini-Team aus Baden-Württemberg nun eine entsprechende Gehhilfe entwickelt. Die Entwicklung hat das Zeug, eine ganze Branche zu revolutionieren. Denn sie befähigt amputierte Menschen, an ihrer Prothese Empfindungen der amputierten Gliedmaßen zu spüren.

Ein kleiner Apparat

„Trotz Beinprothese haben die Menschen wieder das Gefühl, wie sie ihren Fuß aufsetzen, so als ob sie ihre eigenen Zehen oder Fußballen spüren. So gewinnen sie Sicherheit beim Gehen“, sagt Alfred Meier-Koll, Physiker und Neurobiologe aus Bodman-Ludwigshafen, und schildert die Auswirkung des kleinen, an der Prothese angebrachten Apparates.

Dieser sogenannte Phantom-Stimulator ist über Funk oder Kabel mit einer mit Elektroden ausgestatteten Schuhsohle verbunden. Wie die so übertragenen Reize der Fußsohle im Hirn eines Menschen landen, ist aber das eigentliche Kernstück der Erfindung von Meier-Koll, die jetzt vom Spaichinger Start-up CortXsensorics produziert wird.

Ein Gespräch gab den Anstoß

Auslöser für seine revolutionäre Entwicklung war ein Gespräch: Dem in Friedrichshafen lehrenden Wissenschaftler hatte ein Student berichtet, er spüre seinen amputierten Fuß, wenn seine Katze ihm beim Füttern die Hand lecke. Zwar kannte Meier-Koll das Phänomen des Phantomschmerzes, fragte sich aber, wieso diese Gefühle im Gehirn durch das Berühren einer ganz anderen Körperregion ausgelöst wurden.

Als Neurobiologe suchte er nur kurz nach der Antwort: Nach einer Amputation empfangen die mit dem amputierten Glied verbundenen Hirnregionen keine Signale mehr. In diese brachliegenden Felder können Nervenstränge eindringen und neue Verbindungen zu anderen Regionen des Körpers herstellen. So wurde bei dem Studenten die Empfindung des amputierten Fußes auf der Haut der Hand abgebildet.

Elektroden an der Unterseite

Meier-Koll suchte weitere dieser Regionen und versuchte, die neu verbundenen Hautpartien mit elektrischen Reizen zu stimulieren. Mit Erfolg. Nun war es nur noch ein Schritt bis zum Bau des Prototyps seines Phantom-Stimulators: Elektroden an der Unterseite der Prothese, die auf Bodenkontakte reagierten, vermittelten über den kleinen Apparat an der Prothese die Impulse zu den Elektroden auf der Hautpartie, die mit dem Gehirn verbunden ist. So kann er Phantom-Gefühle für den Fuß auslösen und seinen Probanden das Gefühl vermitteln, ihren nicht mehr vorhandenen Fuß auf den Boden aufzusetzen.

Folgenreiche Begegnung

Vermutlich wäre diese Erfindung nie zur Serienreife gekommen, wäre Meier-Koll nicht zufällig Karl-Heinz Weber begegnet. Der Unternehmer hatte vor neun Jahren nach einem Unfall einen Unterschenkel verloren, probierte den Prototyp von Meier-Koll aus und war begeistert. „Ich musste keine Tabletten mehr nehmen, meine Phantomschmerzen gehörten der Vergangenheit an und ich konnte mich wieder ganz frei bewegen“, sagt er.

Gemeinsam gründeten beide vor vier Jahren das Start-up CortXsensorics. Weber brachte den Prototyp zur Serienreife, Meier-Koll veranlasste klinische Studien und erweiterte den Kreis der Probanden auf über 100 Personen mit Amputationen.

Großes Durchhaltevermögen

CortXsensorics hat viel Durchhaltevermögen bewiesen. Vier Jahre benötigte man, um alle gesetzlichen Voraussetzungen zur Aufnahme der Produktion zu erfüllen. Und das, obwohl Produktionsräume zur Verfügung standen und das Bundesministerium für Wirtschaft das Vorhaben als förderungswürdig eingestuft hatte. Weber, der neben der CortXsensorics noch die Geschäfte eines weltweit agierenden Unternehmens für Antriebssysteme leitet, sagt: „Ich hätte mir nicht vorstellen können, wie aufwendig es ist, ein medizintechnisches Produkt der Klasse 2 am Markt einzuführen.“ „Ich war schon völlig frustriert und fürchtete, das wird nie mehr etwas“, sagt auch der Erfinder des Phantom-Stimulators, Alfred Meier-Koll, dem SÜDKURIER.

Für 600 Euro

CortXsensorics will die Produktion mit vier Montagekräften beginnen. Für etwa 600 Euro soll der Apparat am Markt angeboten werden. Als Vertriebspartner wollen die beiden Unternehmer Orthopädie-Techniker und Physiotherapeuten gewinnen. „Die sind am nächsten an unserer Zielgruppe dran und können den Vorteil für ihre Patienten sofort erkennen“, sagt Weber. Er hofft, pro Jahr rund 20 000 Exemplare des Phantom-Simulators absetzen zu können.