Herr Feld, wem würde der Brexit mehr schaden, den Briten oder der EU?

Ganz klar den Briten. Großbritannien ist für uns zwar ein wichtiger Handelspartner. Das Handelsvolumen beträgt etwa vier Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Aber noch mehr schadet sich Großbritannien durch den Brexit selber. Denn der Großteil der britischen Exporte geht in die EU. Deshalb werden die Briten deutlich mehr verlieren als der Rest der EU.

Wie wird der Austrittsprozess nach dem schwachen Wahlergebnis von Premierministerin Theresa May weitergehen?

Zunächst müssen einige technische Fragen geklärt werden wie zum Beispiel der Status der Nordirlandgrenze, die ja zu einer EU-Außengrenze wird. Das könnte innerhalb der nächsten Monate geschehen. Solche technische Fragen sind in der Regel leichter zu klären als Verteilungsfragen. Danach müssen die Details zu Handelsfragen geklärt werden. Sowohl ein harter Brexit als auch eine kooperative Verhandlungslösung sind möglich. Ideal wäre, wenn man sich an einem bereits bestehenden Modell, wie zum Beispiel der Zollunion mit der Türkei, orientieren könnte. Das würde viel Zeit sparen. Klar ist, dass Großbritannien einen Preis für den Austritt zahlen muss. Denn ein vollständiger Zugang zum EU-Binnenmarkt ist ausgeschlossen.

Besteht noch die Chance, dass die Briten es sich anders überlegen und wieder in die EU zurückkehren wollen?

Die Wahrscheinlichkeit dafür ist sehr gering. Denn auch der Oppositionsführer der Labour-Partei, Jeremy Corbyn, ist kein Freihandelsbefürworter, sondern eher protektionistisch eingestellt. Vielleicht könnte es zu einem zweiten Brexit-Referendum kommen, wenn die Kosten des Brexit sich im Verhandlungsprozess einstellen sollten.

Kann der Wahlsieg von Emmanuel Macron in Frankreich nach dem Brexit-Rückschlag eine EU-freundlichere Stimmung in Europa entfachen?

Ja, der Sieg von Macron hat eine Euphorie ausgelöst. Die Weichen für wirtschaftliche Reformen in Frankreich sind durch seinen Wahlsieg gestellt. Von diesem Reformeifer sollte sich der Rest Europas anstecken lassen.

Gehen seine Reformideen denn in die richtige Richtung?

Ja. Frankreich hat einen großen Reformstau, vor allem auf dem Arbeitsmarkt, und Macron will genau diesen Reformstau direkt zu Beginn seiner Präsidentschaft auflösen. Wenn er erfolgreich ist und wir in Deutschland unsere Reformerfolge im Zuge der Agenda 2010 zurückdrehen, könnten wir sogar ins Hintertreffen geraten. Insofern besteht die Gefahr, dass wir an Wettbewerbsfähigkeit verlieren, wenn wir uns auf unseren Erfolgen ausruhen. Frankreichs Reformbereitschaft sollte uns dazu motivieren, nicht in die alte Welt vor der Agenda 2010 zurückzufallen.

Wie beurteilen Sie die Einigung zum neuen Hilfspaket für Griechenland?

Es ist nicht mehr als ein Formelkompromiss. Es ist zwar gut, dass sich der Internationale Währungsfonds (IWF) mit seiner Expertise beteiligen will. Allerdings fehlt die Beteiligung des IWF mit eigenem Geld. Ich bin der Meinung, dass Griechenland weitere Unterstützung braucht, wenn das dritte Hilfsprogramm 2018 ausläuft. Griechenland braucht ein viertes Hilfsprogramm, auch wenn diese griechische Regierung das ablehnt. Sonst wird 2018 der alte Schlendrian wieder einkehren.

Hat denn Griechenland überhaupt eine Chance, aus eigener Kraft wieder auf die Beine zu kommen?

