Es soll die Leistung der Beschäftigten im Jahresverlauf honorieren und kurbelt ganz nebenbei die Konjunktur zum Jahresende kräftig an: Das Weihnachtsgeld. Aber lange nicht alle Beschäftigten erhalten es. Die Energie- und Pharmabranche zahlt die sattesten Beträge aus. Ein Überblick, was Mitarbeiter in der Region von ihren Unternehmen erwarten können.

  • Autozulieferer: IMS Gear aus Donaueschingen zahlt seinen Mitarbeitern im November gemäß Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie ein Weihnachtsgeld von bis zu 60 Prozent des Brutto-Monatseinkommens. „Auszubildende erhalten ein Weihnachtsgeld in Höhe von 60 Prozent ihrer monatlichen Brutto-Ausbildungsvergütung“, sagt eine IMS-Verantwortliche. IMS Gear, das Komponenten für Servolenkungen, Sitzverstellungen und Bremsen herstellt, hat weltweit 3400 Mitarbeiter, davon in Donaueschingen 1260, in Trossingen 160 und in Villingen-Schwenningen 220. Ähnlich verfährt der Automobilzulieferer

    ZF Friedrichshafen. „Die ZF-Stammbeschäftigten erhalten ein Weihnachtsgeld in Höhe von 25 bis 60 Prozent eines Bruttomonatsgehalts, wobei sich die Höhe an der Dauer der Betriebszugehörigkeit sowie am jeweiligen Tarifgebiet orientiert“, teilt ein ZF-Sprecher mit. ZF beschäftigt in Deutschland 50.800 Mitarbeiter, davon 9400 in Friedrichshafen.
  • Der Mechatronikspezialist Marquardt aus Rietheim zahlt seinen 2500 im Landkreis Tuttlingen Beschäftigten Weihnachtsgeld laut Haustarifvertrag, in der Regel 60 Prozent eines Brutto-Monatsverdienstes. Das gilt auch für Azubis.
  • Auch beim Eisenguss-Spezialisten Fondium, der früher zu Georg Fischer gehörte und in Singen gut 1000 Mitarbeiter beschäftigt, erhält die Stammbelegschaft Weihnachtsgeld nach dem Tarifvertrag der Metall- und Elektroindustrie. „Leiharbeiter werden vom Verleiher bezahlt“, erklärt Geschäftsführer Achim Schneider.
  • Motorenbau: Bei Rolls-Royce Power Systems (RRPS) bekommen über 90 Prozent der Mitarbeiter an den deutschen Standorten Weihnachtsgeld gemäß dem jeweils gültigen Tarifvertrag. „Das sind, abhängig von der Betriebszugehörigkeit, zwischen 30 und 60 Prozent eines Monatsgehalts“, sagt RRPS-Personalchefin Alexandra Kuebler. Kein Weihnachtsgeld erhalten Praktikanten und Mitarbeiter in Altersteilzeit. RRPS beschäftigt in Deutschland 6300 Mitarbeiter, davon 5600 in Friedrichshafen.
  • Softwarebranche: Die Radolfzeller Softwareschmiede Sybit zahlt ihren Mitarbeitern kein Weihnachtsgeld. „Stattdessen gibt es einen jährlichen Unternehmensbonus für alle Mitarbeiter, der die Chance auf eine höhere Einmalzahlung als das Weihnachtsgeld bietet“, teilt eine Sprecherin mit. Außerdem zahle das Unternehmen, das in Radolfzell gut 200 Mitarbeiter beschäftigt, ganzjährig Zuschüsse, unter anderem zur Betriebsrente, fürs Fitness-Studio und zu Kindergarten- und Betreuungskosten.

    Auch Coliquio, ein digitales Netzwerk für Ärzte, das in Konstanz 80 Mitarbeiter beschäftigt, zahlt seinen Mitarbeitern kein Weihnachtsgeld. „Unsere Philosophie ist es, unseren Teams ganzjährig ein Umfeld zur Verfügung zu stellen, in dem sie jeden Tag motiviert arbeiten können“, sagt eine Sprecherin. Dazu zählen unter anderem Zuschüsse zur Betriebsrente, zur Kinderbetreuung oder zum Fahrrad-Leasing.
  • Luftfahrt und Verteidigung: Der Bodenseeraum ist eines der Kraftzentren der deutschen Luftfahrt- und Verteidigungsbranche. Allein Airbus in Immenstaad beschäftigt am größten Satellitenstandort des Landes 2250 Menschen, deutschlandweit sind es 46.000. Diese bekommen laut Tarifvertrag 60 Prozent eines Monatsgehalts als Weihnachtsgeld. Das Weihnachtsgeld für Leiharbeiter richtet sich nach den dort gültigen tariflichen Bestimmungen.

    Ähnlich sieht es bei Diehl Defence in Überlingen aus. Auch dort erhalten die rund 950 Mitarbeiter Weihnachtsgeld laut IG-Metall-Tarif. In Deutschland beschäftigt das Rüstungsunternehmen 2500 Mitarbeiter.
  • Energieversorger: Die Energiebranche ist bekannt für üppige Tarifregelungen. Die gut 19.600 EnBW-Mitarbeiter erhalten, sofern sie dem Verdi-Tarif der Energiebranche unterliegen, Ende November Weihnachtsgeld „in Höhe einer Monatsvergütung“, wie eine EnBW-Sprecherin sagt. Knapp 400 EnBWler arbeiten in der Bodenseeregion für den Konzern.

