Krankmachende Bakterien in Wurst und Milch, Kunststoffteilchen im Toastbrot: Nach den jüngsten Lebensmittel-Rückrufen streiten sich Politiker und Verbraucherschützer darüber, ob die Lebensmittelüberwachung tatsächlich so sicher ist, wie bislang angenommen. Darum geht es:

Das Kontrollsystem

Die Hauptverantwortung für die Sicherheit der Lebensmittel tragen die Betriebe selbst. Sie müssen die Qualität ständig kontrollieren und protokollieren. Werden Verunreinigungen bemerkt, müssen die Produkte vom Hersteller zurückgenommen und die Verbraucher gewarnt werden. Für unangekündigte externe Kontrollen sind die Lebensmittelüberwachungs- und Veterinärämter in den Städten und Landkreisen zuständig. Wie genau die Organisation und die Personalausstattung aussieht, obliegt den jeweiligen Bundesländern. Der Bund ist über das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit vor allem für die zentrale Koordinierung zuständig.

Der hessischen Wurst-Hersteller Wilke muss die Produktion von Wurstwaren wegen Listerien stoppen. Mindestens zwei Todesfälle werden damit in Verbindung gebracht. Foto: dpa
Der hessischen Wurst-Hersteller Wilke muss die Produktion von Wurstwaren wegen Listerien stoppen. Mindestens drei Todesfälle werden damit in Verbindung gebracht. | Bild: Uwe Zucchi

Die Kritik

Bei den häppchenweisen Rückrufen der keimbelasteten Wurst der Firma Wilke wurden zwei zentrale Schwachstellen im deutschen Kontrollsystem deutlich. Die erste: „Durch die dezentrale Organisation mit vielen Schnittstellen und Abstimmungen dauert es im Krisenfall einfach viel zu lange, bis die entsprechenden Maßnahmen eingeleitet werden können“, sagt Sabine Holzäpfel, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg. Vor allem, wenn es um Lebensmittelbetriebe geht, die überregional oder gar weltweit ihre Produkte vertreiben. „Bislang liegt die Verantwortung für die Überwachung immer auf kommunaler Ebene, egal ob es um den Bäcker vor Ort geht oder einen Großkonzern. Das ist einfach nicht zeitgemäß“, sagt Sabine Holzäpfel. Zumal es auf kommunaler Ebene rund 400 Behörden für die Lebensmittelkontrolle gibt, die alle unterschiedlich arbeiten und Rückrufe verschieden auslegen. „Das ist ein katastrophaler Flickenteppich“, sagt Dario Sarmadi, Sprecher bei der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch. In Krisenfällen sollte dem Bundesverband der Verbraucherschützer zufolge deshalb künftig der Bund die Verantwortung übernehmen.

Die zweite Schwachstelle liegt in den langen Lieferketten, welche die meisten Lebensmittel heute hinter sich haben, bevor sie im Supermarktregal liegen. „Eigentlich ist es EU-rechtlich vorgeschrieben, dass die Behörde genau nachvollziehen kann in welchen Supermarkt, in welche Kantine und in welchen Kindergarten eine Wurst verkauft wurde. Im Fall Wilke und bei früheren Skandalen hat man aber gesehen, dass die Rückverfolgbarkeit eben nicht möglich war“, sagt Dario Sarmadi, Sprecher bei der Verbraucherschutzorganisation Foodwatch.

Die Molkereien Deutsche Milchkontor DMK und Fude + Serrahn starten einen großen Rückruf von frischer, fettarmer Milch in Supermärkten und Discountern. Auch hier geht es um eine Belastung mit Bakterien, die krank machen können. Foto: dpa
Die Molkereien Deutsche Milchkontor DMK und Fude + Serrahn starten einen großen Rückruf von frischer, fettarmer Milch in Supermärkten und Discountern. Auch hier geht es um eine Belastung mit Bakterien, die krank machen können. | Bild: Christin Klose

Das Personal

In Deutschland gibt es aktuell 1,2 Millionen registrierte Lebensmittelbetriebe und 2500 Lebensmittelkontrolleure. Mindestens einmal im Jahr sollte jeder Betrieb kontrolliert werden. Betriebe, die Lebensmittel wie Wurst verarbeiten, bei denen Hygiene und Keime eine besondere Rolle spielen, sollten sogar monatlich und häufiger besucht werden. „Im letzten Jahr haben wir es mit unserem Personal geschafft, 41 Prozent der Betriebe entsprechend zu kontrollieren“, sagt Anja Tittes, Vorsitzende des Bundesverbandes der Lebensmittelkontrolleure. Beanstandet wurden rund 25 Prozent dieser Betriebe, meist wegen Verstößen gegen Hygiene-Vorschriften. Tittes zufolge mangelt es seit rund 15 Jahren massiv an Personal. „Viele Kommunen scheuen sich, die teure Ausbildung der Kontrolleure zu bezahlen. Und in der Lebensmittelkontrolle verdient man im Vergleich zu beruflichen Alternativen schlecht“, sagt Anja Tittes.

Aldi Nord kündigt eine Rückrufaktion für ein Toastbrot der Marke „Goldähren“ an, in dem sich Teile von Kunststoff finden könnten. Lieferant ist die Reineke-Brot GmbH aus Salzkotten. Foto: dpa
Aldi Nord kündigt eine Rückrufaktion für ein Toastbrot der Marke „Goldähren“ an, in dem sich Teile von Kunststoff finden könnten. Lieferant ist die Reineke-Brot GmbH aus Salzkotten. | Bild: Hans-Jürgen Wiedl

Die Zukunft

Die Zahl der Lebensmittel-Rückrufe hat sich seit 2012 mehr als verdoppelt: von 83 auf 186 Rückrufe im Jahr 2019. Das kann daran liegen, dass in den Betrieben tatsächlich mehr passiert, etwa weil aufgrund des immensen Kostendrucks in der ganzen Lebensmittelbranche Personal eingespart werden musste. „Vielleicht kontrollieren die Betriebe aber auch besser als früher und rufen deshalb mehr zurück“, sagt Dario Sarmadi, von der Verbraucherorganisation Foodwatch. Dafür spricht der Trend im Einzelhandel, verstärkt auf Eigenmarken zu setzen. Diese kommen immer häufiger von Herstellern, die der Supermarkt aufgekauft hat. „Im eigenen Unternehmen hat man mehr Kontrolle über die Qualität als bei fremden Zulieferern“, sagt Peter Heckmann, Handelsexperte des Beratungsunternehmens Alix Partners.