Ja. Sobald man die Marktkräfte entfesselt, finden sie ihren Weg. Griechenlands Wirtschaft war staatlich dominiert, bevor die Reformen eingeleitet wurden, fast wie ein sozialistisches Land. Wenn man die Staatsquote senkt und Teile der Wirtschaft privatisiert, kehrt das Wachstum zurück und den Leuten geht es wieder besser.

Wieviel Sorgen müssen wir uns um Italien machen?

Italien ist das größte Sorgenkind Europas. Das politische System in Italien ist zu verkrustet. Die Misere fing schon in den 80er-Jahren an. Das Land hat sich viel zu stark verschuldet und immer wieder seine Währung abgewertet. Das geht natürlich in der Euro-Zone nicht mehr. Und so dümpelt das Land vor sich hin. Die Italiener werden immer ärmer. Die Armut frisst sich mittlerweile sogar bis in die Mittelschicht hinein. Und die Wirtschaftsprobleme setzen sich vom Süden bis in den Norden fort. Das führt am Ende dazu, dass das Bankensystem die Belastung durch faule Kredite nicht mehr tragen kann. Und der Staat kann angesichts seiner hohen Verschuldung nicht mehr für das Bankensystem einspringen.

Braucht Italien also Hilfe von außen?

Ja, wenn die Umsetzung von Reformen nicht bald gelingt, muss Italien den Antrag auf ein europäisches Hilfsprogramm stellen.

Bei uns in Deutschland wird derzeit im Wahlkampf viel über Gerechtigkeit geredet. Vor allem SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz sieht großen Nachbesserungsbedarf. Wie gerecht geht es in Deutschland zu?

Die Debatte läuft in die völlig falsche Richtung. Es gibt keine großen sozialen Schieflagen in Deutschland. Wir haben ein gut funktionierendes Umverteilungssystem. Und die Ungleichheit wird auch nicht größer, wie immer behauptet wird, sondern bleibt konstant.

Wo sehen Sie die größte Ungerechtigkeit in Deutschland?

Wir müssen die soziale Mobilität erhöhen. Kinder aus bildungsfernen Familien brauchen bessere Aufstiegschancen. Dafür muss man nicht die Bildungsausgaben erhöhen, sondern diese Kinder gezielt fördern.

Ist die Kritik an den deutschen Exportüberschüssen eigentlich berechtigt?

Nein. Unser Exportüberschuss ist das Resultat von Marktentscheidungen. Da sollte man nicht versuchen, gegenzusteuern. Wir sollten uns durch die Kritik von außen nicht in der Ausrichtung unserer Wirtschaftspolitik beirren lassen.

Fragen: Thomas Domjahn

Zur Person

  • Lars Feld wurde 1966 in Saarbrücken geboren. Nach dem Abitur studierte er Wirtschaftswissenschaften in Saarbrücken und St. Gallen. Seit 2010 ist er Professor für Wirtschaftspolitik und Ordnungsökonomik an der Universität Freiburg und gleichzeitig Leiter des Walter Eucken Instituts. 2011 wurde er vom damaligen Wirtschaftsminister in den Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung berufen.
  • Das Interview fand am Rande eines Vortrags von Lars Feld zum Thema „Was nun Europa?“ an der Volkshochschule Konstanz statt. (td)

Rat für die Politik

  • Die Gründung: Der „Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung“, wie der Rat der Wirtschaftsweisen offiziell heißt, wurde 1963 ins Leben gerufen. Sein gesetzlicher Auftrag besteht darin, die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in Deutschland zu beurteilen.
  • Mitglieder: Der Sachverständigenrat besteht aus fünf Ökonomen. Neben Lars Feld sind Christoph Schmidt (Universität Bochum), Peter Bofinger (Universität Würzburg), Isabel Schnabel (Universität Bonn) und Volker Wieland (Universität Frankfurt) Mitglieder im Sachverständigenrat.
  • Gutachten: Jedes Jahr im November überreichen die fünf Wirtschaftsweisen der Bundesregierung ihr Herbstgutachten mit wirtschaftspolitische Empfehlungen. (td)