Ex-Bundesaußenminister Sigmar Gabriel hat gute Chancen, neuer Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA) zu werden, des wohl mächtigsten Industrieverbands der Republik. Ein Sozi als Cheflobbyist der Auto-Industrie? Bevor jetzt reflexhaft olle Kamellen wie das sprichwörtliche Zitat vom „Genossen der Bosse“ aufgewärmt werden, lohnt sich der Blick auf die Realitäten.

Gabriel kenn die Autobranche aus dem Effeff

Die deutsche Autobranche ist die Schlüsselindustrie schlechthin im Land. Und sie steht vor den wohl größten Herausforderungen der Nachkriegsgeschichte. E-Mobilität, autonomes Fahren und auch der Dieselskandal haben die Unternehmen erschüttert. Der Vorsprung der deutschen Autobauer ist weg. Im Moment fahren sie hinterher. In dieser Phase braucht die Branche eine starke Vertretung, auch in die Politik hinein. Der bisherige VDA-Chef Bernhard Mattes war mit dieser Aufgabe von Anfang an überfordert, Gabriel ist ihr gewachsen. Er war Umwelt- und Wirtschaftsminister, und als langjähriger Aufsichtsrat von Volkswagen, kennt er die Branche von innen. Wer, wenn nicht er, sollte den Job machen?

Die Abklingphase hat er hinter sich

Zumal er mit dem Schritt nicht gegen die allgemeinen Verhaltensregeln für Politiker beim Wechsel in Verbandspositionen verstoßen würde. Wenn er das Lobby-Amt übernimmt, wird er sein Bundestagsmandat längst abgegeben haben und die übliche Abklingphase für Minister beim Wechsel in die Wirtschaft ist bei ihm lange vorbei.

Bärendienst für die SPD?

Ob er mit dem Schritt allerdings seiner Partei, der SPD, einen Dienst erweist, steht auf einem anderen Blatt. Einige kritische Reaktionen aus der SPD legen nahe, dass das Gegenteil der Fall sein wird. Allzu viel Rücksichtnahme kann die Partei aber auch nicht erwarten. Ihren Frieden mit dem einstigen Parteivorsitzenden hat sie nie gemacht.