Deutschlands drittgrößter Energieversorger EnBW bricht zu neuen Ufern auf und will Windräder in Asien bauen. "Erstmals" nehme man bei der Windkraft "außereuropäische Märkte ins Visier", teilte das Karlsruher Unternehmen am Montag mit. Zusammen mit zwei Partnern will der Energieversorger, der je knapp zur Hälfte im Besitz vom Land Baden-Württemberg und neun oberschwäbischen Landkreisen ist, bis zum Jahr 2024 Windparks mit einer Leistung von maximal 2000 Megawatt in Taiwan bauen. Rein rechnerisch entspricht das rund 250 Windrädern neuester Bauart.

Zu diesen Zweck habe sich EnBW mit je 37,5 Prozent an drei Projektentwicklungsgesellschaften beteiligt, die im taiwanesischen Energiegeschäft tätig sind, hieß es. Um die Projekte bis zur Baureife zu entwickeln, stehen bei der EnBW Mittel im niederen dreistelligen Millionenbereich zur Verfügung.

Für die EnBW markiert der Schritt, dem noch die Kartellbehörden zustimmen müssen, eine Zäsur. Der im Zuge der Energiewende und des Kernkraftausstiegs der Bundesregierung ins Schlingern geratene Großversorger hatte sich in den vergangenen Jahren von Firmenbeteiligungen in Milliardenhöhe – insbesondere von Kraftwerken im Ausland – getrennt. So verkaufte man beispielsweise Meiler in Polen und Ungarn. Dahinter steckte die Strategie, sich auf den Kernmarkt in Deutschland zu beschränken.

Bei erneuerbaren Energien streckt der baden-württembergische Staatskonzern, allerdings schon seit längerem die Fühler Richtung Ausland aus. Seit 2009 ist man beispielsweise in der Türkei mit dem heimischen Partner Borusan im Windkraftgeschäft an Land aktiv. Erst im vergangenen Jahr wurden Pläne bekannt, mit dem dänischen Branchenriesen Dong Energy mehrere Windfelder in der Nordsee zu bauen – eines davon soll ganz ohne staatliche Förderung ab Mitte des kommenden Jahrzehnts Strom für Zehntausende Haushalte liefern. "Mit dem Einstieg in die Projektentwicklung in Taiwan schlagen wir das nächste Kapitel im Rahmen unserer Off-Shore-Aktivitäten auf", sagte EnBW-Windkraft-Verantwortliche Dirk Güsewell. Die in Jahren auf dem deutschen Markt erlangte Expertise wolle man nun "exportieren".

Hintergrund ist, dass in Europa fast ausschließlich in Deutschland und Großbritannien große Windkraftfelder vor den Küsten stehen beziehungsweise geplant sind. Ein Großteil des weltweiten Wachstums im Markt wird nach Branchenprognosen in Asien, aber auch in Nordamerika stattfinden.

In deutschen Gewässern betreibt die EnBW bereits zwei große Windparks in der Ostsee. In der Nordsee sollen im kommenden Jahr zwei weitere in Betrieb gehen. Insgesamt will der Konzern bis 2025 fünf Milliarden Euro in den Ausbau erneuerbarer Energien stecken. Gleichzeitig soll die Abhängigkeit von fossilen Meilern drastisch sinken. Bereits 2020 sollen erneuerbare Energien mit 700 Millionen Euro pro Jahr doppelt so viel Gewinn (bereinigtes Ebitda) einfahren wie klassische Großkraftwerke.

"Auch mit den USA und Kanada werden wir uns intensiv befassen"

Dirk Güsewell ist bei der EnBW verantwortlich für den Windenergieausbau. In Hamburg führt er ein Team von 130 Windkraft-Spezialisten.

Herr Güsewell, warum baut die EnBW Windräder in Taiwan?

Ähnlich wie Deutschland will Taiwan bis 2025 aus der Kernkraft aussteigen. Erneuerbare Energien sollen die Lücke schließen. Taiwan setzt hier vor allem auf Off-Shore Windenergie. Wir haben nicht den Anspruch, überall auf der Welt Windräder zu bauen, sondern wir suchen uns gezielt die für uns interessantesten Märkte aus. Dazu gehört neben Taiwan auch die Türkei. Auch die USA oder Kanada sind Länder,mit denen wir uns mit Blick auf die Off-Shore-Windkraft 2018 noch intensiver befassen werden.

Ist Deutschlands Markt nicht attraktiv?

Doch schon, aber die Wachstumschancen sind im Ausland ganz andere. In Deutschland sollen werden zwischen 2021 und 2025 jährlich nur gerade mal noch 780 Megawatt pro Jahr an Off-Shore-Windkraft neu gebaut werden dürfen. Im Ausland ist das Neubaupotential viel höher, und damit steigen auch die Chancen, bei den Projekten zum Zug zu kommen.

Gibt eine neue Regierung Impulse?

Die Aussagen dazu im Koalitionsvertrag sind grundsätzlich ermutigend. Allerdings ist die Frage, in wie weit die Pläne auch umgesetzt werden können. Ob wirklich frische Wachstumsimpulse kommen, ist aus unserer Sicht daher derzeit noch unsicher.

Fragen: Walther Rosenberger