• Die Vorgeschichte: Seit Mitte Dezember 2017 ist der Vorstandsvorsitz bei Deutschlands drittgrößtem Automobilzulieferer ZF nur kommissarisch besetzt. Konstantin Sauer, der langjährige Finanzvorstand, macht den Job, nachdem Stefan Sommer Anfang Dezember abgedankt hatte. Im Hintergrund stand ein beispielloses Zerwürfnis über den Kurs der Firma mit dem Haupteigner, der Zeppelin-Stiftung, und deren Vertreter im ZF-Aufsichtsrat, Andreas Brand. Das Tempo, mit dem Sommer ZF auf Expansionskurs brachte, erschien Brand zu hoch, die daraus resultierenden finanziellen Risiken als unkalkulierbar.
  • Die aktuelle Entwicklung: Nach Recherchen des SÜDKURIER war gestern bekannt geworden, dass der 55-jährige derzeitige Chef des Stuttgarter Mahle-Konzerns, Wolf-Henning Scheider, der Top-Kandidat bei der Nachfolge Sommers ist. Eine Quelle sagte, unter Aufsichtsräten von ZF sei die Entscheidung für Scheider schon gefallen. Im Management beider Unternehmen kursierten entsprechende Gerüchte schon seit einiger Zeit. Bestätigt wird die Personalie allerdings weder von ZF noch von Mahle. „Wir äußern uns nicht zu Gerüchten“, heißt es.
  • Was für Scheider spricht: Scheider ist ein ausgewiesener Autozulieferfachmann.
    Als Ex-Bosch-Manager und derzeitiger Chef des Kolbenspezialisten Mahle kennt er sich in der Branche bestens aus. Dass er bei Bosch die wichtigste Firmen-Sparte – den Kfz-Bereich mit einem Umsatz von über 40 Milliarden Euro – führte, macht ihn für ZF höchst interessant. Immerhin ist Bosch einer der Haupt-Konkurrenten von ZF. Außerdem sind sowohl Bosch, als auch Mahle und ZF Stiftungsunternehmen und nicht etwa Aktiengesellschaften. Bei der Nachbesetzung des ZF-Top-Postens mag dies eine wichtige Rolle gespielt haben – immerhin ist Stefan Sommer bei ZF im Streit ausgeschieden, weil es ihm nicht gelang, die Sensibilitäten des Eigners Zeppelin-Stiftung zu berücksichtigen. Scheider dagegen könne widerstrebende Interessen "sehr gut ausbalancieren", sagt Auto-Professor Ferdinand Dudenhöffer. Dass er der Kandidat von OB Brand sei, liege nahe. Technologisch hat Scheider bei Mahle einen ähnlichen Kurs eingeschlagen wie Sommer bei ZF. Beide haben massiv auf das Thema E-Mobilität gesetzt, um ihre von Kolben und Getrieben abhängige Unternehmen fit für die Zukunft zu machen. Durch den Kauf von Firmen wie Letrika oder Nagares hat Scheider Mahles E-Motoren-Kompetenz deutlich ausgebaut. Außerdem kooperieren ZF aber auch Mahle mit der Branchengröße Faurecia beim Thema E-Mobilität. "Ich glaube Scheider ist für ZF die beste Entscheidung", sagte Autoexperte Dudenhöffer.
  • Was die Belegschaften denken: Die Diskussion um den Weggang ihres Chefs hat die Mahle-Belegschaft kalt erwischt.
    „Die Tendenz geht hin zu blankem Entsetzen“, sagte Jürgen Kalmbach, Betriebsratschef der Mahle-Werke Stuttgart und Fellbach. "Ich bin schon erschrocken, als ich das erfahren habe." Klar sei, dass ein Betriebsrat nicht immer mit dem Firmenchef einer Meinung sei. Immerhin habe Scheider auch schmerzhafte Entscheidungen getroffen und beispielsweise Werke verkauft. Andererseits habe er die Ausrichtung von Mahle Richtung Elektromobilität konsequent vorangetrieben. "Sein Konzept für Mahle ist schlüssig“, sagte Kalmbach. „Ich habe es mitgetragen.“ Bei ZF in Friedrichshafen sieht man die Lage weniger aufgeregt. Klar, der mögliche Neuzugang Scheider hat einen guten Ruf. Wie es aus dem Unternehmen heißt, ist die Stimmung "insgesamt eher abwartend".
  • Warum Scheider zu ZF kommt: ZF mit einem Umsatz von rund 36 Milliarden Euro ist eine andere Nummer als Mahle mit 12,3 Milliarden. Ein Wechsel an den Bodensee würde für den Porsche-Fan Scheider einem Aufstieg gleichkommen. Andererseits haben die Friedrichshafener in den letzten Monaten so schlechte Schlagzeilen gemacht, dass mehrere Kandidaten für die Sommer-Nachfolge abgewunken haben. Aber auch bei Mahle läuft nicht alles rund: Die Gewinne sind seit Jahren unter Druck. 2016 wurden unter dem Strich nur 63 Millionen Euro verdient. Gerüchten zufolge soll Scheider deswegen bei Mahle-Aufsichtsratschef Heinz Junker in Ungnade gefallen sein. Junker wiederum sitzt mit ZF-Aufsichtsratschef Franz-Josef Paefgen im Mahle-Kontrollgremium. Man kennt sich also und könnte übereingekommen sein, durch Scheiders Wechsel zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Von Mahle-Seite wird ein Zusammenhang zwischen der Gewinnschwäche der Stuttgarter und Scheiders möglichem Wechsel dementiert. "Ich halte das für abwegig", sagte ein Mahle-Sprecher.
  • Wie es weitergeht: Auch wenn man sich hinter den Kulissen schon auf Scheider geeinigt hat, gibt es offene Fragen. Nach SÜDKURIER-Informationen hat Scheider einen Vertrag, der noch bis ins Jahr 2020 hinein läuft. Das verkompliziert einen zeitnahen Wechsel zu ZF. Zudem fällt den offiziellen Beschluss, wer an die Spitze von ZF rückt, der Aufsichtsrat. Er tagt nach Informationen unserer Zeitung am 31. Januar – kommenden Mittwoch. Erst dann gibt es Klarheit.

Der Mahle-Konzern

Mahle ist der bekanntenste deutsche Kolbenhersteller, hat zuletzt aber stark auf Thermomanagement und Motoren für E-Fahrzeuge gesetzt. Mit 76 000 Mitarbeitern machte man 2016 rund 12,3 Milliarden Euro Umsatz. Der Gewinn sank aber um fast 50 Prozent auf 63 Millionen Euro. Mahle begründete das mit hohem Forschungsaufwand und wichtigen Zukäufen in Zukunftsfeldern. Ähnlich wie ZF ist auch Mahle ein Stiftungsunternehmen. Fast alle Anteile liegen bei der Mahle-Stiftung, die Stimmrechte bei der Mabeg. (wro)

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