Ein Glas Leitungswasser gratis zum Essen, das könnte in den Ländern der Europäischen Union bald Realität werden. Aktuell verhandeln die Gremien auf europäischer Ebene über einen Vorschlag des Parlaments. Der könnte dafür sorgen, dass Trinkwasser künftig kostenlos angeboten wird – auch bei einem Besuch im Restaurant.

Was soll die neue Richtlinie bewirken?

Ihr Ziel ist, allen Bürgern der Europäischen Union den kostenfreien Zugang zu Leitungswasser zu ermöglichen. „Das Recht auf Wasser ist ein Menschenrecht“, sagt die Europa-Abgeordnete der Freien Wähler, Ulrike Müller, im Gespräch mit dem SÜDKURIER. Sie war als einzige deutsche Abgeordnete an dem Entwurf zur Richtlinie beteiligt.

Welche Auswirkungen hat das für die Wirte?

Leitungswasser kostet Gastronomen in Deutschland etwa 0,2 Cent pro Liter. „Unsere Wirte schreien auf, dabei dürfen sie eine geringe Service-Gebühr verlangen“, sagt Abgeordnete Müller. Die Service-Gebühr, die die Wirte individuell festlegen können, soll den Aufwand für das Bereitstellen und Spülen der Gläser entschädigen. Daniel Ohl, Pressesprecher des Hotel- und Gaststättenverbandes (DEHOGA) Baden-Württemberg sieht die geplante Richtlinie kritisch: „Die Gastronomie lebt von dem, was sie umsetzt, nicht von dem, was sie verschenkt.“

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Warum sind Getränke in Restaurants generell so teuer?

Das Essen in deutschen Restaurants ist im europäischen Vergleich relativ günstig. Deswegen sind viele Gastronomen gezwungen, hohe Aufschläge bei Getränken zu nehmen. Der Verkauf von Getränken stellt demnach einen wesentlichen Teil der Erträge dar. Auch Leitungswasser gratis anzubieten, sei laut Daniel Ohl nicht rentabel. „Unsere Mitatrbeiter müssen von den Umsätzen bezahlt werden.“ Die Idee von Gratis-Leitungswasser zeige die „fehlende Wertschätzung für den Service in der Gastronomie„, sagt Ohl auf Nachfrage des SÜDKURIER.

Ist das Leitungswasser so gut, dass man es trinken kann?

Damit in ganz Europa mehr Leitungswasser getrunken wird, will das Parlament mit der Richtlinie das Vertrauen in die Qualität des Leitungswassers steigen. „Zu 99,8 Prozent kann man Trinkwasser in Deutschland unbedenklich trinken“, erklärt Ulrike Müller. Doch EU-Bürger seien bei der Reise ins Ausland oft skeptisch: Nur 20 Prozent halten das Leitungswasser außerhalb des Heimatlandes für akzeptabel. Die Richtlinie sieht so hohe Grenzwerte vor, dass damit das Wasser in ganz Europa trinkbar werden soll.

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Trägt das Trinken von Leitungswasser zum Umweltschutz bei?

Wenn mehr Bürger Leitungswasser tränken, könnten Kunststoffabfälle verringert werden, die durch den Verbrauch von Flaschenwasser entstehen und unter anderem die Meere verschmutzen. Laut der Europäischen Kommission könnte ein geringerer Verbrauch von Flaschenwasser den Haushalten in Europa zusätzlich zu Einsparungen von mehr als 600 Millionen Euro pro Jahr verhelfen.

Wie regeln das andere EU-Länder?

Frankreich und Spanien haben es vor gemacht: In diesen Ländern ist die obligatorische Karaffe mit Leitungswasser zum Essen schon Alltag. Das Prinzip soll mit der Richtlinie nun ausgeweitet werden. In Italien gibt es ebenfalls Leitungswasser umsonst, dafür hat sich aber die Gebühr für das Gedeck etabliert. Jedem Gast wird eine kleine Gebühr berechnet, sobald er sich in einem Restaurant an einen Tisch setzt.

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Wo können Gäste das Leitungswasser gratis bekommen?

Die Richtlinie sieht keine Begrenzung vor. Theoretisch kann sie also für Restaurants ebenso wie für Cafés und Imbissläden gelten. Das kann jedes Land bei der nationalen Umsetzung festlegen.

Wie viel Leitungswasser darf verlangt werden?

Dafür gibt der Vorschlag zur Richtlinie keine Obergrenze vor. In vielen Cafés gibt es bereits heute ein Glas Wasser zum Kaffee dazu, in manchen Restaurants auch eine Karaffe zum Essen. Die Handhabe liegt weiterhin bei den Wirten – auch wenn die Richtlinie in dieser Form beschlossen werden sollte. Für die Gäste gilt auch heute schon: Die Wirte ansprechen und fragen, ob ein Glas oder eine Karaffe Leitungswasser kostenlos möglich wäre.

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Wie ist der aktuelle Stand der Richtlinie auf europäischer Ebene?

Das Parlament und die Kommission haben bereits einen Vorschlag für die Richtlinie erarbeitet. Als Nächstes steht die Diskussion mit dem Rat auf dem Programm. Sollte dieser den Vorschlag annehmen, könnte sie ab Herbst 2019 in Kraft treten. Die geplante Richtlinie empfiehlt Restaurants aber nur, ihren Gästen das Leitungswasser kostenlos zur Verfügung zu stellen. Verpflichtet werden sie dazu nicht. Die Mitgliedsstaaten der EU haben aber die Möglichkeit, verbindliche Gesetze aus der Richtlinie abzuleiten.