    Auch die Stadtwerke Konstanz haben eine entsprechende Regelung. Die Stadtwerke Singen zahlen nach Angaben eines Sprechers ein „kombiniertes Weihnachts- und Urlaubsgeld“, das für untere Lohngruppen bis zu 80 Prozent eines Monatsbruttos beträgt.
  • Bau, Pharma und Medizintechnik: 1450 Mitarbeiter beschäftigt der Pharmariese Roche an seinem Produktionsstandort in Grenzach am Hochrhein. Die Tarif-Mitarbeiter dort haben mit dem Novembergehalt 95 Prozent eines Monatsbruttos als Weihnachtsgeld extra auf dem Konto. Außertariflich beschäftigte bekommen gar ein ganzes Monatsgehalt oben drauf.

    Über einen gleich hohen Betrag dürfen sich die Tarifmitarbeiter bei Takeda freuen. In in Singen und Konstanz beschäftigt der Japan-Konzern 1120 Mitarbeiter.

    Beim Skalpellspezialisten Aesculap in Tuttlingen gibt es laut IG-Metall-Tarif an Weihnachten bis zu 60 Prozent eines Gehalts obendrauf. Am Stammsitz beschäftigt der Traditionskonzern 3600 Menschen.

    Der Aesculap-Konkurrent Karl Storz aus Tuttlingen ließ eine Anfrage dieser Zeitung unbeantwortet. Karl Storz ist nicht tarifgebunden.

    Beim Stühlinger Baustoffexperten Sto, der seine 2100 Mitarbeiter in Deutschland nach Chemietarif bezahlt, gibt es 95 Prozent eines Gehalts als Weihnhachtsgeschenk. Wenn das Geschäft bei dem Familienunternehmen gut läuft, kann nach Angaben eines Sto-Sprechers aufgestockt werden.
  • Lebensmittelbranche: Beim Radolfzeller Lebensmittelhersteller Hügli, der in Radolfzell 725 Mitarbeiter beschäftigt, gilt ein Haustarifvertrag. Demnach bekommen alle Mitarbeiter, die mindestens sechs Monate beschäftigt sind und in einem ungekündigten Arbeitsverhältnis stehen, ein Weihnachtsgeld in Höhe des 1,1-fachen Bruttomonatsgehaltes, erklärt der Deutschland-Chef von Hügli, Endrik Dallmann. Ausgezahlt wird das Weihnachtsgeld mit dem Novembergehalt.

Manche freuen sich über fast 5600 Euro vom Chef unter dem Weihnachtsbaum

  1. Wer bekommt Weihnachtsgeld?
    Viele Arbeitnehmer in Deutschland haben es längst eingeplant: Das jährliche Weihnachtsgeld. Insbesondere Tarifbeschäftigte können sich auf das Extra zum Jahresende verlassen, wie das Statistische Bundesamt berichtet. Knapp neun von zehn Tarif-Beschäftigten (86,9 Prozent) erhalten in diesem Jahr eine Sonderzahlung. Im Schnitt sind es 2632 Euro brutto – 1,9 Prozent mehr als im Vorjahr. 2018 hatte es ein Plus von 2,3 Prozent gegeben. Aus Sicht des WSI-Tarifexperten Malte Lübker stehen mit Tarifverträgen die Chancen ausgesprochen gut, das Extra zum Jahresende zu erhalten. „Fast durch die Bank bekommt man mit Tarifverträgen Weihnachtsgeld“, sagte der Experte des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI).
  2. Gibt es Unterschiede zwischen den Branchen? Zwischen einzelnen Branchen sowie zwischen Ost und West gibt es allerdings teils deutliche Unterschiede. In Westdeutschland bekommen Tarifbeschäftigte im Schnitt ein Zusatzplus von 2644 Euro, im Osten sind es 2547 Euro. Betrachtet man die Branchen, können sich Mitarbeiter in der Erdöl- und Erdgasgewinnung auf die höchste Sonderzahlung freuen. Sie bekommen 5780 Euro. Besonders wenig Weihnachtsgeld gibt es in der Landwirtschaft
    (492 Euro), bei Wach- und Sicherheitsdiensten (510) sowie in der Leiharbeit (318).
  3. Wer hat überhaupt Tarifverträge? Arbeitsmarktforscher sehen seit Jahren eine „schleichende Erosion“ der Tarifbindung. Nach jüngsten Daten des Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) arbeiteten im vergangenen Jahr 46 Prozent der Beschäftigten in Betrieben mit einem Branchentarif. Seit 1996 ist den Anteil den Angaben zufolge damit bundesweit um 21 Prozentpunkte gesunken. Daneben gibt es noch Firmen- und Haustarifverträge. In Westdeutschland galten 2018 für acht Prozent der Beschäftigten solche auf Firmenebene ausgehandelten Regelungen, in Ostdeutschland für elf Prozent. Allerdings gilt dem IAB zufolge selbst in Unternehmen ohne Tarifbindung die jeweilige Branchenvereinbarung oft als Richtschnur für Löhne und Gehälter.
  4. Zählen Boni zum Weinhachtsgeld? Nicht selten steht das Extra unter dem Vorbehalt der Betriebstreue oder erreichter Erfolgsziele. Denn hinter dem Begriff Weihnachtsgeld verbergen sich Dinge wie Erfolgs- und Treueprämien, freiwillige Boni ebenso wie tariflich festgeschriebene Entgeltansprüche der Beschäftigten. Wissenschaftlich ausgewertet wurden 650 Branchen- und Firmentarifverträge. (dpa)