Mitten bei einer Geschwindigkeit von 50 Kilometer pro Stunde läuft plötzlich ein Kind vors Auto – mit quietschenden Reifen kommt das Fahrzeug gerade noch rechtzeitig zum Stehen. Dabei hat der Fahrer gar nicht reagiert. Das Fahrzeug selbst hat innerhalb weniger Sekunden die Reißleine gezogen und eine Notbremsung eingeleitet.

Immendingen ist wichtiger Baustein

Verletzt worden wäre in jedem Fall niemand, denn die beschriebene Situation war nur ein Testlauf, das vermeintliche Kind eine Dummypuppe. Die Vorführung des Aktiven Brems-Assistenten, der im Notfall für den Mensch einspringen kann, fand auf der erst im vergangenen Jahr offiziell eröffnete Prüf- und Teststrecke von Daimler in Immendingen statt. Diese ist mittlerweile ein entscheidender Baustein bei der Entwicklung von Fahrassistenzsystemen.

3275 Unfalltote im Jahr 2018

Denn Situation wie die in Immendingen simulierte sind es, die im Alltag häufig vorkommen. Laut dem Statistischen Bundesamt ist menschliches Fehlverhalten im vergangenen Jahr die häufigste Unfallursache mit Verletzten. Zwar war die Zahl getöteter Fußgänger mit 458 Verunglückten im Vergleich zu 2017 rückgängig, dafür stieg die Anzahl getöteter Radfahrer um 16,5 Prozent an – von 382 auf 445. Insgesamt starben 2018 3275 Menschen auf Deutschlands Straßen.

Menschliches Fehlverhalten oftmals die Ursache

Die Liste der Unfallursachen liest sich wie eine ungewollte Werbung für die Fahrassistenzsysteme, die die Fahrzeughersteller wie zum Beispiel Daimler, BMW, Audi und Tesla in ihre Flotte einbauen: Fehler beim Abbiegen, beim Wenden, beim Rückwärtsfahren sowie mangelnder Abstand auf Vorausfahrende und das Missachten der Vorfahrt stehen ganz oben. Situationen, die laut Jochen Haab, der unter anderem für die Assistenzsysteme im Prüf- und Technologiezentrum (PTZ) in Immendingen zuständig ist, durch intelligentes Zusammenspiel von Radar und Kameras in Fahrzeugen verhindert werden können.

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Dass es sich dabei nicht nur um Wunschdenken handelt, sondern schon Teil der Gegenwart ist, zeigen weitere Versuche auf dem Prüfgelände. Ein Radfahrer nähert sich einer rückwärts ausparkenden Mercedes B-Klasse. Das Fahrzeug bremst ohne zutun der Fahrerin sofort ab, bevor es zur Kollision kommt. War der Radfahrer für die Insassen des Autos aufgrund versperrter Sicht kaum zu sehen, hat das Radar ihn automatisch erkannt.

Das Auto als Korrektiv

Das Eingreifen des Fahrzeugs ist in den meisten Fällen aber nur die letzte Konsequenz in einer Reihe von Sicherheitsmaßnahmen, die zuvor schon greifen, erklärt Jochen Haab. In vielen Szenarien warnen bereits Anzeigen in der Konsole und akkustische Signale den Fahrer vor dem drohenden Zusammenprall. Meist reiche das schon aus, um den Fahrer zum Reagieren zu bewegen, so Haab. Wenn nicht, greife der Aktive Brems-Assistent selbstständig ein. Das Auto also als unterstützendes Korrektiv, wenn der Fahrer nicht in der Lage ist, rechtzeitig zu handeln.

