Wer sich in diesen Tagen in Ingolstadt nach Rupert Stadler umhört, der hört vor allem: nichts. Beim FC Ingolstadt beispielsweise kann man sich nicht daran erinnern, ihn gesehen zu haben, seit er Anfang November frei kam. Auch regelmäßige Besucher des Stadttheaters oder von Konzerten haben ihn seither nicht gesehen. In der Stadtöffentlichkeit ist Stadler nicht präsent. Und auch bei Audi fragen sich viele, was ihr alter Chef wohl macht.

Strenge Auflagen

Stadler ist nach seiner Freilassung untergetaucht. Sein Anwalt Thilo Pfordte spricht ebenfalls nicht. Der frühere Audi-Chef hat auch keine Veranlassung für einen großen Auftritt nach vier Monaten in Untersuchungshaft. Er muss strenge Auflagen befolgen, darunter ein Kontaktverbot zu Personen, die für das Ermittlungsverfahren relevant sind. Zudem musste er eine Kaution hinterlegen, die sicher im Millionenbereich liegt. Und: Gegen Stadler besteht laut Oberlandesgericht München, das den Haftbefehl außer Vollzug gesetzt hat, weiterhin „dringender Tatverdacht“. Stadler und weitere Führungskräfte von Audi sollen Kunden betrogen haben, indem Dieselfahrzeuge mit hohen Schadstoffemissionen als sauber angepriesen und verkauft worden seien. Nach Recherchen unserer Redaktion gehen die Justizbehörden davon aus, dass im späten Frühjahr 2019 eine Anklageschrift gegen Stadler fertig ist.

Nach Einschätzung von mit der Angelegenheit befassten Juristen wird diese Anklage alles andere als wacklig sein. Stadler und sein Verteidiger bestreiten die Vorwürfe bislang. Das Hauptproblem für die Staatsanwaltschaft dürfte die genaue Bezifferung der Schadenssumme sein.

Audi hinkt hinterher

Audi sucht unterdessen den Befreiungsschlag. Bis Ende 2023 will das Unternehmen rund 14 Milliarden Euro in Zukunftstechniken investieren. „Mit Modellen wie dem gerade vorgestellten Audi e-tron GT Concept wollen wir die Menschen wieder für Audi elektrisieren“, sagt Interimschef Bram Schot.

Aufzuholen gibt es tatsächlich viel. Denn bei den Auslieferungen ist Audi deutlich hinter die Oberklasse-Konkurrenten Mercedes und BMW zurückgefallen, berichtet Frank Schwope, Analyst der Nord LB. Statt der Nummer zwei ist Audi nur noch Nummer drei. Bis Ende Oktober lieferte Mercedes 1,9 Millionen Fahrzeuge aus, BMW 1,7 Millionen, Audi nur noch 1,5 Millionen. Dazu kommt: Die Umstellung auf den neuen Abgastest WLTP lief bei Audi besonders holprig, viele Modelle standen zeitweise nicht zum Kauf bereit, da die Zulassung noch nicht vorlag. Das Problem dürfte vorübergehend sein, meint Schwope. Im November brachen trotzdem die Audi-Absatzzahlen auf dem deutschen Markt um 43 Prozent ein. Die Flaute macht sich in der Bilanz bemerkbar. Die Zahlen der ersten neun Monate sind schlechter als im Vorjahreszeitraum. Dies liegt auch an einer 800-Millionen-Euro-Zahlung, welche die Münchner Justiz in der Diesel-Affäre gegen Audi verhängt hat.

Audi-Fahrzeuge stehen in Ingolstadt vor dem Audi-Forum. Das Unternehmen ist bei der Auslieferung hinter die Oberklasse-Konkurrenz zurückgefallen.
Audi-Fahrzeuge stehen in Ingolstadt vor dem Audi-Forum. Das Unternehmen ist bei der Auslieferung hinter die Oberklasse-Konkurrenz zurückgefallen. | Bild: Armin Weigel/dpa

Dass Audi „in schwierigen Fahrwassern“ sei, sagt auch Branchenkenner Ferdinand Dudenhöffer. Zwar habe Audi eine recht gute Zeit bis 2015/16 gehabt. „Bereits unter Rupert Stadler ist Audi aber müde geworden und hat an Innovationskraft verloren – dann ist auch noch Dieselgate dazugekommen“, sagt der Professor. „Bis heute hat sich Audi nicht stabilisiert.“

Riskante Personalstrategie

Für die Instabilität gebe es mehrere Gründe: „Viele machen heute Audi, weniger VW für die Diesel-Affäre verantwortlich“, sagt Dudenhöffer. Es sei zudem riskant gewesen, mitten im Diesel-Skandal weiter mit Stadler an der Spitze in die Zukunft fahren zu wollen. Die Strategie ist spätestens mit Stadlers Festnahme gescheitert. Auch der mutmaßliche Plan, BMW-Mann Markus Duesmann an die Audi-Spitze zu holen, sei nicht aufgegangen: BMW will den Manager nicht vorzeitig ziehen lassen. „Das alles hat das Unternehmen immer wieder zurückgeworfen.“ Mit Sorge beobachtet Dudenhöffer die häufigen Wechsel an der Spitze der Entwicklungsabteilung – also dort, wo die Innovationen entstehen. „Man muss nun sehen, dass Audi bald stabilisiert wird“, meint er. Ein E-Auto wie der Audi e-tron genüge dafür nicht.

Audi will an Spitze zurüc

Bei Audi selbst ist man überzeugt, der Konkurrenz nicht so weit hinterherzuhinken, wie Beobachter sagen. Audi habe neben dem Diesel andere Antriebskonzepte vorangetrieben, betont ein Audi-Sprecher – darunter Hybridmodelle und die E-Mobilität. „Wir haben vor einigen Jahren eine breit angelegte Elektrooffensive gestartet“, sagt er. Die Entwicklung eines grundlegend neuen Produktes dauere aber vier bis fünf Jahre. Nach dem Audi e-tron sollen in den nächsten sechs Jahren 20 weitere elektrische oder elektrifizierte Modelle auf den Markt zu kommen. Dazu habe man den Erdgasantrieb in Serie gebracht. Auch wenn dies nicht kurzfristig zu verwirklichen sei, ein klares Ziel, habe man bei Audi: „Uns wieder an die Spitze zurückzuarbeiten“.