Ob auf der Landstraße, der Autobahn oder im Stadtverkehr – in Sekundenschnelle kann es zu einem Unfall kommen. Die Aufnahme des Zusammenstoßes ist dann Sache der Polizei. Doch nicht nur die Beamten haben ein Interesse daran, die genauen Unfallhergänge zu untersuchen. Auch die deutschen Automobilhersteller entsenden in einigen Fällen spezielle Ermittler, um sich bei Zusammenstößen im Straßenverkehr ein Bild von den beschädigten Fahrzeugen zu machen. Diese Teams von Unfallforschern untersuchen jede Kleinigkeit der betroffenen Autos, um künftig für mehr Sicherheit zu sorgen.

Einer von ihnen ist Heiko Bürkle von der Daimler AG. Seit 2001 leitet er die Unfallforschung beim schwäbischen Automobilhersteller, zehn Jahre lang ist er selbst zu Unfallstellen und beschädigten Fahrzeugen rausgefahren. Sein Ziel: Erkenntnisse aus Unfällen ziehen, an denen aktuelle Mercedes-Benz-Modelle beteiligt sind. 

Leitet die Unfallforschung bei der Daimler AG: Heiko Bürkle.
Leitet die Unfallforschung bei der Daimler AG: Heiko Bürkle. | Bild: Daimler AG

Dafür müssen jedoch gewisse Voraussetzungen vorliegen. Eine davon ist der Unfallort. Dieser muss in einem Umkreis von 200 Kilometern von Sindelfingen liegen – ansonsten wird die zurückzulegende Stecke zu groß, erklärt Bürkle. Eine weitere ist die Zustimmung des jeweiligen Fahrzeughalters, dessen Autos die Experten unter die Lupe nehmen wollen.

Informiert werden die Forscher von der Polizei, die bei Unfällen mit aktuellen Mercedes-Modellen die Erlaubnis der Fahrzeughalter einholen. Möglich mache das eine Kooperation mit dem Innenministerium des Landes Baden-Württemberg, erklärt der 53-Jährige.

Die frühen Anfänge der Mercedes-Unfallforschung im Jahr 1969.
Die frühen Anfänge der Mercedes-Unfallforschung im Jahr 1969. | Bild: Daimler AG

Sollte die Unfallforschung kontaktiert werden, entscheiden die Experten anhand der Datenlage, ob sie ausrücken. Rund 100 Mal pro Jahr kommt dies vor. Gründe können schwere Unfälle mit Verletzten oder besondere Auffälligkeiten beim Unfallhergang sein.

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Das betroffene Fahrzeug wird dann meist in einer Werkstatt und nicht am Unfallort selbst akribisch untersucht. „Wir sind nur in maximal fünf Prozent der Fälle direkt an der Unfallstelle“ erklärt der Experte. Das sei aber nicht hinderlich und liege vor allem an den Distanzen, so Bürkle. Bauteil für Bauteil wird von den Ermittlern genau durchleuchtet. Dabei wird auch überprüft, ob die Sicherheitssysteme, wie zum Beispiel der Gurtstraffer, reibungslos funktioniert haben – oder ob die Person gar nicht angeschnallt war.

Anhand von Abriebsspurenam Gurt können die Experten überprüfen, ob der Gurtstraffer funktioniert hat – und ob die Person angeschnallt war.
Anhand von Abriebsspurenam Gurt können die Experten überprüfen, ob der Gurtstraffer funktioniert hat – und ob die Person angeschnallt war. | Bild: Daimler AG

Könnten Heiko Bürkle und sein Team also auch feststellen, wer Schuld an einem Unfall hat? Könnten sie, sagt der Experte. Aber: „Wer Schuld hat, interessiert uns nicht“, stellt Bürkle klar. Für die Unfallforscher gehe es nämlich nicht um die Schuldfrage, sondern nur um die Fahrzeugsicherheit. Deshalb erstelle man auch keine Unfallgutachten. Die gewonnen Erkenntnisse werden folglich nicht herausgeben.

Daimler ist aber längst nicht der einzige Automobilhersteller, der Unfallfahrzeuge genauer unter die Lupe nimmt. Auch die BMW Group betreibt seit Jahrzehnten eine eigene Unfallforschung. „Seit 1984 werden der BMW-Unfallforschung Verkehrsunfälle durch die Bayrische Polizei gemeldet“, erklärt ein Konzernsprecher. Circa 50 bis 100 Fälle bearbeiten die Unfallermittler der BMW Group in Deutschland. „Die Zahl variiert von Jahr zu Jahr“, so der Sprecher.

Auch andere Automobilhersteller forschen

Auch Volkswagen und die Volkswagen-Tochter Audi analysieren Unfallfahrzeuge. „Seit 1999 arbeiten wir eng mit den Behörden und der Polizei in Niedersachsen zusammen, um selbst zu den Unfällen rauszufahren“, teilt ein VW-Sprecher mit. Seit 2000 habe man eine Rufbereitschaft, die das ganze Jahr rund um die Uhr zu Crashs fahren kann.

Kooperation mit Universitätsklinikum

Tochter Audi hat sogar eine besondere Kooperation. Unter dem Titel AARU (Audi Accident Research Unit) arbeiten die Unfallforscher der Audi AG mit dem Universitätsklinikum Regensburg zusammen, um auch medizinische Erkenntnisse aus Unfällen gewinnen zu können. Rund 80 Fälle untersucht die AARU nach Auskunft eines Audi-Sprechers pro Jahr.

Mit den Bemühungen, da sind sich die Hersteller einig, wolle man Unfallverletzungen weiter minimieren. Denn, das weiß auch Heiko Bürkle, Unfälle können die Ermittler mit ihrer Arbeit nicht komplett verhindern. „Aber wir können die Folgen verbessern.“