Luftaufnahme des Daimler Prüf- und Technologiezentrums in Immendingen.
Luftaufnahme des Daimler Prüf- und Technologiezentrums in Immendingen. | Bild: Daimler AG

Und die Funktionen sollen künftig besser werden. Ein Punkt in der zukünftigen Entwicklung: Die Intentionserkennung. „Jeder Fußgänger beugt sich nach vorne, wenn er läuft und um einen Schritt zu machen“, sagt Jochen Haab. Das Auto soll künftig nicht nur reagieren, wenn eine Person vor dem Auto steht oder davor läuft, sondern auch dann, wenn es eine Person wahrnimmt, die gleich die Fahrbahn betreten könnte.

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Falschauslösungen sind gefährlich

Dabei muss das Fahrzeug die Intention des Fußgängers anhand von Bewegung und Körperhaltung verstehen, denn nur eine Person am Straßenrand soll schließlich keine Vollbremsungen auslösen. „Solche Falschauslösungen gilt es unbedingt zu vermeiden“, betont Jochen Haab. Das gefährde im Zweifel den rückläufigen Verkehr und kann dann unnötige Auffahrunfälle provozieren, so der Leiter der Assistenzsysteme. Die Intentionserkennung, darauf weist Haab ausdrücklich hin, sei jedoch noch Zukunftsmusik.

Damit dies aber nicht so bleibt, dabei ist das Prüf- und Technologiezentrum in Immendingen eine Hilfe. Hier können Entwickler testen, was sie zuvor in Simulationen am Computer berechnet haben – oder sich von einem anderen Ausgang überraschen lassen. Denn auch wenn vorher bis zu einem hohen Reifegrad simuliert wird, können Tests unter reellen Bedingungen zu anderen Ergebnissen führen, weiß Jochen Haab. „Wir gehen hier bei den Tests an die Grenze und darüber hinaus.“

Fahrzeug-Dummys auf mobilen Plattformen sollen fließenden Verkehr simulieren.
Fahrzeug-Dummys auf mobilen Plattformen sollen fließenden Verkehr simulieren. | Bild: Daimler AG

Dabei kann auch mal etwas schiefgehen. „Personenschäden gab es aber noch keine, fügt Reiner Imdahl, Leiter des Standorts Immendingen, hinzu. „Wir fahren hier ohne Käfig zum Schutz der Fahrer mit normalen Serienfahrzeugen, so wie der Kunde auch.“ Dummys nehmen die Rolle der Fußgänger, Radfahrer oder anderer Verkehrsteilnehmer ein. Die Modelle, die Fahrzeugen verschiedener Bauart nachempfunden sind, sind auf kleine quadratische Plattformen montiert. Mit bis zu 80 Kilometer pro Stunde können diese einen fließenden Verkehr simulieren. Kostenpunkt dieser robusten Plattformen: „Sie haben einen Wert von einer sehr gut ausgestatteten E-Klasse“, schmunzelt Haab.

„Ein riesiger Spielplatz für Entwickler“
Markus Steinbrücker, Entwickler „Intelligent Drive“ bei Daimler

Wie umständlich das Testen noch vor der Eröffnung der Immendinger Teststrecke waren, wissen die Entwickler Tobias Börner und Markus Steinbrücker. Zuvor mussten die Autos und das Material nach Italien oder Spanien geflogen werden, um dort auf eine geeignete Teststrecke zu gehen, erinnert sich Markus Steinbrücker. Dies sei neben der Umständlichkeit auch Nachteil gewesen, wenn man nach Ankunft recht früh merkt, dass falsche Einstellungen existieren oder der Testlauf nicht wie geplant funktioniere.

Nun könne man Änderungen spielerisch ausprobieren. Einprogrammiert und rauf auf die Teststrecke – und aus den gewonnen Daten direkt die Erkenntnisse ziehen. „Das ist Gold wert“ und motiviere enorm, Dinge auszuprobieren, erklärt Tobias Börner. „Es ist ein riesiger Spielplatz für Entwickler“, schwärmt sein Kollege Markus Steinbrücker, während ein paar Meter weiter ein Mercedes mit quietschenden Reifen einen Auffahrunfall in ein simuliertes Stauende vermeidet. Wieder selbstständig, ganz ohne den Fahrer.