Die langfristige Gestaltung der Rentenversicherung hat für die Lebensplanung vieler Menschen eine erhebliche Bedeutung: Wie sollen das Rentenniveau und die Altersgrenze für den Rentenbezug an die demografische Entwicklung angepasst werden? Der Koalitionsvertrag von CDU/CSU und SPD ist dazu auffällig einsilbig: Bis 2025 sollen das Rentenniveau nicht unter 48 Prozent fallen und der Beitragssatz nicht über 20 Prozent steigen. Das klingt zwar beruhigend, hat aber zwei Haken: Erstens wird, wenn die Beiträge nicht ausreichen, die neuen Wohltaten wie Grundrente und Mütterrente zu finanzieren, die Rechnung an den Steuerzahler weitergereicht, der heute schon jährlich fast 100 Milliarden Euro zur Rentenversicherung beisteuert und der dann zunehmend auf andere wichtige öffentliche Leistungen verzichten muss.

Zweitens ist 2025 nicht mehr fern, und die Koalitionäre legen sich nicht fest, wie es danach weitergeht, wenn sich das Zahlenverhältnis von Alten zu Jungen in Deutschland dramatisch erhöht. Insbesondere muss den heute 40-bis 50-Jährigen dringend reiner Wein eingeschenkt werden, wie es nach 2031 mit der Altersgrenze weitergeht: Bleibt sie bei 67 Jahren oder wird sie weiter erhöht, falls die Lebenserwartung weiter steigt? Eine automatische Anpassung des Rentenalters an die Lebenserwartung gilt zum Beispiel in den Niederlanden; dort wurde sie von allen großen Parteien im Parlament getragen. Bei uns soll eine Kommission dazu bis 2020 Vorschläge unterbreiten. Man kann jetzt schon absehen, dass der politische Streit dann richtig losgeht und den Wahlkampf 2021 bestimmen wird.

Gerade eine Erhöhung der Altersgrenze beinhaltet politischen Zündstoff. Der sprichwörtliche „Dachdecker, der mit 67 noch auf dem Dach herumklettern soll“, wird auch in Zukunft die Debatten in den Talkshows beherrschen. Und das nicht einmal zu Unrecht: Viele Berufe sind körperlich belastend und dazu noch gering entlohnt. Bis 67 oder länger zu arbeiten, erscheint den Betroffenen als eine unerträgliche Zumutung; früher aufzuhören, bedeutet Abschläge bei der Rente und drohende Altersarmut. Die in Berlin regierenden Parteien versuchen, dieser Zwickmühle auszuweichen. Wenn die Belastungsgrenze für die Beitragszahler erreicht ist, müssen eben die Steuerzahler ran – aber auch die gehören überwiegend der jüngeren Generation an. Wie man es dreht und wendet: Rentenpolitik ist die Hoffnung, dass die nachwachsenden Generationen alle Lasten geduldig tragen, die man ihnen aufbürdet.

Altersarmut ist jedoch kein Problem der durchschnittlichen Rentenhöhe, sondern droht vor allem Geringverdienern. Forscher des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) in Berlin haben zudem gerade ausgerechnet, dass Menschen aus den obersten 10 Prozent der Einkommensverteilung 7 Jahre länger leben als die untersten 10 Prozent. Geringverdiener bekommen also nicht nur absolut, sondern auch im Verhältnis zu ihren Beiträgen im Durchschnitt weniger Rente ausgezahlt, weil sie kürzer leben als Besserverdiener. Was daher helfen würde, wäre eine Änderung der Rentenformel mit einer Aufwertung der Rentenansprüche bei geringem Einkommen, die die kürzere Bezugsdauer der Renten ausgleicht. Sie würde es den Betroffenen ermöglichen, früher aus dem Erwerbsleben auszuscheiden und dennoch eine ausreichende Rente zu erhalten. Damit würde das Rentensystem gerechter, die Altersarmut würde reduziert und zugleich würden zukünftige Generationen entlastet.

Der Verfasser lehrt Wirtschaftspolitik an der Universität Konstanz und ist Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats beim Bundeswirtschaftsministerium