Zu Beginn des 18. Jahrhunderts kannten die Montagnais-Indianer keine Jagdbeschränkungen, jeder konnte so viel jagen, wie er wollte. Wegen des großen Wildbestands führte dies nicht zu Problemen. Als jedoch die Kolonialisten Biberpelze nachfragten, stieg der Wert der Biber so stark an, dass die einsetzende Intensivierung der Jagd zu einem Sinken der Population führte und die Biber fast ausstarben. Auf diese Story gründet der US-Ökonom Harold Demsetz die Theorie von Eigentums- oder Verfügungsrechten, die in der Volkswirtschaftslehre immer breiteren Raum einnehmen. Damit wird erklärt, dass in Europa die Allmende – die gemeinschaftlich genutzt Weidefläche – wegen zu vieler grasender Tiere Ödland wurde. Fehlende Eigentumsrechte führen zu Verschwendung und Umweltverschmutzung: Wenn Wasser und saubere Luft niemandem gehören und nichts kosten, werden sie verschwendet.

Verfügungsrecht wird sozialisiert

Verfügungsrechte können geändert werden. Erst kürzlich wurden die persönlichen Daten als Eigentum der Personen im Zuge der Datenschutzgrundverordnung sehr streng festgelegt. Demnächst soll das Verfügungsrecht über den Körper neu geregelt werden. Ich darf mich gesund ernähren oder ungesund, gefährliche Sportarten betreiben oder andere Schädigungen riskieren. Ich darf darüber bestimmen, ob nach meinem Tod Organe entnommen werden. Dieses Verfügungsrecht soll jetzt nach einem Vorschlag sozialisiert werden: Nach dem Hirntod darf demnach künftig die Klinik aus dem Körper nach Belieben Organe entnehmen. Mein Körper gehört dann nicht mehr mir, es sei denn, ich habe das ausdrücklich anders festgelegt. Das werden viele Bürger vergessen. Dann geht ihr Körper automatisch in die Verfügungsgewalt der Transplantationsmedizin über.

Man kann darüber ethische Überlegungen anstellen und argumentieren, dass so lebensspendende Organe sonst Erkrankten zur Verfügung gestellt werden können. Derzeit herrscht Knappheit an Transplantationsmaterial. Sicherlich hängt die Einstellung zu dieser Regelung davon ab, ob man gesund ist – oder händeringend auf einen Spender warten muss.

Die Nachfrage würde steigen

Die Überlegungen der Ökonomen gehen weiter – es geht um Folgen und Anreize, die mit einer Veränderung der Verfügungsrechte neu gesetzt werden. Kosten Organe nichts mehr und stehen sie praktisch unbegrenzt zur Verfügung, steigt die Nachfrage. Was billig ist, verdrängt andere Lösungen. Statt teurer Medikamente oder Prothesen ist es günstiger, Organe einzusetzen. Die medizinische Forschung schlägt dann eine andere Richtung ein. Wird der Markt mit billigen Organen überschwemmt, wird es schnell zum Missbrauch kommen, die bestehenden strengen Regeln angesichts der Flut von Angeboten schnell wirkungslos. Diese Veränderung der Verfügungsrechte kann auch positive Wirkungen haben: Transplantationen werden billiger, das spart Kassenbeiträge. Der Anreiz, schnell den Hirntod festzustellen, um an ein Organ zu kommen, entfällt.

Vor allem aber wird ein Grundprinzip eingerissen: Dass mein Körper mir gehört – auch über den Tod hinaus. Der Körper wird enteignet und verfügbar gemacht – mit fragwürdigen Anreizen über den einzelnen Fall hinaus.

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